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"Unangenehmes vermeiden!" Der Komponist Esa-Pekka Salonen

Dienstag, 18. Januar 2022, 21:00 bis 22:00 Uhr

Wenn auf einer Studentenparty gerade ein Hit von Donna Summer lief, konnte es passieren, dass Esa-Pekka Salonen (geb. 1958 in Helsinki) sich mit seinem Freund, dem Komponisten Magnus Lindberg ans Klavier setzte und sie vierhändig die "Apokalyptische Fantasie" spielten, ein 12-Ton Werk von Josef Matthias Hauer. Sie waren Intellektuelle mit großem "I" sagt er lachend und wollten damals die wahren Werte der Musik verteidigen. Hat sein Welterfolg als Dirigent seine Haltung grundsätzlich verändert?

Probenszene: Esa-Pekka Salonen dirigiert © Benjaming Suomela
In der Saison 2022/23 kehrt Esa-Pekka Salonen für ein mehrtägiges Gastspiel mit der San Francisco Symphony zurück nach Hamburg.
Auftrag für ein Cellokonzert

"Lassen Sie es mich so erklären", sagt Esa-Pekka Salonen im Gespräch für das Magazin seines neuen Arbeitsgebers, des Sinfonieorchesters von San Francisco. "Früher hat mich eher interessiert, wie ein Fernseher von innen aussieht, aus welchen Mustern, Mikroschaltkreisen und Teilen das Gerät besteht, heute interessiert mich eher das Programm, das gezeigt wird." Meist schreibt er seine Werke für Solisten, Ensembles und Orchester, deren Spiel ihn begeistert. Doch es ist nicht nur die Virtuosität, die ihn fasziniert und leitet, erklärte er dem Cellisten Yo-Yo Ma, als er 2018 den Auftrag bekam, ein Cellokonzert für ihn zu schreiben. Es ist auch die Aura des Interpreten, die eine spezielle Energie in die Musik hineinfließen lässt. Esa-Pekka Salonen hat stets ein Skizzenbuch bei sich, in das er musikalische Einfälle und Konzepte notiert, und wenn er dann einen Auftrag bekommt und anfängt zu komponieren, dann hat er kein leeres Blatt vor sich, das ihm Angst macht, sondern kann durch seine Aufzeichnungen blättern und kann schnell die ersten musikalischen Ideen entwickeln.

Vom Konstrukteur zum Gärtner

Esa-Pekka Salonen ist ein weltweit gefragter Dirigent. Und er hat gelernt: die Musik wirkt umso besser, je mehr man es schafft, dass sich die Dinge organisch entfalten. Das gilt auch für das Komponieren. Eines seiner großen Vorbilder ist bis heute Jean Sibelius. "Sibelius", sagt er, "war ein Meister der Form und hat versucht, die Illusion eines Gartens zu wecken. Er war der Gärtner, aber er hat nicht die Pflanzen geschaffen."

Hommage an die Architekten von Raum und Klang

Mit Esa-Pekka Salonens "Wing on Wing" feiert Alan Gilbert dem 5. Geburtstag der Elbphilharmonie mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester. Der finnische Komponist hat es dem bewunderten Akustiker Yasuhisa Toyota gewidmet, der 2003 die Akustik der Disney-Hall in LA gestaltet hat. "Fog" hat Esa-Pekka Salonen zum 90. Geburtstag von Frank O. Gehry komponiert. Dabei hat er sich daran erinnert, wie er mit dem Architekten zum ersten Mal in der von ihm entworfenen Walt Disney Concert Hall im Musikzentrum von Los Angeles Musik gehört hat. Damals spielte des Los Angeles Philharmonic Orchestra das Präludium zu Johann Sebastian Bachs dritter Partita für Solovioline. Salonen stellt diese Solopartita an den Anfang seines Orchesterwerkes und lässt sie dann durch die Musik fließen, wobei die Töne f, a, g, e und h aus dem Namen des Architekten immer wieder brillant durchscheinen.

Karawane

Für Esa-Pekka Salonen bedeutet Komponieren, in Beziehung zu treten. Als er 2013 einen Auftrag für ein Orchesterwerk bekam, das zuerst in Zürich aufgeführt werden sollte, hat er nach einem Thema gesucht, das ihn mit der Stadt und seiner Geschichte in Verbindung bringen könnte. Er stieß auf Hugo Ball, der 1916 in Zürich das Cabaret Voltaire mit gegründet und dort im Sommer sein erstes Lautgedicht "Gadji beri bimba" aufgeführt hatte. In Hugo Balls Roman "Tenderenda der Phantast" fand Esa-Pekka Salonen dann die Beschreibung des Gedichtes, die seine Fantasie beflügelte und für die Form und den Titel des neuen Werkes bestimmend werden sollte: "Schilderung einer Elefantenkarawane". Dieser Humor traf beim Komponisten ins Schwarze. Als Salonen dann noch den "Verwesungsdirigenten" im Roman entdeckte, hat ihn das komplett erwischt. "Ein entfernter Verwandter", kommentiert er trocken. In diesem Werk für Chor und Orchester "Karawane" hat der Dadaist Hugo Ball das letzte Wort: "Wie erlangt man die ewige Seligkeit? Indem man Dada sagt."

Eine Sendung von Margarete Zander.

 

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Probenszene: Esa-Pekka Salonen dirigiert © Benjaming Suomela

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Tasten eines Konzertflügels © NDR

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