Begleitung auf Augenhöhe: Mailberatung für Jugendliche in Krisen

Stand: 21.12.2020 16:14 Uhr

Ob ein paar Mails schon ein Leben retten können? Judith ist 24 und kann das selbst erleben: Als Peerberaterin bei der Hamburger Mailberatung "U25" hält sie Kontakt mit Jugendlichen, die in unterschiedlichsten Krisen stecken.

von Melisa Job

Vor zwei Jahren war Judith (Nachname soll nicht genannt werden) auf der Suche nach einem Ehrenamt und ist dabei über das Angebot "U25" gestolpert. "Mich hat das total angesprochen, weil es sehr niedrigschwellig ist für die Jugendlichen", erzählt die Studentin. "Das ganze Thema Suizid ist immer noch so ein Tabuthema, da ist es zum Teil sehr schwierig für Betroffene, überhaupt Gehör zu finden. Da wollte ich mich gerne einbringen."

Vielfältige Ausbildung für Ehrenamtliche

Judith ist eine von knapp 30 ehrenamtlichen Beraterinnen und Beratern in der Hansestadt. Gemeinsam kümmern sie sich jährlich um rund 500 Anfragen von jungen Menschen, die Hilfe suchen. Dafür hat Judith eine mehrmonatige Ausbildung durchlaufen, in der sie sich mit der Mailberatung an sich und zahlreichen Themen auseinandergesetzt hat: Depression, selbstverletzendes Verhalten, Borderline, Essstörung, Einsamkeit, Druck und Überforderung kommen im Mailverkehr auf. 

Die Ehrenamtlichen bei "U25" haben etwas gemeinsam: Alle sind zwischen 16 und 25 Jahren alt, genau wie die Hilfesuchenden. "Beratung auf Augenhöhe" heißt das für Nina von Ohlen, die das Angebot in Hamburg als Hauptamtliche leitet. Die sogenannten Peerberaterinnen und Peerberater können so einen engeren Kontakt zu Betroffenen aufbauen, ohne dass sie in der Verantwortung allein gelassen werden: "Alles, was an Mails rausgeht und reingeht, wird von uns Hauptamtlichen begleitet und gegengelesen."

Judith: “Das mache ich nicht mal so nebenbei”

Hin und wieder kommen auch Expertinnen und Experten zu Besuch, die mehr zu spezifischen Themen wie zum Beispiel soziativen Identitätsstörungen erzählen. In regelmäßigen Teamsitzungen tauscht Judith sich mit den anderen Ehrenamtlichen aus. Zum Teil haben die Beraterinnen und Berater auch eigene Krisenerfahrung und möchten nun Menschen mit ähnlichen Konflikten helfen. Aber wie gehen sie damit um, immer wieder mit so bedrückenden Themen konfrontiert zu werden? "Ich muss schon schauen, wann ich mir die Mails angucke", sagt Judith, "das mache ich nicht mal so nebenbei, sondern wenn ich mich gerade darauf einlassen mag."

Studentin Judith wird zu ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Peerberaterin bei U25 interviewt.  Foto: Alexander Heinz
AUDIO: U25 Mailberatung für junge Menschen mit Depression (3 Min)

Eigene Grenzen wahren

Natürlich sei sie beim Schreiben anteilnehmend. Trotzdem müsse man sich bewusst machen, dass es kein Dauerprojekt sei, bei dem man sich ständig um die andere Person sorgt, betont Judith: "Es ist dann auch in Ordnung, wenn man es dabei belässt und es nicht noch mit auf sein Sofa trägt und sich den ganzen Tag Gedanken macht." Damit man die Stärke behält, dabeizubleiben, müsse man auch seine eigenen Grenzen wahren, erklärt Leiterin Nina von Ohlen.

Viele der Jugendlichen, die auch suizidgefährdet sind, nehmen bereits professionelle Hilfe in Therapien und anderen Angeboten in Anspruch. Die Mailberatung selbst sei vielmehr eine Ergänzung dazu - anonym und auf Augenhöhe.

Durch Corona fehlen Strukturen 

Zwei Frauen sitzen mit Kopfhörern und einem Mikrophon an einem Tisch. © NDR Foto: Alexander Heinz
"Unser Motto ist, ein Gespräch kann Leben retten", sagt Nina von Ohlen (re.). Sie und Studentin Judith arbeiten bei "U25".

Die Krisen, in denen die Hilfesuchenden stecken, erleben sie an und für sich zwar unabhängig vom Weltgeschehen. "Corona ist jetzt aber wie ein zusätzliches schweres Paket, was zu ihren Sorgen, die sie grundsätzlich haben, noch dazu kommt", so von Ohlen. Viele Strukturen, die sonst Halt gäben, fielen in der Coronakrise weg: Therapien und Beratungsgespräche würden verschoben, regelmäßige Sportangebote, die sonst den Alltag strukturieren, fänden nicht mehr statt. Das gewohnte Umfeld fehle, erklärt von Ohlen.

Auch der schulische oder finanzielle Druck zu Hause könne eine zusätzliche Last sein. Und viele junge Menschen müssten die ganze Zeit bei ihrer Familie bleiben, obwohl sie das Gefühl hätten, davon eine Auszeit zu brauchen, berichtet Nina von Ohlen. "Das lesen wir tagtäglich in unseren Mails."

Nina von Ohlen: "Zuhören ist das Wichtigste"

Die "U25" Mailberatung ist eins von vielen Angeboten, die durch die Benefizaktion "Hand in Hand in Norddeutschland" unterstützt wurden. Mithilfe der Spenden können mehr Ehrenamtliche ausgebildet und der Stellenumfang erweitert werden - denn Interessierte gibt es genug. "Für uns ist das nicht viel Aufwand", sagt Judith, "aber es kann eine ganze Menge bewirken". Zuhören sei das Wichtigste, meint auch Nina von Ohlen: "Unser Motto ist, ein Gespräch kann Leben retten."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 08.12.2020 | 10:13 Uhr

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