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Kent Nagano und die Träume von Komponisten

Dienstag, 16. November 2021, 21:00 bis 22:00 Uhr

"Ich habe es genau so gespielt, wie in ihrer Aufnahme!" - Unerschrocken und neugierig lässt Kent Nagano sich mit allen Sinnen auf Neues ein. So hat Frank Zappa ihm seine Orchesterstücke anvertraut und Olivier Messiaen hatte ihn nach Paris eingeladen, um dort die Vorbereitungen der Oper "Saint François d’Assise" zu überwachen.

Der Dirigent Kent Nagano im Porträt. © dpa Foto: Daniel Reinhardt
Kent Nagano gilt als einer der herausragenden Dirigenten sowohl für das Opern- als auch das Konzertrepertoire.
Jazz hat keinen Rhythmus

Jeden Tag gab Olivier Messiaens Ehefrau Yvonne Loriod Kent Nagano eine Stunde Klavierunterricht. Und heute erinnert Kent Nagano sich lachend an seine erste Unterrichtsstunde. Yvonne Loriod war entsetzt, wie er die Solo-Klavierkadenzen in "La Transfiguration de Notre-Seigneur Jésus-Christ" spielte und rief "Nein, nein, nein! So wie Sie das spielen, steht es gar nicht in den Noten!" und Kent Nagano erwiderte: "Aber Frau Loriod, entschuldigen Sie, ich habe es genau so gespielt, wie in Ihrer Aufnahme!" Heute lacht er über die Naivität, mit der er aus Kalifornien gekommen war. Das Leben beim Ehepaar Messiaen hat seinen Blick erweitert und ihm eine neue, sichere Basis für den Umgang mit Musik und Kunst gegeben.

Über ein Jahr hat Kent Nagano bei den Messiaens zu Hause in Paris gelebt und dort wirklich begriffen, wie intensiv der Synästhetiker Olivier Messiaen Farben mit Musik verband und was das für die Aufführungen bedeutet. Und er hat eine unvergessliche Lektion in Sachen Rhythmus bekommen: Eines Tages fragte er Olivier Messiaen beim Abendessen, was er über Jazz dachte. Und Messiaen antwortete, dass er Jazz nicht so gerne möge. Ihm fehle der Rhythmus. "Aber Jazz ist Rhythmus!", hat der damals Anfang 30-jährige Amerikaner geantwortet. "Lieber Meister Messiaen, bitte erklären Sie mir das!"

Im Jazz beziehte sich alles auf einen Grundschlag, erklärte Olivier Messiaen ihm, dieser Grundschlag sei wie ein "Diktator", weil sich alles darauf beziehe, auch wenn man vor oder nach dem Grundschlag spiele. Den wahren Rhythmus, den zeige uns die Natur: mit dem Fließen eines Baches, dem Auf- und Untergang der Sonne, dem Wechsel der Jahreszeiten. Olivier Messiaen machte Kent Nagano sensibel dafür, wie man das in die Musik überträgt. "Es geht nur durch Präzision", erklärt Kent Nagano, und nach einhundertprozentiger Befolgung dessen, was in der Partitur steht, da beginnt die Musik zu atmen, zu leuchten und zu leben.

Kent Nagano hat Komposition studiert

Kent Nagano war und ist besonders empfänglich für die Informationen von Komponisten, weil er selbst Komposition studiert hatte. Er weiß "Wir fühlen uns unangenehm dem Neuen gegenüber. Aber die Frage ist, wie denken wir als Gesellschaft über Kunst. Wie gehen wir damit um, was uns die Kunst gibt?" Und da spielt es keine Rolle, ob das Neue Musik ist oder Mozart, Schubert oder Bruckner. Anlässlich seines 70. Geburtstages reflektiert Kent Nagano über die entscheidenden Lektionen, die er von Menschen in seinem Leben bekommen hat.

Zappa aß Kaviar mit Sour Creme

Die Lektion von Rocklegende Frank Zappa trägt die Überschrift: "Wie ich lernte, dass wahre Künstler nicht taktieren". Kent Nagano hatte Anfang der 80er-Jahre von Frank Zappa eine Einladung zu einem Rockkonzert in Berkley bekommen und sollte ihn in der Pause des Konzertes in der Garderobe besuchen. "Da saß er, Frank Zappa, verschwitzt von der ersten Konzerthälfte, umjubelt, bewundert, umstritten und als sinfonischer Komponist weitgehend unbekannt. Er aß Kaviar mit Sour Creme. Nach einem kurzen Wortwechsel reichte er mir etliche seiner Partituren … ." Das Konzert mit dem London Symphony Orchestra zwei Jahre später mit Kent Nagano am Pult gibt es auf CD. Wir hören rein und zeigen, welche Komponierenden Kent Nagano besonders faszinieren.

Eine Sendung von Margarete Zander.

 

Weitere Informationen
Tasten eines Konzertflügels © NDR

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Die Sendung informiert über aktuelle Trends und Renaissancen in der zeitgenössischen Musik, präsentiert Komponistenporträts, Festivalberichte, CD-Tipps und mehr. mehr

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