Stand: 10.03.2015 10:45 Uhr  | Archiv

Bürger werden beim Hochwasserschutz belastet

von Marika Gantz & Pippa Nachtnebel

"Wir hatten eigentlich gedacht, dass das unsere Alterssicherung ist, wenn wir einmal ein Pflegefall werden sollten." Ingeborg Ewert und ihr Mann Rolf sind verzweifelt, der Garten hinter ihrem Haus sollte ihnen einst den Lebensabend in einem Seniorenheim finanzieren. Das Baugrundstück liegt in einer beliebten Gegend, im Hamburger Stadtteil Sasel, an dem Flüsschen Berner Au. Im vergangenen Sommer wurde das Gebiet um den Bach als Überschwemmungsgebiet ausgewiesen, seitdem ist das Bauen untersagt. Bis heute kämpft das Paar gemeinsam mit der Bürgerinitiative gegen die Ausweisung. "Man hat Eigentum und kann über sein Eigentum im Grunde genommen nicht mehr verfügen. Ich darf nicht bauen, ich darf nicht ackern, ich darf nichts mehr damit", ärgert sich Rolf Ewert. Einmal in hundert Jahren könnte es hier ein Hochwasser geben. So hat es die Stadt Hamburg berechnet.  Für Ingeborg Ewert ist das unverständlich: "Meine Familie lebt seit fast einhundert Jahren hier, dieses Grundstück war noch nie überschwemmt."

VIDEO: Bürger werden beim Hochwasserschutz belastet (7 Min)

Auf 2.500 Grundstücken sind bauliche Veränderungen untersagt

Hochwasserschutzgebiete in Hamburg
Elf Überschwemmungsgebiete hat die Stadt ausgewiesen, auf 2.500 Grundstücken in Hamburg sind bauliche Veränderungen seitdem untersagt.

Insgesamt elf Überschwemmungsgebiete hat die Stadt im vergangenen Sommer ausgewiesen, auf 2.500 Grundstücken in Hamburg sind bauliche Veränderungen seitdem untersagt. Ein Haus, einen Carport oder ein Gartenhäuschen dürfen Grundbesitzer nun nicht mehr bauen, es sei denn, die Stadt erteilt ihnen eine Sondergenehmigung. Grund für die Ausweisung der Überschwemmungsgebiete ist eine EU-Richtlinie zum Hochwasserschutz, die die Stadt Hamburg umsetzen muss. Durch den Klimawandel rechnen Wissenschaftler in der Zukunft mit mehr Regen, mehr Regenwasser das abfließen muss. Der Baustopp soll verhindern, dass durch Neubauten Flächen versiegelt werden, auf denen das Regenwasser versickern könnte.

Massiver Wertverlust befürchtet

Die Eigentümer fürchten nun einen massiven Wertverlust ihrer Grundstücke. Die Stadt Hamburg stellt diesen Wertverlust in Frage. "Es könnte auch gut sein, dass sich das irgendwann sogar umdreht, dass diese Gebiete besonders angenehm zu bewohnen sind, weil die eben nicht so dicht bebaut sind wie der Rest", sagt Volker Dumann, Pressesprecher der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt. Makler zweifeln diese Argumentation an. Rüdiger Witthöft verkauft seit fast 50 Jahren Häuser in Hamburg Sasel. Doch seit die Gegend rund um die Berner Au zum Überschwemmungsgebiet erklärt wurde, laufen die Geschäfte schlecht. Für ein Grundstück, wie das der Ewerts, würde er heute keine Käufer mehr finden. "Der Wertverlust geht hin bis zum Totalverlust, das ist sozusagen Grünland. Das wird auch von keiner Bank beliehen. Selbst wenn jemand sagt, dieses Überschwemmungsgebiet gefällt mir, ich möchte es haben, bekommt er es nicht finanziert, weil keine Bank einen nicht bebaubaren Grund finanzieren möchte", vermutet der Makler.

Wir recherchieren für Sie
Pippa Nachtnebel © NDR / Ulla Brauer Foto: Ulla Brauer

Pippa Nachtnebel

Pippa Nachtnebel kümmert sich bei Panorama 3 um Sozial- und Wohnpolitik. Sie wissen von Fällen sozialer Ungerechtigkeit? Dann schreiben Sie ihr! mehr

Keine Hinweise auf ein Überschwemmungsgebiet

Ärgerlich besonders für Anwohner, die erst vor kurzer Zeit Grund und Boden erworben haben, der jetzt plötzlich im Überschwemmungsgebiet liegt. So erging es einem Nachbarn von Rolf und Ingeborg Ewert. Hätte er gewusst, dass sein Grundstück einmal im Überschwemmungsgebiet liegen würde, hätte er es nicht erworben. Vor drei Jahren nahm der Jungvater einen Kredit auf, kaufte den Grund für knapp 400 Euro pro Quadratmeter und baute darauf eine Doppelhaushälfte für seine Frau und seine beiden Kinder. Informationen darüber, dass sein Grund und Boden bald Versickerungsfläche für Regenwasser sein sollte, hatte er damals nicht. Und das obwohl die Stadt schon im Dezember 2011 Hochwasserrisikogebiete bestimmen musste. Eine öffentliche Information darüber gab es zu diesem Zeitpunkt nicht. "Das war für uns nicht zu erahnen, dass dieser kleine Abwassergraben solche Auswirkungen haben würde. Wir haben uns hier vor dem Immobilienkauf informiert, haben Nachbarn gefragt,  ob es Besonderheiten gibt. Für uns gab es damals keinen Hinweise darauf, dass das hier einmal ein Überschwemmungsgebiet werden würde, auch nicht von Seiten der Stadt", erklärt der Nachbar.

Fehler bei der Kommunikation eingeräumt

Volker Dumann, Pressesprecher der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt.
Volker Dumann, Pressesprecher der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, stellt den Werteverlust der Grundstücke in Frage.

Warum die Stadt damals nicht informiert hat, erklärt Pressesprecher Volker Dumann folgendermaßen: "Die Sachen müssen  erst mal in Ruhe bewertet werden. Das ist kompliziert und bevor das nicht abgeschlossen ist, hat es keinen Sinn, jemanden groß zu beunruhigen." Doch auch als schon längst feststand, dass die Flächen rund um die Berner Au zum Hochwassergebiet ausgewiesen wurden, hielt sich die Stadt Hamburg mit Kommunikation offenbar zurück. Mit einer Meldung im amtlichen Anzeiger erfüllte sie ihre Informationspflicht. Der Familienvater erfuhr von einem Nachbarn, dass sein Haus im Überschwemmungsgebiet liegt. "An uns gibt es kein Schreiben, in dem steht, wir haben das Überschwemmungsgebiet ausgewiesen, das hat für Sie diese und jene Konsequenzen. Es  gibt keinen schriftlichen oder persönlichen Direktkontakt mit den Betroffenen." In der Zwischenzeit hat die Stadt Fehler bei der Kommunikation eingeräumt. Bis zum Ende des Jahres lässt sie sicherheitshalber jedes Überschwemmungsgebiet noch einmal prüfen.  

Weitere Informationen
Hochwasser in Wohngebieten, Bönebüttel

Fehlplanung: Hochwasser in Wohngebieten

Schleswig-Holstein steht unter Wasser - auch in den Wohngebieten. Eine mangelhafte Planung der Kommunen verwandelt bewohnte Grundstücke in Matschlandschaften. mehr

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 10.03.2015 | 21:15 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

Hans Klose, Chefarzt der Abteilung für Lungenkrankheiten am UKE im Interview mit dem Hamburg Journal

Coronavirus: Langzeitfolgen auch bei mildem Verlauf

Der Mediziner Hans Klose leitet am UKE eine Studie zu den Corona-Spätfolgen. Die können offenbar jeden Patienten treffen. mehr

Der HSV besiegt Braunschweig mit 4:2  Foto: Axel Heimken

HSV siegt in Braunschweig mit 4:2 nach Rückstand

2:0 führten die Niedersachsen gegen den Tabellenführer, verloren dann aber noch 2:4. Der HSV ist damit Hinrundenmeister. mehr

Eine Klinik-Mitarbeiterin zieht einen Covid-19-Impfstoff für eine Impfung auf eine Spritze. © dpa-Bildfunk Foto: Sven Hoppe

Bisher 1,8 Prozent der Hamburger gegen Corona geimpft

Etwa 34.000 Menschen wurden bisher in Hamburg geimpft. Die täglichen Zahlen zeigen, wie knapp der Impfstoff noch ist. mehr

Passanten sind an den St. Pauli Landungsbrücken am Hamburger Hafen unterwegs. © picture alliance/Bodo Marks/dpa

204 neue Corona-Fälle in Hamburg gemeldet

Der Inzidenzwert ist in der Hansestadt nach Angaben der Sozialbehörde auf 90,9 gesunken. mehr