Stand: 09.11.2016 17:37 Uhr

Auf Spurensuche mit dem Wohnraumschützer

Unser wunderschönes 1-Zimmer-Appartement ist frisch renoviert und freut sich auf dich.* Tim, Vermieter Airbnb

Tims Wohnung sieht nett aus: weißes Ikea-Bett, graue Sessel, Kaffeemaschine. Gut 30 Quadratmeter mit Terrasse mitten im Szeneviertel Schanze. Hier wollen viele Hamburger leben. Tim ist nett. Er gibt Monats- und Wochenrabatt. Seine Besucher freuen sich über Bier als Willkommensgeschenk und seine Hilfsbereitschaft. Doch an den Wänden seiner Wohnung hängen keine Fotos von Tims netten Freunden, kein Bücherregal zeigt seinen Lesegeschmack, keine Mitbringsel zeugen von Abenteuerurlauben. 65 Euro kostet die Nacht bei Tim. Mehr als 60 Urlauber haben seine Wohnung auf dem Ferienwohnungs-Portal Airbnb bewertet; fünf allein im September.

Unterwegs mit dem Wohnraumschützer

Weniger als 50 Prozent zu vermieten, ist erlaubt

Wir wohnen direkt gegenüber und helfen gerne, wenn du Fragen hast. Tim, Vermieter Airbnb

Die Bewertungen und Tims Beschreibung deuten darauf hin, dass er die Wohnung nicht bewohnt, sondern ausschließlich als Ferienwohnung vermietet. Das wäre in Hamburg verboten. Tim bräuchte dafür eine Genehmigung, denn er würde sonst dem angespannten Markt Wohnraum entziehen. Wohnt Tim jedoch selbst in seiner Wohnung, dürfte er die Hälfte seines Platzes an Urlauber vermieten. Er könnte auch die gesamte Wohnung bis zu sechs Monate im Jahr Reisenden überlassen. Egal, ob die Urlauber bezahlen oder nicht. Egal, ob Tim die Wohnung gehört oder er sie mietet (wenn sein Vermieter einverstanden ist). Überschreitet Tim diese 50-Prozent-Regelung allerdings, drohen ihm bis zu 50.000 Euro Geldbuße. Aber das ist sehr, sehr unwahrscheinlich.

Des Wohnraumschützers erste Hürde: Wohnung finden

Der Wohnraumschützer ist ein Mann, den niemand beachtet. Mittelalt, praktische Allwetterjacke, selbst sein Name ist deutscher Durchschnitt. Aber den möchte er hier lieber nicht lesen. Seine Aufgabe ist detektivisch: Leerstand aufspüren und illegale Ferienwohnungen entlarven. Da ist es gut, nicht aufzufallen. Der Wohnraumschützer will zeigen, wie er arbeitet, wenn er nicht am Schreibtisch sitzt. Auf der Schanze, wo Tim seine Wohnung anbietet.

Was darf ich?

Wohnungen dürfen nicht zweckentfremdet - also als Büro, Ferienwohnung oder Kita genutzt werden. Sie dürfen zudem maximal vier Monate leer stehen. Eigentümer und Mieter dürfen aber an wechselnde Nutzer wie Urlauber vermieten, solange sie Hauptnutzer der Wohnung bleiben. Das heißt, das sie mehr als 50 Prozent der Wohnfläche selbst nutzen (also nur etwa ein Zimmer vermieten) oder mehr als sechs Monate lang die Wohnung selbst nutzen (wenn sie zum Beispiel andernorts arbeiten). Das regelt das Wohnraumschutzgesetz und die dazugehörige Fachanweisung. Hamburg hat mit 1,5 Prozent den geringsten Leerstand aller Bundesländer.

An der Kreuzung Bartelsstraße/Susannenstraße bleibt der Wohnraumschützer stehen: In diesem Bereich gebe es besonders viele Ferienwohnungen, sagt er. "Oftmals treffen die Leute sich an dieser Ecke zur Schlüsselübergabe. Die Wohnungen liegen in den umliegenden Straßen, obwohl in der Anzeige Susannenstraße steht." Das ist ein Problem für ihn. Denn will er Eigentümer ansprechen, muss er genau wissen, wo er suchen muss. Hausnummer 4 oder 4b? Hinterhof 5. Stock Mitte? Hat der Wohnraumschützer einen Hinweis auf eine angebliche Ferienwohnung bekommen, geht er nachschauen. Stehen Namen auf der Klingel? Er versucht, durch die Fenster zu gucken. Oft wissen Nachbarn und Gastwirte mehr. Sich unter fremdem Namen einmieten, das dürfe er nicht. "Verdeckte Ermittlungen sind unverhältnismäßig", sagt der Wohnraumschützer.

Des Wohnraumschützers letzte Hürde: 50-Prozent-Regelung

Dass mehr als 4.000 Wohnungen in Hamburg unerlaubt als Ferienwohnung genutzt würden, sei zu hoch gegriffen. "Zu gravierend" sei das Problem der unerlaubten Ferienwohnungen im Bezirk nicht, sagt er. Schiebt dann aber hinterher. "Es ist ein großes Problem, weil jeder verlorene Quadratmeter einer zu viel ist. Viele Flüchtlinge leben noch in Notunterkünften, obwohl sie in Wohnungen ziehen könnten." 90.000 Wohnungen sollen laut Studien bis 2030 in Hamburg fehlen. In den vergangenen zehn Jahren sind die Bestandsmieten um ein Viertel gestiegen. Bezahlbarer Wohnraum ist umkämpft.

Ferienwohnungen nachweisen und vermeiden soll deshalb der Wohnraumschützer. Sein Widersacher ist die 50-Prozent-Regel. Sie bezwingt er fast nie. Seine Arbeit läuft oft so: Hat er einen Verdacht, schaut er in die Bauakte, das Grundbuch, das Melderegister. Er sucht das Wohnungsangebot im Internet und verlangt Informationen von Mieter oder Eigentümer. Der legt dann gerne mal eine Vermietungsliste vor. Und bleibt natürlich unter 50 Prozent. "Nachzuweisen, dass mehr als die Hälfte des Jahres vermietet wird, ist sehr schwer", betont der Wohnraumschützer mehrmals. 17 Mal hat der Bezirk Altona in diesem Jahr Zwangsgelder festgesetzt. 131.979 Wohnungen liegen in Altona. "Wir wollen nicht das Handeln in der Vergangenheit bestrafen, sondern darauf hinwirken, dass die Leute ihr Verhalten ändern", sagt der Wohnraumschützer. Im Idealfall werde aus der Ferien- wieder eine Mietwohnung, ohne dass eine Strafe nötig ist. Deswegen gebe es so wenige Zwangsgelder. Ein Bußgeld von bis zu 50.000 Euro musste in diesem Jahr noch niemand zahlen.

Mieterverein fordert Änderung

Der Hamburger Mieterverein schätzt die unerlaubten Ferienwohnungen auf etwa tausend. Dass die ganze Wohnung bis zu einem halben Jahr als Urlaubsdomizil vermietet werden darf, sei dem Mieterverein gar nicht klar gewesen, erklärt Siegmund Chychla NDR.de. "Dass man die ganze Stadt ein halbes Jahr lang an Urlauber vermieten könnte, widerspricht Sinn und Zweck des Gesetzes", sagt er. Es sei eine Einladung an diejenigen, die damit "Kasse machen" wollen. Und das sind laut Chychla die meisten der privaten Anbieter. "Die ganze Wohnung an Urlauber zu vermieten, ist unserer Meinung nach immer eine unzulässige Zweckentfremdung - bei zwei Tagen, aber vor allem natürlich bei bis zu einem halben Jahr." Das dürfe nicht erlaubt sein. Ist es aber. Das Gesetz kennt der Wohnraumschützer auswendig. Wenn ihm eine Formulierung entfallen ist, dann holt er es raus und liest daraus vor.

Leerstand gefunden?

Auf der Schanze geht er derweil gezielt in einen Hinterhof. Bis auf den Baulärm von nebenan ruhig gelegen. Weiß verputzt, kleiner Vorhof, sechs Parteien, doch an den Klingeln stehen nur drei Namen. Verdächtig. Der Wohnraumschützer schaut durch die Fenster ins Erdgeschoss. Ein Zimmer steht voller Fahrräder, der Rest leer. Auch die Nachbarwohnung: leer. "Das schreib' ich mir gleich mal auf." Das Haus nebenan hatte er vor einiger Zeit bereits geprüft, als dort eine Weile niemand wohnte. Herrlich saniert worden sei das mittlerweile. Nun ist es wieder voller Mieter. So, wie es sein soll. Vielleicht will der Eigentümer auch hier sanieren, doch ein Bewohner wehrt sich? Vielleicht gibt es einen Rechtsstreit? Oder der Vermieter sucht einfach noch einen neuen Mieter? Vier Monate hat er dafür Zeit. Der Wohnraumschützer geht derweil eine Straße weiter - da wollte er noch mal etwas nachschauen.

Nachschauen, wo Ferienwohnungen und Leerstand Hamburgs Wohnungsmarkt verschärfen, machen außer ihm elf weitere Kollegen - einige haben allerdings noch andere Aufgaben. "Wenn wir mehr Mitarbeiter hätten, hätten die das gleiche Problem, nicht klären zu können, ob die 50-Prozent-Regelung überschritten wird", sagt der Wohnraumschützer. Er prüft, sucht und klärt weiter. Aber diese Regelung steht meist am Ende seiner Recherchen: im Weg. Zurück am Schreibtisch sucht der Wohnraumschützer auch im Internet nach verbotenen Ferienwohnungen. In Tims Anzeige fänden sich Hinweise auf eine mögliche Zweckentfremdung, sagt er. "Aber vielleicht wohnt seine Freundin gegenüber und er zieht immer zu ihr, wenn er kurz vermietet."

*Die Zitate aus dem Angebot wurden so weit verfremdet, dass eine Identifizierung nicht möglich ist.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 10.07.2016 | 07:40 Uhr

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