Der Angeklagte sitzt zwischen seinen Anwälten Bita Bakhschai (r) und Wolfgang Prinzenberg (l) zum Auftakt seines Prozesses wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. Wegen der Herstellung und des Verkaufs eines nicht zugelassenen Krebsmittels muss sich der 72-Jährige vor dem Landgericht Hamburg verantworten © picture alliance/dpa | Christian Charisius

Krebsmittel unerlaubt hergestellt: 72-Jähriger vor Gericht

Stand: 17.02.2021 13:11 Uhr

Ohne behördliche Genehmigung soll ein Molekularbiologe in Hamburg ein Krebsmedikament in großer Menge hergestellt und verkauft haben. Jetzt muss sich der 72-Jährige einem Strafprozess stellen.

Beim Prozessbeginn vor dem Hamburger Landgericht warf die Staatsanwältin dem Angeklagten vor, das Medikament GcMAF von Januar 2014 bis Mai 2017 an Ärztinnen und Ärzte sowie Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker in Deutschland, Österreich, der Schweiz und anderen Ländern verkauft zu haben. Dabei sei der Angeklagte weder als Arzt oder Apotheker zugelassen gewesen, noch habe er eine Genehmigung für die Herstellung des Mittels in seinem Labor gehabt.

Fast zwei Millionen Euro kassiert

Die Bestellerinnen und Besteller hätten jeweils ein Formular ausfüllen müssen, in dem sie wahrheitswidrig angaben, das Medikament selbst hergestellt zu haben. Auf diese Weise sollte das Arzneimittelgesetz umgangen werden. Die Staatsanwaltschaft geht von 400 Lieferungen aus, durch die der Angeklagte mehr als 1,9 Millionen Euro eingenommen habe. Meist soll die Firma aus dem Hamburger Stadtteil Bahrenfeld Bestellungen von zehn Ampullen zum Preis von gut 3.400 Euro versandt haben. Wie aus der Auflistung der Staatsanwältin hervorging, gab es offenbar eine Reihe von Stammkunden.

Der Angeklagte sitzt zum Auftakt seines Prozesses wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz im Gerichtssaal und hält sich Schreibheft vor sein Gesicht. Wegen der Herstellung und des Verkaufs eines nicht zugelassenen Krebsmittels muss sich der 72-Jährige vor dem Landgericht Hamburg verantworten © picture alliance/dpa | Christian Charisius

AUDIO: Prozess um Krebsmedikamente in Hamburg (1 Min)

Das Mittel GcMAF dürfe von Ärztinnen und Ärzten sowie Heilpraktikeinnen und Heilpraktikern individuell für Patientinnen und Patienten hergestellt und verabreicht werden, erklärte ein Gerichtssprecher. Es werde zur Immuntherapie eingesetzt, darum sei der Nachweis der Wirksamkeit schwierig. Für die Produktion des Mittels zur intravenösen Gabe sei in jedem Fall eine Genehmigung erforderlich. Ein Geschäftspartner des Angeklagten habe 2016 die Behörden informiert.

Für das unerlaubte Inverkehrbringen von Fertigarzneimitteln droht dem Angeklagten bei einem Schuldspruch bis zu einem Jahr Haft je Fall. Bei Handeltreiben mit verschreibungspflichtigen Medikamenten ohne Erlaubnis kann es eine Geldstrafe oder bis zu drei Jahren Haft geben. Einige der angeklagten Fälle drohen zu verjähren. Darum werde gegen den 72-Jährigen auch unter Corona-Bedingungen verhandelt, sagte der Sprecher.

Wegweisender Prozess

Die Verteidigung des 72-Jährigen argumentierte bei den Ermittlungen, der Angeklagte habe das Medikament im Auftrag der Ärztinnen und Ärzte sowie Heilpraktikeinnen und Heilpraktiker produziert. Eine solche Auftragsfertigung sei erlaubt. Der Angeklagte, ein hagerer grauhaariger Mann, will am nächsten Prozess Tag aussagen. Die Strafkammer hat vier weitere Termine bis zum 26. März angesetzt. Dieser Hamburger Prozess dürfte wegweisend sein für weitere Verfahren. In ganz Europa wird gegen Labore ermittelt,  die das Medikament ohne Zulassung hergestellt haben.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 17.02.2021 | 15:00 Uhr

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