Mehr Gewalt im Corona-Jahr: Hamburger Initiativen arbeiten dagegen

Stand: 20.02.2021 13:07 Uhr

Wenn Menschen plötzlich mehr Zeit auf engem Raum miteinander verbringen, steigt der Stresspegel und es kommt öfter zu Aggressionen. Im Corona-Jahr hat es deutlich mehr Gewalt gegeben als sonst.

Das belegt die aktuelle Kriminalitätsstatistik aus Hamburg. Während die Gewaltkriminalität insgesamt leicht um 2,4 Prozent sank, erfasste die Polizei etwa 9 Prozent mehr Opfer von Partnerschaftsgewalt. Das sei der höchste Stand sei zehn Jahren, hieß es. Die Opfer waren zu 78,3 Prozent weiblich. "Die Corona-Eindämmungsmaßnahmen mit Kontaktbeschränkungen und häuslicher Isolation haben das Risiko für Partnerschaftskonflikte seit dem letzten Jahr deutlich erhöht", sagte der Leiter des Landeskriminalamts (LKA), Mirko Streiber Anfang des Monats, bei Veröffentlichung der Statistik.

Gewalt: Wer hilft?

  • In akuten Gewaltsituationen: Polizei über den Notruf 110
  • Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen": Rufnummer 08000 116 016; Beratung an 365 Tagen im Jahr zu jeder Uhrzeit anonym und kostenlos; Mit Hilfe von Dolmetscherinnen ist eine Beratung in vielen Sprachen möglich.
  • Telefonseelsorge: erreichbar rund um die Uhr unter 0800 111 0111 oder 0800 111 0222.
  • Die Frauenhauskoordinierung und der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe bieten Hilfe, Beratung und Weitervermittlung an geeignete Einrichtungen.
  • Opferhilfeorganisationen wie der "Weiße Ring" bieten auf ihrer Webseite Hilfe; ihr Opfertelefon hat die Nummer 116 006.
  • Faruenhäuser, Ehe- und Familienberatungsstellen, Gleichstellungsstellen der Landratsämter und Kommunen, Rechtsberatungsstellen und die Opferschutzbeauftragten der Polizei helööfen ebenfalls.

Freiräume verschwinden

"Soziale Isolation ist einer der wesentlichen Risikofaktoren für Gewalt in der Partnerschaft und Kindesmisshandlung", hatte Sabine Stövesand, Professorin an der Fakultät Wirtschaft und Soziales an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW), NDR 90,3 in einem Interview erklärt. Die Corona-Situation würde die soziale Isolation verstärken. "Freiräume verschwinden, es ist schwieriger, sich Hilfe zu holen", so Stövesand.

Initiativen setzen auf eine aktive Nachbarschaft

Es gibt aber einige Anlaufstellen, die in solchen Situationen helfen: Das Hamburger Gewaltschutz-Zentrum hilft Menschen, die fürchten, selbst gewalttätig zu werden, die schon gewalttätig geworden sind und die Gewalt erleben. Und es gibt die Initiative StoP Partnergewalt, beispielsweise in Hamburg-Wilhelmsburg. Sie funktioniert über Nachbarschaftsgruppen. Ehrenamtliche suchen das Gespräch mit den Familien in ihrem Stadtteil. Die Idee dabei: Eine funktionierende und aktive Nachbarschaft, die in Krisensituationen da ist und hilft.

Dabei wenden sich die Ehrenamtlichen auch direkt an die Männer, die oftmals diejenigen sind, die die Gewalt ausüben. "Männer müssen darüber diskutieren und andere Männer davon überzeugen, dass sie ihr Verhalten ändern", erklärt Abeba-Sium Kiflu von der Initiative. Viele Menschen, die Gewalt erfahren, sprechen aus Scham nicht darüber. Auch dagegen will die Initiative angehen. SToP-Projekte gibt es auch in Steilshoop,  Neuwiedenthal, im Osdorfer Born, dem Phoenixviertel und in der Horner Geest. 

Weitere Informationen
Eine Frau sitzt mit dem Rücken zur Wand und hält ihre Hände abwehrend vor das Gesicht. © NDR Foto: Julius Matuschik

Mehr Fälle häuslicher Gewalt in Hamburg

Gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl schon jetzt deutlich angestiegen. Dabei liegen bisher nur die Fälle bis zum Juli vor. mehr

Eine Frau sitzt im Frauenhaus auf einem Bett © dpa / picture alliance Foto: Maja Hitij

In Hamburg eröffnet ein sechstes Frauenhaus

Noch im Mai soll in Hamburg ein neues Frauenhaus eröffnen. Es bietet Platz für 32 schutzsuchende Frauen und ihre Kinder - und erstmals auch Müttern mit älteren Söhnen. mehr

Ein Portrait von Sabine Stövesand. © Renate Leonhardt Foto: Renate Leonhardt

Expertin: Direkter Kontakt als Mittel gegen Gewalt

Häusliche Gewalt findet meist hinter verschlossenen Türen statt. Das Nachbarschaftsprojekt "SToP" will hier helfen. Entwickelt wurde es von Sabine Stövesand von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW). mehr

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 20.02.2021 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

Das Rathaus in Hamburg. © picture alliance / rtn - radio tele nord

Hamburger Senat zeigt sich offen für Öffnungsschritte

Mit Blick auf das Bund-Länder-Treffen ist Hamburg an weiteren Öffnungsschritten "Interessiert". mehr