Stand: 31.12.2018 17:15 Uhr

"Ehrbarer Kaufmann": Kritik an Handelskammer

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Die Handelskammer werde kaputt gespart, kritisierte der Versammlungsvorsitzende Gunter Mengers.

Bei der "Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns" hat die Führung der Hamburger Handelskammer am Montag scharfe Kritik einstecken müssen. "Öffentlich ausgetragene Streitigkeiten im Plenum lähmen die Kammer und demotivieren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter", sagte der Versammlungsvorsitzende der Jahresschlussveranstaltung, Gunter Mengers. Die einstmals so aktive Handelskammer Hamburg werde "kaputt gespart", es gingen schon lange keine Impulse mehr von ihr aus. Wer so handelt, der schade Hamburg, schloss Mengers seine Rede.

Mengers: Bergmann entzieht sich Verantwortung

Die Ansprache des Präses vor der "Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg" ist einer der Höhepunkte im Kalender der Hansestadt. Nachdem Präses Tobias Bergmann vor einigen Wochen seinen Rücktritt erklärt hatte, hielt stattdessen Mücke die Ansprache an die etwa 1.500 geladenen Gäste im Börsensaal der Handelskammer, darunter auch Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und zahlreiche Senatoren. "Einige haben dem Rücktritt Respekt gezollt", Mengers. Er könne das allerdings nicht nachvollziehen. "Wenn jemand in kurzer Zeit Dinge stark demontiert und dann abtritt, sich also der Verantwortung entzieht, kann ich darin keine zu respektierende Handlung erkennen", so der Veranstaltungsvorsitzende. Von den Versprechungen vor der Wahl sei kaum etwas übrig geblieben. Die weitgehend durch das Präsidium verursachte Situation mache es der Wirtschaft zunehmend schwer, die Handelskammer als Partner für dynamische Entwicklung miteinzubeziehen.

Kommissarischer Präses räumt Fehler ein

Der amtierende Präses André Mücke wies die Vorwürfe zurück. Scharfe Worte könnten mehr zerstören als beabsichtigt, sagte er, räumte aber auch Fehler ein. Man könne die neue Führung allerdings nicht darauf reduzieren, dass es ihr nicht wie versprochen gelungen sei, die Kammerpflichtbeiträge abzuschaffen. Dafür seien mittleren und kleineren Unternehmen rund 20 Millionen Euro an Beiträgen zurückerstattet worden. Bereits 2.700 dieser Firmen hätten sich bereit erklärt, die erstatteten Beiträge in einen von der Kammer aufgelegten Azubis-Fonds einzuzahlen. Mücke ermahnte zudem alle Beteiligten, zur Vernunft und gemeinsamen Sacharbeit zurückzukehren: "Es sind von uns Fehler gemacht worden, aber lassen Sie uns die Scharmützel der Vergangenheit endlich beenden. Es hat in dieser Stadt niemand ein Interesse daran", so Mücke. "Wichtig ist, dass wir einander zuhören. Aufgeschlossen. Reflektierend. Respektvoll."

Er nannte mehrere Themen, die die Handelskammer als entscheidend für die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandort Hamburg hält: die Steigerung der Internationalität, eine bestmögliche Fachkräfteversorgung und größere Fortschritte in der Digitalisierung, mehr Klimaschutz und eine stärkere Förderung der Wissenschaft.

Erstmals spricht eine Frau beim "Ehrbaren Kaufmann"

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Mandy Gollian ist die erste Frau, die beim "Ehrbaren Kaufmann" spricht.

Als erste Frau durfte Jungunternehmerin Mandy Gollian vor dem Plenum sprechen. Sie erzählte von ihrem beruflichen Aufstieg beim Hamburger Cateringdienst Lokalgold und wünschte sich von den Unternehmern, die Ausbildungszeit für junge Menschen attraktiver zu gestalten. Zudem verlangte sie von der Gesellschaft wieder mehr Respekt für die Ausbildungsberufe, die von vielen nicht mehr wertgeschätzt würden. "Jeder Beruf, egal ob durch eine Ausbildung oder ein Studium erworben, trägt seinen Teil zu unserem Alltagsleben bei und verdient Respekt", sagte Gollian.

Tradition des "Ehrbaren Kaufmanns" wackelt

Die Wurzeln der Veranstaltung reichen zurück bis in das Jahr 1517. Doch seitdem die sogenannten Kammerrebellen vor knapp zwei Jahren die Mehrheit im Plenum der Handelskammer übernommen haben, wackelte die Tradition. Unter der Führung des mittlerweile zurückgetretenen Kammerpräses Bergmann trudelte die Hamburger Handelskammer, eine der größten und einflussreichsten der Republik, in völlig ungewohnte Turbulenzen. Bergmann musste sein zentrales Wahlversprechen wieder kassieren, die Pflichtbeiträge der Unternehmen für die Kammer abzuschaffen. Für viel Geld wechselte er den Hauptgeschäftsführer aus. Etliche Führungskräfte verließen die Kammer.

Die Handelskammer wählt am 24. Januar 2019 ihre neue Führung. Ob Mücke bei dieser Wahl antritt, ließ er am Montag offen. 2020 wird die Plenarversammlung der Kammer neu gewählt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 31.12.2018 | 17:00 Uhr

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