Stand: 08.09.2019 07:16 Uhr

Hamburgs mühsamer Weg zur Fahrradstadt

von Christiane Zwick

Radfahren in Hamburg soll sicher, schnell und bequem werden. Es gibt neue Fahrstreifen, Velorouten und Fahrradstraßen. Was hat sich bewährt? Wo liegen die Hindernisse?

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Seit Jahren treffen sich in Hamburg Radfahrer einmal im Monat zu einem Massenradeln.

Ein Hauch Anarchie liegt in der Luft, aus den Boxen quellen basslastige Rhythmen. Ein paar Hundert Fahrräder stehen und liegen schon auf der Wiese an der Hamburger Außenalster. Es werden immer mehr. Gleich geht es los, mit der Critical Mass, einem Massenradeln durch die Stadt. Einmal im Monat treffen sich alle, die erleben wollen, wie es sich anfühlt, wenn Radlerinnen und Radler auf der Straße in der Mehrheit sind.

Autos dominieren das Straßenbild

Eigentlich will sich Hamburg seit 2015, so der politische Wille, zur Fahrradstadt mausern. Doch nach wie vor dominieren Autos das Straßenbild. Der Radverkehr macht in Hamburg gerade einmal 15 Prozent aus. Dabei ist das gar nicht so hochgesteckte Ziel: Ein Viertel aller Wege soll mit dem Rad zurückgelegt werden - vor allem die kurzen Fahrten von wenigen Kilometern. Dafür soll Radfahren sicher, schnell und bequem werden.

"Critical Mass"-Teilnehmer: Keine Fahrradstadt

Doch das Urteil einiger Teilnehmer am Massenradeln zum Status Quo ist durchwachsen: "Als Fahrradstadt würde ich Hamburg noch nicht bezeichnen," meint ein Mann. Eine Radlerin beklagt, dass die meisten Fahrradwege durchwurzelt seien oder "im Nirvana enden". Immerhin findet ein Mann: "Grundsätzlich finde ich das auf jeden Fall klasse, dass die Straßen inzwischen ein bisschen ausgebaut werden [...] und sanierte Straßen mit neuen Radwegen versehen werden."

Velorouten: Neue Fahrradwege für Hamburg

Schlechte Radwege halten Bürger vom Radfahren ab

Gerade um drei Prozent ist der Radverkehr in Hamburg seit 2015 angestiegen. Wo ein Wille ist, ist noch lange kein bequemer Radweg. Das zeigt auch der Copenhagenize-Index, für den Stadtplaner und -planerinnen weltweit über 100 Metropolen mit mehr als 600.000 Einwohnern auf ihre Fahrradfreundlichkeit testen. Gelobt wird das Fahrradleihsystem der Stadträder in Hamburg, es wird als das erfolgreichste in Deutschland gewertet. Dennoch verlor die Hansestadt ihre gute Position im führenden Feld. Bei den Befragungen hätten mehr als die Hälfte der Bewohner angegeben, dass schlechte Radwege sie vom Fahren abhalten.

Erste Radverkehrskoordinatorin am Start

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Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue radelt täglich mit dem e-Bike zur Arbeit.

Um das zu ändern, ist Kirsten Pfaue angetreten. Sie ist die erste Radverkehrskoordinatorin, die Hamburg eingestellt hat. Für die Stadt sei typisch, dass es handtuchbreite Radwege gebe und Flickwerk, erklärt die Juristin. "Man muss sich als Radfahrer immer seinen Weg ein bisschen selbst suchen." Das Ziel: Radwege sollen geradliniger und intuitiver werden, auch um Konflikte zwischen Fußgängern und Radfahrern zu entschärfen.

Velorouten, Fahrradstraßen und Radschnellwege

Hamburgs zentrales Projekt ist ein Veloroutennetz von 280 Kilometern Länge, das Pendler sternförmig in die Innenstadt bringen soll. Dabei gehören zu den ausgewiesenen Velorouten sowohl normale Nebenstraßen, spezielle Fahrradstraßen sowie neu gezogene Schutzstreifen auf der Straße. Zusätzlich sollen Radschnellwege etwa von Stade, Elmshorn, Lüneburg und Tostedt nach Hamburg führen, quasi als Zubringer zum Veloroutennetz.

In der Innenstadt wolle man immer mehr auf Fahrradstraßen setzen, erklärt Pfaue. Ein Beispiel ist der Leinpfad. Diese Fahrradstraße gehört zur Veloroute 4, die alle Versprechen einhält. Sie ist komfortabel, sicher und schnell. Und sie hat einen schönen Ausblick auf die Alster.

Kirsten Pfaue ist überzeugt, dass Fahrradstraßen das richtige Element für die Radverkehrsförderung in Hamburg sind. "Man kann nebeneinander fahren, die Höchstgeschwindigkeit ist für alle 30 Stundenkilometer. Die Autofahrer müssen in einer Fahrradstraße Rücksicht auf die Radfahrer nehmen und die Fußgänger haben immer ihren eigenen Bereich auf den Gehwegen." Laut Fortschrittsbericht 2018 gibt es in Hamburg inzwischen 20 Fahrradstraßen.

Radwege: Eine Frage der Sicherheit

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Farbige Markierungen, wie hier in Berlin, wünschen sich auch einige Radler in Hamburg.

Als schwächere Verkehrsteilnehmer sind Radfahrer darauf angewiesen, dass sich alle mit PS-Stärke an die Regeln halten. Früher lief der Radweg am Rand des Bürgersteigs. Jetzt gibt es immer mehr gekennzeichnete Radfahrspuren auf der Straße: gestrichelte Begrenzungen bei Schutzstreifen, durchgezogene Linien bei Radwegen. Dass Radfahrer jetzt auf die Straße geholt werden, wird mit größerer Sicherheit durch Sichtbarkeit begründet. Doch an farblichen Markierungen der Fahrradstreifen wird bislang gespart. Auch die Striche der Radwegmarkierungen hören auf, wenn die Straße schmaler wird. So sind die Leitlinien. Und schmale Straßen sind auch ein Problem beim Überholen: Der Mindestabstand zwischen Auto und Rad muss laut Straßenverkehrsordnung 1,50 Meter betragen.

Alle konkurrieren um den gleichen Straßenraum

Links

Fahrradroutenplaner

Interaktive Anwendung der Stadt Hamburg, um ihre persönliche Route durch die Stadt zu erstellen. extern

Fahr ein schöneres Hamburg

Informationen der Stadt Hamburg für Fahrradfahrer. extern

Parkplätze, Grünstreifen oder Radweg - diese Frage stellt sich in jeder Straße aufs Neue. Radverkehrskoordinatorin Pfaue ist klar, dass alle um den gleichen Straßenraum konkurrierten. Und die Nutzungsansprüche würden immer größer werden, ob für den Lieferverkehr, Fahrradfahrer oder mittlerweile auch Elektroroller. Die Radfahrtester von Copenhagenize meinen, dass der Straßenraum neu verteilt werden muss: "Früher oder später muss Hamburg das Problem angehen und dem Auto den Platz wegnehmen, den das Radverkehrsnetz braucht."

Ob Hamburg sich eines Tages Fahrradstadt nennen darf, wird vor allem an der erreichten Sicherheit für Radfahrer gemessen werden. Bis dahin muss noch viel Straßenraum aufgeteilt, gleichberechtigter Umgang geprobt werden. Am Ende wird es auf drei Dinge ankommen: auf die Radwegbreite, klare Markierungen und ausreichenden Überholabstand. Gibt es dann noch eine glatte Strecke mit schöner Aussicht: umso besser.

Ein Hinweisschild in einer Fahrradstraße.  Foto: Jan Woitas

Fahrradstadt Hamburg: Schwerer Weg

NDR Info - Forum am Sonntag -

Hamburg will Fahrradstadt werden. Und stößt dabei auf große Probleme. Denn die Stadt ist auf die Autofahrer ausgelegt und die wollen nicht weichen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Forum am Sonntag | 08.09.2019 | 06:05 Uhr

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Die Featuresendungen "Forum am Sonntag" und "Feiertags-Forum" widmen sich Themen aus dem großen gesellschaftlichen Spektrum, drehen sich aber auch um Glaube oder Spiritualität. mehr

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