Stand: 21.07.2020 10:46 Uhr

Neuer Stadtteil Oberbillwerder: Aus Fehlern lernen?

von Bert Beyers

Oberbillwerder ist Hamburgs zweitgrößtes Bauvorhaben nach der Hafencity. Nördlich der S-Bahnstation Allermöhe, wo sich heute grüne Felder erstrecken, sollen 2027 die ersten Bewohner einziehen - wenn der Bau nicht doch noch verzögert wird. Hamburgs 105. Stadtteil wird dann in den Folgejahren weiter wachsen, 7.000 Wohnungen sollen dort gebaut werden. Mit Großsiedlungen hat Hamburg in der Vergangenheit keine guten Erfahrungen gemacht. Auch deshalb gibt es Proteste der Anlieger. Können die Stadtplaner in Oberbillwerder die Fehler der Vergangenheit vermeiden?

VIDEO: Oberbillwerder - Hamburgs 105. Stadtteil (4 Min)

Direkt an der S-Bahnstation Allermöhe befindet sich ein Busparkplatz mit Ausblick: Felder soweit das Auge reicht. Es braucht schon etwas Fantasie, um sich auf dieser Fläche den neuen Stadtteil Oberbillwerder vorzustellen. Auf der anderen Seite des S-Bahndamms eröffnet sich ein kleiner Platz. In dessen Mitte steht eine überdimensionale Stahlskulptur, bestehend aus drei Wendeltreppen, die sich in den Himmel schrauben. Dahinter liegt der Stadtteil Allermöhe-West, entstanden in den 1990er-Jahren. Mit den Großsiedlungen aus den 1960er-Jahren wie Osdorfer Born, Steilshoop oder Mümmelmannsberg, hat Allermöhe nicht viel gemeinsam. Die Bebauung ist deutlich niedriger, vier Geschosse, dazwischen Fleete, die mit Brücken überspannt sind.

Skepsis bei Menschen in Allermöhe

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Kritiker von Oberbillwerder wollen die Natur erhalten  Foto: Bert Beyers
2 Min

Oberbillwerder: Das sagen die Kritiker

Eine einzigartige Naturlandschaft würde zerstört, wenn Oberbillwerder hier auf der "grünen Wiese" gebaut würde. Auch die Verkehrsanbindung des neuen Stadtteils über die S-Bahn halten die Kritiker für unzulänglich. 2 Min

Die Menschen in Allermöhe sehen mit Skepsis auf den neuen Stadtteil jenseits der S-Bahn. Warum soll die Natur dort einfach verschwinden? Viele der Bewohnerinnen und Bewohner von Oberbillwerder werden morgens wohl auch die S-Bahn Richtung Innenstadt nehmen - dabei sind die Bahnen in der Rushhour schon heute übervoll. Es gibt ein Bürgerbegehren gegen Oberbillwerder. Jan Diegelmann, einer der Initiatoren, sagt: "Grünflächen sollten in Hamburg erst dann bebaut werden, wenn es gar keine anderen Möglichkeiten mehr gibt." Und das sei noch lange nicht der Fall.

Hamburg wächst

Ingrid Breckner von der HafenCity Universität hält dagegen: Das Angebot an Flächen in Hamburg sei bereits knapp, alle Möglichkeiten würden schon heute ausgeschöpft. "Der Grasbrook wird bebaut werden, soweit es mit den dortigen Industriebelastungen geht, es wird aufgestockt, die Magistralen werden verdichtet." In den Jahren bis 2017 sind Jahr für Jahr 20.000 Menschen in Hamburg dazugekommen, jedes Jahr eine Kleinstadt. Die Kritikerinnen und Kritiker argumentieren, in den vergangenen zwei Jahren sei der Zuzug bereits rückläufig gewesen. Die Bevölkerungsprognose bis 2040 lässt aber keinen Zweifel: Hamburg wächst weiter.

Wann wird gebaut?

Im Übrigen hat der Senat die Planung für Oberbillwerder längst an sich gezogen. Der Bezirk Bergedorf soll den Masterplan aus dem vergangenen Jahr nun umsetzen. Allerdings hat die neue Koalition in der Bergedorfer Bezirksversammlung - bestehend aus SPD, Grünen und FDP - Anfang März 2020 einen Antrag eingereicht, der das Projekt noch verzögern kann. Dabei geht es unter anderem um die Baustellenerschließung. Denn bevor Oberbillwerder tatsächlich gebaut wird, muss das Gelände erhöht werden. Dafür werden Zehntausende Lkw-Ladungen benötigt. Die Frage ist nun: Wo genau sollen diese Lastwagen entlang rollen? Die Verhandlungen darüber laufen. Baubeginn ist nach jetziger Planung Mitte der 2020er-Jahre. Ob der Termin gehalten werden kann, weiß derzeit niemand. Der neue Stadtteil soll ohnehin langsam wachsen, über 15 bis 20 Jahre. Um das Jahr 2040 herum soll er fertig sein. Karen Pein von der IBA Hamburg, der die Planung von Oberbillwerder obliegt, sagt: "Oberbillwerder wird der schönste und lebenswerteste Stadtteil Hamburgs werden. Die Menschen werden sich im Zweifel eher um die Grundstücke reißen."

Schlafstadt Neu-Allermöhe

Kann man über solch lange Zeiträume städtische Räume überhaupt planen? Auch Neu-Allermöhe galt einmal als Musterstadtteil. Dann kam der Fall der Mauer. Hamburg musste nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Tausende Russlanddeutsche unterbringen. Die Behörden entschieden sich für Neu-Allermöhe. Und so wurde der Stadtteil zu "Klein-Moskau". Aus heutiger Sicht ist das übertrieben. Neu-Allermöhe hat zwar einen hohen Ausländeranteil und viele Sozialwohnungen. Der Stadtteil verfügt aber über genügend Schulen und Kindergärten - eine typische Schlafstadt. Gewerbe, Einzelhandel, Restaurants sind rar.

Oberbillwerder soll anders werden

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Hamburgs 105. Stadtteil Oberbillwerder
2 Min

Oberbillwerder: Das sagen die Planer

Wohnen und Arbeiten an einem Ort: In Oberbillwerder sind bis zu 5.000 Arbeitsplätze geplant. Parkende Autos sollen in dem neuen Stadtteil in sogenannten Mobility-Hubs verschwinden. 2 Min

"Oberbillwerder sollte von Neu-Allermöhe lernen, dass es keinen Sinn macht, eine Bevölkerungsgruppe zu privilegieren", sagt Ingrid Breckner. "Nur weil man dann die Sicherheit hat, dass im Zweifelsfall das Sozialamt die Miete bezahlt." Tatsächlich setzt man in Oberbillwerder auf "soziale Durchmischung", eines der Lieblingswörter moderner Stadtplanung. Im Geschosswohnungsbau gilt der Hamburger Drittelmix, heißt: ein Drittel Sozialwohnungen, ein Drittel Eigentum, ein Drittel der Mietwohnungen wird auf dem freien Markt angeboten. Außerdem sollen Baugemeinschaften in Oberbillwerder eine große Rolle spielen. Der Masterplan zeigt fünf unterschiedliche Quartiere, die mit einem grünen Ring verbunden sind. Es gibt verschiedene Gebäudetypen, auch unterschiedlich hohe, von mehrgeschossigen Wohnhäusern, über Mehrfamilienhäuser bis hin zu Reihen- und Einfamilienhäusern. Die Straßen in Oberbillwerder sollen von privaten Autos weitgehend freigehalten werden. Dafür gibt es sogenannte Mobility Hubs, die aber mehr sein sollen als öde Parkhäuser - vielmehr sollen sie in den Untergeschossen mit Geschäften und Werkstätten ausgestattet werden. Oberbillwerder erhält ein eigenes Schwimmbad, auch als Anziehungspunkt für die Menschen außerhalb des neuen Stadtteils. Die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) wird einen Standort in Hamburgs 105. Stadtteil beziehen, samt Mensa und Bibliothek.

Wohnen und Arbeiten

"Es gibt eigentlich kaum noch größere Wohngebiete, wo man versucht, das Arbeiten zu vermeiden“, sagen Karen Pein. In Oberbillwerder möchte man bis zu 5.000 Arbeitsplätze schaffen. Die Geschäftsführerin der IBA wünscht sich beispielsweise einen Laden, der regionale Produkte aus den Vier- und Marschlanden anbietet. Oder warum sollte ein großer Konzern sich nicht dafür entscheiden, Turnschuhe in Oberbillwerder zu produzieren? Vielleicht gibt es Start-ups, die sich aus der Hochschule heraus entwickeln und in Oberbillwerder bleiben. Oder eine innerstädtische Fischzucht, wie sie bereits in Berlin existiert und wie Karen Pein sie sich auch für Oberbillwerder wünscht.

Plan und Wirklichkeit

Die IBA selber kann nicht das unternehmerische Risiko für die Gewerbetreibenden in Oberbillwerder tragen. Sie hat auch nur bedingt Einfluss auf die Preisgestaltung für Mieten und Eigentum in dem neuen Stadtteil. Was man mit Blick zurück auf die Großsiedlungen in Hamburg sagen kann: Eine Lernkurve ist erkennbar. Von den Wohnsilos der 1960er- über Neu-Allermöhe der 1980er- und 1990er-Jahre - und nun kommt der neue Stadtteil Oberbillwerder. Karen Pein sagt es so: "Die Visionen müssen noch an den Boden gebracht werden." So viel ist klar, Ideen für Oberbillwerder gibt es genug. Ob sie Realität werden, das wird die Zukunft zeigen.

Weitere Informationen
Ingrid Breckner über Oberbillwerder.  Foto: Bert Beyers
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Wissenschaftlerin zu Oberbillwerder

Hamburg hat kaum noch Flächen für den Neubau - auch deshalb müsse Oberbillwerder auf der "grünen Wiese" gebaut werden. Das sagt eine Stadtplanerin der HafenCity Universität. 2 Min

Eine S-Bahn Station dahinter viel grünes Feld von Oberbillwerder.

Weitere Unterschriften gegen Oberbillwerder gesammelt

Gegner des neuen geplanten Hamburger Stadtteils Oberbillwerder wollen das Projekt aufhalten. Sie gaben weitere Unterschriften beim Bergedorfer Bezirksamt für ein Bürgerbegehren ab (15.05.2020). mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 18.07.2020 | 19:30 Uhr

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