Stand: 24.01.2019 06:00 Uhr

Hamburg: Kritik an anonymen Massenbeisetzungen

Bestattungen werden mit Begriffen wie Würde und Pietät verbunden. Für viele Menschen sind sie aber auch eine Frage des Geldes. Wer in Hamburg nach einem besonders günstigen Grab sucht, stößt schnell auf das sogenannte unbekannte Feld des Friedhofs Öjendorf. Dort finden Urnenbeisetzungen auf engstem Raum statt. Ein Mitarbeiter fühlt sich an Massengräber erinnert und äußert im Gespräch mit NDR Info deutliche Kritik. Die staatlichen Hamburger Friedhöfe verteidigen die Praxis.

Von Christoph Heinzle, NDR Info

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Dieses Foto hat ein anonymer Friedhofsmitarbeiter gemacht: Hierunter liegen bis zu 30 Urnen pro Quadratmeter.

Wer sich dem riesigen Areal im Osten Hamburgs nähert, ist beeindruckt von Weite, Ruhe und Großzügigkeit des Parkfriedhofs. 75.000 Grabstellen gibt es hier in Öjendorf. Über 9.000 davon allerdings auf wenigen Hundert Quadratmetern einer nicht gekennzeichneten, schmucklosen Rasenfläche. Auf dem "unbekannten Feld" werden seit 2005 Urnen anonym beigesetzt. Wo, das ist Angehörigen und Friedhofsbesuchern nicht bekannt. Wie genau die Beisetzungen hier aussehen, das dürften auch die wenigsten wissen.

Menschenunwürdig oder pietätvoll?

Ein Mitarbeiter des Friedhofs Öjendorf, der nicht mit seiner Stimme und seinem Namen zu hören sein möchte, schildert NDR Info den Ablauf. Am Beisetzungstermin ziehe ein Team von fünf Mitarbeitern mit einem Bagger einen Graben. "Sie stellen dann die Urnengefäße dicht an dicht in diesen Graben, also Urnenkapsel an Urnenkapsel, ohne einen Abstand einzuhalten." Dann werde der Graben mit Erdreich verfüllt. 

Durchschnittlich fast 180 Urnen wurden hier an jedem der vier Bestattungstage im vergangenen Jahr innerhalb weniger Stunden beigesetzt.

"Für mich ist das menschenunwürdig. Ich empfinde das wie ein Massengrab, weil die Fläche nicht sehr groß ist und dort in Massen beigesetzt wird. Ich weiß, dass auch andere Mitarbeiter das nicht gut finden, wie dort beigesetzt wird." Anonymer Friedhofsmitarbeiter

Friedhof sieht Pietät gewahrt

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Friedhofsleiter Rainer Wirz sieht die Pietät gegenüber den Verstorbenen gewahrt.

Nicht nachvollziehen kann man diese Kritik bei der öffentlich-rechtlichen Anstalt Hamburger Friedhöfe, die zur Umweltbehörde gehört. Interne Unterlagen, die NDR Info einsehen konnte, zeigen, dass im unbekannten Feld bis zu 30 Urnen pro Quadratmeter beigesetzt sind - vier Mal mehr als bei normalen Urnengräbern. Der zuständige Bereichsleiter Rainer Wirz bestreitet das nicht. Die Urnen würden aber nicht dicht an dicht, sondern in kleinen Abständen beigesetzt. So bleibe Individualität gewährleistet.

"Die Asche des Verstorbenen, die Urne wird von den Kolleginnen und Kollegen, die die Beisetzung durchführen, in die Hand genommen, wird einzeln in die Erde abgelassen und damit eben einzeln beigesetzt. Insofern ist es für mich eine würdevolle Beisetzung, sodass die Pietät und das, was mit Tod und Trauer zu tun hat, gewährleistet ist." Rainer Wirz, Friedhofsleiter

Urnen wiederzufinden ist nicht einfach

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Eine einzelne Urne später wiederzufinden, für eine möglicherweise notwendige Ausbettung, ist angesichts der engen Belegung nicht einfach. Elektronisch vermessen wird nur die Sammelgrabstelle. Eine bestimmte Urne suche man dann auf einem Belegungsplan, so Friedhofsleiter Wirz, und könne sie auf den Zentimeter genau finden. Experten indes halten das kaum für möglich.

Rechtlich sind die Massenbeisetzungen in Öjendorf wohl nicht zu beanstanden, sagt der renommierte Bestattungsrechtler Torsten Barthel. Die Hamburger Friedhöfe gingen innerhalb der rechtlichen Grenzen allerdings sehr weit. "Ich finde die Bestattungsart und die geringen Abstände schon nicht gänzlich unbedenklich", so der Berliner Anwalt. "Aber im Rahmen der Rechtsvorschriften hält sich die Konstellation durchaus."  

Hohe Nachfrage nach Billigbestattungen

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Seit 2005 kann man sich in Öjendorf besonders günstig anonym bestatten lassen - für nur 265 Euro.

Mit dem Billigangebot sei man 2005 einem Wunsch der Bürger nachgekommen, so Friedhofsleiter Wirz, für das sich der Verstorbene oder seine Angehörigen bewusst entschieden hätten. Dabei spiele der wirtschaftliche Gesichtspunkt mit Sicherheit eine Rolle, nämlich "ein Beisetzungsangebot zu haben, das preislich in einem günstigen Bereich liegt, insbesondere nach dem Wegfall des Sterbegeldes".

Für Grabstätte und Beisetzung einer Urne im "unbekannten Feld" fallen lediglich 265 Euro an. Eine normale anonyme Grabstätte kostet fünfmal so viel. Das Angebot folge damit der Nachfrage in Zeiten von Discount-Bestattern und Niedrigstpreisen, so Branchenexperte Barthel. Die moralischen Anforderungen der Hinterbliebenen seien gesunken.

"Es gibt eine Klientel in Deutschland, die einfach nach dem billigsten Angebot sucht. Und im Endeffekt muss man natürlich sagen, der Hinterbliebene bekommt dann das, was er dort bestellt. Man kann durchaus sagen, die pietätvollste Bestattungsart ist das nicht, die da durchgeführt wird. Aber die Nachfrage ist da und die Nachfrage wird hier durch den Hamburger Friedhof befriedigt." Torsten Barthel, Bestattungsrechtler

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 24.01.2019 | 07:20 Uhr

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