Stand: 12.07.2012 15:27 Uhr

Neue Mitte Altona: Ruhe vor dem Sturm?

von Claudia Wohlsperger
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Ein Autozug wird in Altona verladen. Der Fernbahnhof soll nach Diebsteich umziehen.

Am Bahnhof Altona wird gerade ein Autozug nach Alessandria, Italien verladen. Es herrscht Trubel, der Bahnhof ist voller Menschen. Mein Blick schweift über die Gleise, die Kabel, Masten und den Wasserturm. Er soll in der Neuen Mitte Altona erhalten bleiben, als Wahrzeichen.

Wo der Turm aufragt, soll Großes entstehen: ein Wohngebiet mit 3.500 Wohnungen. Damit könnte dem Hamburger Wohnungsmangel Abhilfe geleistet werden. Etwa ein Drittel davon sollen Sozialwohnungen werden.

Außerdem sind eine Schule und Kitas geplant. Das Highlight, das auch den jetzigen Anwohnern zugutekommen könnte, ist ein Park: Wo jetzt Gleise verlaufen, soll Altona acht Hektar mehr Grün bekommen.

Ein Spaziergang durch Altona

Das gesamte Bauvorhaben ist problematisch. Voraussetzung für den neuen Stadtteil ist, dass die Bahn ihren Fernbahnhof verlegt. Doch diese Entscheidung ist noch nicht gefällt. Etwa 2.000 Wohnungen und der ersehnte Park stehen dabei auf dem Spiel. Nur im Osten des Planungsgebietes soll unabhängig von den Bahn-Plänen bald gebaut werden.

Noch brauche ich viel Fantasie, um mir das vorzustellen. Mein Spaziergang wird mich vom Bahnhof Altona auf der Harkortstraße zur S-Bahnstation Diebsteich bringen. Ich verlasse den Bahnhof und gehe an der teilweise schon stillgelegten Bahnanlage entlang.

Großbaustelle entlang der Harkortstraße

Die Harkortstraße bildet die Ostgrenze des Planungsgebietes. Hier befindet sich die Hamburger Redaktion der "taz". Ihr Gebäude wird wohl nicht abgerissen, aber ob sie bleibt, steht nicht fest. "Wer will schon neben einer Großbaustelle arbeiten?", so ein Mitarbeiter. Für die Bauarbeiten wurden von der Stadt immerhin 15 Jahre berechnet. Das Wohngebiet gegenüber wird ebenfalls bleiben. Doch statt Zuglärm werden die Bewohner dann Baulärm ertragen müssen.

Ich gehe weiter an Gebäuden vorbei, die wohl dem neuen Stadtteil weichen müssen. Viele davon stehen schon leer, einige beherbergen Büros. Auf der rechten Seite stehen bald keine Wohnhäuser mehr, sondern Anlagen der Holsten Brauerei. Außer mir ist niemand auf der Straße. Aus dem Hinterhof der letzten Häuser auf der Bahnhofsseite höre ich eine Kreissäge surren, ich folge dem Geräusch. Hinten sehe ich den Wasserturm und Güterhallen mit kaputten Fenstern. Die Hallen stehen unter Denkmalschutz und sollen in die Wohnanlage integriert werden.

Ich frage einen jungen Mann, der Kabel aufrollt, ob er und seine Kollegen von den Bauplänen betroffen sind: "Und  wie uns das betrifft. Komm am besten gleich mit rein, Marc weiß dazu Einiges."

Ein "Schwarzwaldhaus" muss weg

Wir betreten ein weißes Fachwerkhaus. "Das hat die Bahn gebaut, dann stand es ewig leer. Wir sind seit 14 Jahren hier," sagt Marc Peemöller, einer der Mieter. Außer seiner Firma für Veranstaltungstechnik sind hier noch Tonstudios, ein Architekt und ein Lautenbauer. Wir sitzen in einem kleinen Konferenzraum, in der Glastür spiegelt sich das Backsteinhaus nebenan.

Peemöller ist Mitglied der Interessengemeinschaft Harkortstraße. Ihm geht es um die rund 200 ansässigen Freiberufler und Angestellte, die sich hier angesiedelt haben. "Die meisten müssen umziehen. Das Haus neben uns steht unter Denkmalschutz", erklärt er. "Aber unser Schwarzwaldhaus wird abgerissen." Auch hier sollen Wohnhäuser entstehen. Der Unternehmer befürchtet, dass sich kleinere Betriebe die Mieten in Mitte Altona nicht mehr leisten können werden. "Hier könnte doch eine Café-Kette rein, das wäre immerhin nett" sagt er. Das Haus könnte dann bleiben.

Karte: Wo ist die Neue Mitte Altona?

"Die machen doch die gleichen Fehler wieder"

Marc Peemöller macht sich Sorgen. "Die machen doch die gleichen Fehler wieder", sagt er und meint die Hafencity, in der sich keine kulturelle Szene oder ein Nachtleben entwickelt hat. "Das wird doch hier genauso!" befürchtet Peemöller.

Zusätzlich hat die Bahn bisher nicht konkret zugesagt, dass der Bahnhof verlegt wird oder wann das sein wird. "Dieser Park, der ist super, den wird man auch brauchen. Das ist das Einzige, von dem auch die Leute was haben, die schon hier wohnen." Der erste Bauabschnitt, westlich der Harkortstraße, sieht kaum Grünflächen vor. Es bleibt Skepsis, ob es den Park überhaupt geben wird.

Ein Wasserturm, ein Wahrzeichen

Ich verlasse das Fachwerkhaus und ziehe weiter. Statt der Häuser säumen jetzt lange Zäune die Straße, die das Bahngebiet abgrenzen und Pflanzen im Zaum halten. Das Areal liegt seit Jahren brach.

Bald endet die Harkortstraße, ich gehe unter der Bahnbrücke hindurch weiter zur S-Bahnstation Diebsteich. Hierhin, etwa zwei Kilometer nördlich vom Bahnhof Altona, soll der Fernverkehr verlegt werden. Vorbei an einer großen Postzentrale, einem Großmarkt und parkenden Lkw erreiche ich die kleine Haltestelle. Ich zwänge mich an der Treppe vorbei und sehe den Wasserturm im Süden. Außer mir sind nur zwei andere Personen am Gleis. Schwer vorstellbar, dass von hier einmal Fernzüge nach Italien starten sollen.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 12.07.2012 | 17:47 Uhr

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