Stand: 24.07.2020 18:59 Uhr

Stutthof-Prozess: Bewährungsstrafe für ehemaligen KZ-Wachmann

Ein 93 Jahre alter ehemaliger SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig sitzt im Landgericht in einem Gerichtssaal hinter einer Plexiglasscheibe. © picture alliance/Daniel Bockwoldt/dpa Foto: Daniel Bockwoldt
Der 93-jährige Angeklagte war von August 1944 bis April 1945 Wachmann im KZ Stutthof.

Das Landgericht Hamburg hat einen ehemaligen Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig zu zwei Jahren Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt. Die Jugendstrafkammer sprach den 93 Jahre alten Angeklagten Bruno D. am Donnerstag der Beihilfe zum Mord in 5.232 Fällen und wegen Beihilfe zu einem versuchten Mord schuldig. Weil der Angeklagte zur Tatzeit erst 17 beziehungsweise 18 Jahre alt war, fand der Prozess vor einer Jugendstrafkammer statt.

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Jugendstrafe von drei Jahren beantragt. Sie warf dem Angeklagten vor, er sei als KZ-Wachmann in der Zeit von August 1944 bis April 1945 ein "Rädchen der Mordmaschinerie" der Nationalsozialisten gewesen. Die Verteidigung hatte Freispruch gefordert. Die Vertreter der 40 Nebenklägerinnen und Nebenkläger - darunter 35 Überlebende des Lagers - hatten eine Verurteilung des Angeklagten verlangt, aber keine über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinausgehende Strafforderung gestellt.

Richterin: Einblicke in "unvorstellbar dunkle Zeit"

Anne Meier-Göring, Vorsitzende Richterin im Prozess gegen einen 93 Jahre alten ehemaligen SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig, sitzt im Landgericht auf der Richterbank. © picture alliance/Daniel Bockwoldt/dpa Foto: Daniel Bockwoldt
Richterin Meier-Göring: "Achtet die Würde des Menschen um jeden Preis."

Die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring sagte in der Urteilsbegründung, der Angeklagte habe den Nebenklägerinnen und Nebenklägern "entsetzliches Unrecht" angetan. An Bruno D. gewandt sagte sie, dieser sehe sich nur als Beobachter. "Dabei waren Sie Gehilfe dieser menschengemachten Hölle", so Meier-Göring. "Sie hätten nicht einen verbrecherischen Befehl befolgen und sich schon gar nicht auf diesen berufen dürfen." Das Verfahren sei rechtlich und menschlich schwierig gewesen und habe Einblicke in eine "unvorstellbar dunkle Zeit" gegeben. Es habe gezeigt, "zu welchen Verbrechen gegen die Menschlichkeit" Menschen fähig seien. Die eigentliche Botschaft dieses Verfahren sei: "Achtet die Würde des Menschen um jeden Preis - ja auch, wenn der Preis die eigene Sicherheit ist", sagte die Vorsitzende Richterin.

Bruno D. hörte die Urteilsverkündung mit leicht gesenktem Blick an, eine sichtbare Regung zeigte der 93-Jährige nicht. In seinem letzten Wort hatte der Angeklagte die Überlebenden und Hinterbliebenen der KZ-Opfer am Montag um Verzeihung gebeten. Er wolle sich bei denen, "die durch diese Hölle des Wahnsinns" gegangen seien, und bei deren Angehörigen entschuldigen. Zugleich betonte er, sich nicht freiwillig zum Dienst in der SS oder einem Konzentrationslager gemeldet zu haben. Er sei abkommandiert worden und habe keine Möglichkeit gehabt, sich dem zu entziehen.

Warum so spät?

Der Prozess gegen Bruno D. hatte 74 Jahre nach den Mordtaten im KZ Stutthof begonnen. Hintergrund ist eine Änderung in der Rechtsprechung bezüglich NS-Verbrechern. 2011 wurde John Demjanjuk, ein ehemaliger Wachmann im deutschen Vernichtungslager Sobibor, wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 28.000 Fällen verurteilt - ohne dass ihm eigenhändige Mordtaten nachgewiesen werden konnten. Seither ermittelt die deutsche Justiz auch gegen Angehörige der Wachmannschaften anderer Konzentrations- und Vernichtungslager, auch wenn sie nicht persönlich für einzelne Tötungen verantwortlich sind.

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Ein 93 Jahre alter ehemaliger SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig sitzt im Hamburger Landgericht und verdeckt sein Gesicht mit einer blauen Mappe. © picture alliance / dpa Foto: Axel Heimken

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 23.07.2020 | 12:00 Uhr

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