Stand: 16.07.2019 18:22 Uhr

NS-Gedenktafel zwischen Graffiti und Bierwerbung

von Daniel Kaiser
Die neue Gedenktafel, blauer Grund und weiße Schrift links im Bild, wurde am Montag am Bahnhof Sternschanze enthüllt. Der Schriftzug der Bierwerbung ist in etwa so groß wie die Tafel - zumindest bis einer der Initiatoren sich der Sache annahm.

Eine neue Gedenktafel am Hamburger Bahnhof Sternschanze soll daran erinnern, dass von dort im Juli 1942 mehr als 1.700 jüdische Mitbürger nach Theresienstadt verschleppt wurden. Doch der für die Plakette ausgewählte Ort sorgte bei der Enthüllung am Montag für Unmut und hat bereits am Dienstag eine prompte Reaktion hervorgerufen.

"Viiiiel zu klein", ruft einer aus der Menge, als die Tafel am Montag enthüllt wird. Sie hängt auf einer mit großen Graffiti-Buchstaben besprühten Wand gleich neben dem Bahnhofseingang. Außerdem ist noch eine riesengroße Bierflasche zu sehen, die auf die Wand gemalt wurde. Es sieht aus, als würde die XXL-Flasche der neuen XXS-Gedenktafel zuprosten. Die Tafel ist dabei fast kleiner als das Etikett der Bierflasche.

Erst Applaus, dann Erschrecken

Die Enttäuschung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gedenkfeier ist zu spüren und zu hören. Etwa 200 Menschen hatten sich zuvor am Bahnhof versammelt, um an die Deportationen zu erinnern, aber auch auf einen stärker werdenden Antisemitismus heute hinzuweisen. Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) ließ Grüße ausrichten. Als dann die Tafel enthüllt wurde, war da erst Applaus, dann Erschrecken. "Das finde ich unmöglich", empört sich ein Anwohner.

Und ein anderer gibt zu bedenken, dass die Initiative von Anwohnern ehrenamtlich organisiert wurde. "Besser wäre es vielleicht gewesen, die Stadt hätte das Schild besorgt. Der Gruß der Bürgerschaftspräsidentin ist ja lieb, aber schöner wäre es gewesen, sie hätte dafür gesorgt, dass die Wand vorher gereinigt und ein größeres Schild besorgt wird."

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Etwa 200 Menschen nehmen am Montag an der Gedenkfeier teil.
Kleine Tafel nur Zwischenlösung

Tatsächlich hinge dort ohne die Anwohner, die das Gedenken und die Tafel mit Leidenschaft organisiert haben, gar nichts. Aber dass der Bezirk, die Stadt oder die Bahn, nicht dafür sorgen konnten, die Wand zu tünchen oder eine Schriftart zu spendieren, die mehr ist als die unterste Reihe beim Sehtest, empfinden viele am Montagabend bei der Enthüllung als Enttäuschung.

Die sehr kleine Gedenktafel am Bahnhofseingang sei nur eine Zwischenlösung, sagte Holger Artus, einer der Initiatoren aus dem Viertel am Dienstag zu NDR 90,3. Es sei eine wesentlich größere Emaille-Tafel in Arbeit. Die Deutsche Bahn trage die Kosten für die Erinnerungstafel und deren Anbringung. Artus sagte, es gebe "nette" Gespräche mit der Bahn, er habe keinen Zweifel, dass der Eingangsbereich des Bahnhofs mit der Gedenkplatte letztlich einen würdigen Eindruck ergeben werde.

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Bereits einen Tag nach der Enthüllung der Erinnerungstafel verschwinden Bierwerbung und Graffiti unter roter Farbe.
Bierwerbung kurzerhand übermalt

So lange wollte Artus aber nicht untätig bleiben. Er kaufte am Dienstagnachmittag einfach Farbe - Schweden-Rot, wie er NDR 90,3 bestätigte, und strich die Wand rund um die blaue Erinnerungstafel. Am Dienstagabend war daher von der überdimensionierten Bierflasche nur noch der Flaschenhals zu sehen, das Graffiti verschwindet seitdem gänzlich unter der dunkelroten Farbe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 16.07.2019 | 19:00 Uhr

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