Stand: 29.11.2017 17:00 Uhr

Herr Akkaya macht das Licht aus

Die Fußball-Sammelbildchen kleben noch an der Metallstange des Doppelstockbetts. Doch auf dem Gestell liegen keine Matratzen mehr. Die weißen Wände der Flure sind voller Kinderkrakeleien. Doch niemand tobt mehr durch die Gänge. Die ehemalige Erstaufnahme für Asylbewerber am Hellmesbergerweg in Hamburg-Meiendorf steht leer. Als letzte sogenannte prekäre Unterkunft wird sie in diesen Tagen geschlossen. Der ehemalige Baumarkt war fast zwei Jahre lang das Zuhause für gleichzeitig bis zu 600 Menschen. Einige Männer lebten vom Eröffnungstag bis zum Ende in der Halle. "Acht Kinder wurden hier mindestens geboren", sagt der Einrichtungsleiter Orhan Akkaya. Auch er war vom ersten Tag an vor Ort. Und er wird hier das Licht ausknipsen.

Raus aus dem Baumarkt

Hamburg macht aus Baumärkten Wohnraum

Es war der Sommer 2015, der die Stadt Hamburg überforderte. Mehrere Hundert Asylbewerber erreichten die Hansestadt täglich; mehrere Hundert Kinder, Frauen und Männer brauchten damals sofort eine Unterkunft. Sie schliefen in schimmelnden Zelten, in der Bahnhofshalle und auf den Fluren der Unterkünfte. Freiwillige besorgten ihnen Betten in Hostels oder nahmen sie mit nach Hause. Es gab schlicht keinen Platz für all die ausgelaugten Neuankömmlinge in dieser Stadt.

Anfang August 2015 stellten Helfer 1.000 Feldbetten in den Messehallen auf. Auch in einigen Turnhallen wurden Asylbewerber untergebracht. Doch es reichte nicht. Denn in den ersten Septembertagen entschied Ungarns Premierminister Viktor Orbán, die Asylbewerber vom Budapester Bahnhof und diejenigen, die bereits zu Fuß auf dem Weg waren, mit Bussen an die österreichische Grenze zu bringen. Kanzlerin Merkel und Österreichs Kanzler Faymann öffneten ihre Grenzen. Und Hamburg öffnete seine Baumärkte. Nicht immer ohne Probleme.

Mitte September 2015 zogen mehr als 400 Menschen in einem Obi-Baumarkt in Fischbek. Wenige Tage später traten zahlreiche Menschen in einen Hungerstreik, denn in dem ehemaligen Max-Bahr-Markt in Bergedorf war es dreckig, fehlten Betten und die Sanitäreinrichtungen funktionierten nicht. Anfang Oktober fehlte in einem ehemaligen Praktiker-Baumarkt in Eidelstedt die Betreuung; die Menschen schliefen auf Luftmatratzen und mussten sich ihr Essen selbst besorgen.

Ein fremdbestimmtes Leben

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Orhan Akkaya ist dankbar für die Begegnungen mit den Bewohnern "seiner" Unterkunft.

"Die Flüchtlinge waren damals in aller Munde. Ich wollte helfen", sagt Akkaya. Vom Maschinenbautechniker wurde er im Februar 2016 zum Sozialarbeiter und übernahm die Leitung in der Erstaufnahme Hellmesbergerweg. Direkt nach der Registrierung in Hamburg kamen die Asylbewerber hierhin. Zu 14 lebten die meisten in einem Raum - manche zu 28. Kein halber Meter Platz blieb von Bett zu Bett. Ein Metallschrank zwischen Fremden. Nach oben waren die Räume offen. "Natürlich hat man hier jedes Geräusch gehört", sagt Akkaya. Die Menschen teilten sich fünf Duschcontainer auf dem Hof; zur Toilette ging es im Winter durch die Kälte. Familien, Männer und Kinder lebten in verschiedenen Bereichen. Kleinkinder spielten im Kindergarten, Jugendliche lernten in der Schule Deutsch. Wenn Akkaya, immer lächelnd, von den vergangenen Monaten erzählt, spricht ein Mann, der seine Schützlinge mochte.

Doch er weiß auch: Niemand wollte hier wohnen. Es war laut und eng; das Essen ungewohnt; kein Kühlschrank, keine Kochmöglichkeit vorhanden; Waschen durfte man ein Mal die Woche; Steckdosen gab es nur im Essensraum. Um 22 Uhr wurde das Licht gedimmt, um 7 Uhr hochgefahren. Das Leben im Baumarkt war wenig selbstbestimmt. Privatsphäre ade. "Ich habe den Bewohnern immer gesagt: Ihr habt gar nichts; wir geben euch ein Dach und Essen." So habe er es meist geschafft, die Gemüter zu beruhigen, erzählt Akkaya. "Ich habe das Gefühl, geholfen zu haben."

Flüchtlingskoordinator: "Froh, dass die letzte Halle schließt"

Gut 300 Asylbewerber muss Hamburg derzeit jeden Monat neu unterbringen. "Wenn es wieder an die 1.000 werden sollten, müssen wir die Hallen wieder aufmachen", sagt Anselm Sprandel, Hamburgs Flüchtlingskoordinator. Er ist froh, dass die letzte Halle nun schließt. "Ich hatte erwartet, dass die Menschen hier viel länger wohnen müssen. Als wir den Baumarkt umgebaut haben, war die Situation eine ganz andere und nicht absehbar, dass die Balkanroute geschlossen wird." Das Team von Akkaya habe besonders gute Arbeit geleistet, lobt Sprandel die Mitarbeiter des Betreibers AWO. Auch hier hat es Schlägereien gegeben, Probleme mit Alkohol und natürlich Beschwerden über die Lebensumstände. Ganz normal, wenn Menschen so eng unter diesen Umständen leben müssten, sagt Akkaya: "Hätte ich hier wohnen müssen, ich wäre wohl verrückt geworden."

Akkaya und ein Teil seines Teams wechseln nun in die Folgeunterkunft in Hamburg-Rissen. Er freut sich sichtlich auf die neue Aufgabe. Wo seine Schützlinge mittlerweile untergekommen sind, das weiß er nicht. Auf deren erstes Zuhause in Hamburg geben nur noch einige Sicherheitsleute acht. Die Stadt mietet den früheren Baumarkt weiter als Reserve. Für das nächste Mal will sie vorbereitet sein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 18.11.2017 | 16:00 Uhr

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