Mit Lebensmitteln befüllte Stofftaschen liegen in einem Kellerraum. © NDR Foto: Melisa Job

“Einfach nur helfen”: Lebensmittelausgabe in Hamburg-Eidelstedt

Stand: 21.12.2020 16:01 Uhr

Auch in Corona-Zeiten halten Ehrenamtliche die Lebensmittelausgabe in Hamburg-Eidelstedt am Laufen. Schon lange, bevor sie öffnet, warten die Menschen draußen, mit Mund-Nasen-Schutz und Abstand.

von Melisa Job

Ein kalter, grauer Nachmittag: Alte und Junge, Männer und Frauen haben große Taschen dabei, um die Lebensmittel später nach Hause zu transportieren. Einige unterhalten sich auf dem kleinen Platz vor der Lebensmittelausgabestelle darüber, was sie mit der Petersilie von letzter Woche gemacht haben. Auch Karin Meier kommt seit vielen Jahren hierher. "Man muss da froh sein, dass es überhaupt diese Tafeln gibt, denn viele sind arm dran", meint die 83-Jährige. “Wenn ich manchmal sehe, was Leute wegschmeißen, krieg ich ‘ne Wut."

Taschen packen im Nachbarschaftstreff

Beim ReeWie-Haus in Eidelstedt ist Weihnachtsbeleuchtung durch die Fenster zu sehen. © NDR Foto: Melisa Job
Im "ReeWie-Haus" in Eidelstedt findet seit zwei Jahren die Lebensmittelausgabe statt.

Drei Stunden zuvor ist der Platz vor dem Eidelstedter "ReeWie-Haus" noch leer. In den Kellerräumen des Nachbarschaftstreffs geht es dagegen hoch her. Knapp ein Dutzend Ehrenamtliche tragen Kisten voller Lebensmittel herein, sortieren aus und packen unzählige Stoffbeutel. Uwe Loose summt gut gelaunt vor sich hin, während in hohem Tempo die Taschen gefüllt werden. Er ist Diakon in der Kirchengemeinde Eidelstedt. Als einziger Hauptamtlicher verteilt Loose seit zwölf Jahren Lebensmittel der Tafel. "Was auffallend ist, ist dass die Altersarmut zunimmt", betont er.

150 Ausweise und eine Warteliste

Die Coronakrise hat auch hier viel verändert: Obwohl das Angebot als Lebenserhaltungsmaßnahme eingestuft wird, hatten im Frühjahr einige Standorte geschlossen. In Eidelstedt ging es weiter - und die Nachfrage war umso höher. Auch Menschen, die nun in Kurzarbeit beschäftigt wurden oder auf Arbeitslosengeld warten mussten, wurden zu Gästen der Tafel. 150 Ausweise zur berechtigten Nutzung der Ausgabestelle sind auch jetzt noch vergeben. Hinter vielen dieser Ausweise verbergen sich größere Familien. “Gerade haben wir sogar eine Warteliste”, erzählt Uwe Loose.

Eine Ehrenamtliche mit Maske hält Bananen von der Tafel in der Hand. © NDR Foto: Melisa Job
Irmgard hilft ehrenamtlich in Eidelstedt mit - auch während der Corona-Zeit.

Ein weiteres Problem in Corona-Zeiten sei, dass die meisten Ehrenamtlichen selbst ältere Menschen seien und so zur Risikogruppe gehören, so der Diakon. Beim Aufbau und bei der Ausgabe wird mit Masken, Abstand und Handschuhen strikt das Schutzkonzept der Kirchengemeinde umgesetzt. “Natürlich ist immer noch ein Risiko dabei”, meint Irmgard. Sie ist selbst über 70 und hilft seit Jahren bei der Lebensmittelausgabe mit. Während einer Kaffeepause schält sie Mandarinen für die anderen Helferinnen und Helfer. “Ich freue mich aber immer riesig, wenn ich dabei bin.”

Bunte Mischung für die Kunden

Diakon Uwe Loose
Diakon Uwe Loose verteilt seit zwölf Jahren Lebensmittel an Bedürftige.

Im Keller des "ReeWie-Hauses" geht es nun zu wie auf dem Wochenmarkt. Normalerweise können sich die Kunden aussuchen, welche Nahrungsmittel sie mitnehmen möchten. Um aber den Kontaktzeitraum auf ein Minimum zu reduzieren, werden die meisten Lebensmittel jetzt schon vorher zusammengestellt. Eine große Auswahl an Obst, Gemüse und Brot - und Stofftaschen, die sehr zügig mit einer bunten Mischung an Waren bepackt werden: Joghurt, Würstchen, Sahne, Nüsse, Margarine, Fertiggerichte, Frischkäse, Salz, Trinkpäckchen… Es gibt immer das, was der Tafel von umliegenden Supermärkten gespendet wurde, von manchem wenig, von anderem viel. “Wenn jemand etwas hat, was er nicht mag oder isst, soll er es seinem Nachbarn geben”, sagt der Diakon Uwe Loose. Allen werde man es nicht recht machen können.

Einige Ehrenamtliche benötigen selbst Unterstützung

Ein Mann steht auf dem Vorplatz des ReeWie-Hauses in Eidelstedt. © NDR Foto: Melisa Job
Manuel freut sich, dass er bei der Lebensmittelausgabe anderen Menschen helfen kann.

Einige der Ehrenamtlichen, die Brötchen und Gemüse in Kisten verteilen, beziehen selbst Hartz IV und nehmen später Taschen mit nach Hause. Manuel packt seit Jahren mit an und hat viel Spaß an der Zusammenarbeit. “Wir sind ein tolles Team geworden”, meint er. Und: “Es geht darum, einfach nur zu helfen.”

Gegen halb drei geht es dann los. Die erste Gruppe Kunden, die über den Nachmittag verteilt ihre Lebensmittel abholen werden, wartet vor dem Gebäude. Einer nach dem anderen bekommt von Irmgard die Essenstaschen in die Hand gedrückt. Sie freut sich, wie dankbar die Menschen sind. “Ein Bitte und Danke kostet uns alle nichts”, meint Karin Meier dazu nur, während sie sich auf ihren Rollator stützt. Freundlich verabschiedet sie eine Bekannte: "Bleib gesund, ne?"

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 10.12.2020 | 16:06 Uhr

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