Nils Mönkemeyer beim Festival 360 Grad Viola © NDR Foto: Christiane Irrgang

Nils Mönkemeyer: "Meine innere Musik klingt so wie eine Bratsche"

Stand: 25.04.2021 06:00 Uhr

Rund 25 Konzerte stehen für Nils Mönkemeyer diesen Sommer bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern an. Dafür wird der Preisträger des Festspielsommers 2021 Heiligendamm, Grabow, Grünz und noch einige Orte mehr besuchen.

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Axel Seitz, NDR 1 Radio MV: Lieber Nils Mönkemeyer, vor zwei Jahren hätten wir dieses Gespräch ohne Hintergedanken geführt. Heute gibt es eine Pandemie. Wie realistisch oder wie optimistisch schauen Sie auf diesen Sommer?

Nils Mönkemeyer: Ich finde, eine gewisse Portion von Optimismus braucht man immer, egal, wie gut oder schlecht die Situation ist. Das Gute ist ja, dass die Festspiele hoch professionell organisiert sind und auf jeden Fall etwas stattfindet. Wenn das Schlimmste passiert und keine Konzerte stattfinden, dann setze ich mich vielleicht mit dem Festspielteam auf einen Wagen und wir fahren durch die Lande. Wir lassen uns dann auf jeden Fall etwas einfallen.

Sie sind den Festspielen seit Jahren eng verbunden. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr erstes Konzert?

Mönkemeyer: Mein erstes Konzert bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern war bei der Reihe "Junge Elite", soweit ich mich erinnere. Da war ich vielleicht 21 oder 22 Jahre alt. Und das Erste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich ins Hotel kam und völlig geflasht war, weil ich eine Kreditkarte vorlegen musste. Ich habe noch studiert und hatte überhaupt keine Kreditkarte.

Das war einer der wichtigsten Auftritte, die ich damals hatte, und zwar in Schloss Branitz auf Rügen. Dort gibt es eine Treppe, die nach oben führt, und die mit Ornamenten durchstochen ist. Und man hat das Gefühl: Wenn jetzt der Fuß durch ein Ornament rutscht, dann fliegt man die ganze Treppe herunter. Und die Pianistin, mit der ich gespielt habe, war total in Panik, diese Treppe hochzugehen. Dann sind wir zusammen Hand in Hand die Treppe nach oben gegangen. In der Pause musste sie dann auf die Toilette und hat sich nicht getraut. Von daher erinnere ich mich ganz genau an dieses Konzert.

2013 erhielten Sie einen Sonderpreis der Festspiele. 2017 waren Sie künstlerischer Leiter des Festspielfrühlings auf Rügen und 2021 Preisträger in Residence. Alle vier Jahre hat der Norden offensichtlich immer etwas Besonderes mit Ihnen vor.

Mönkemeyer: Ich wusste gar nicht, dass das einen Rhythmus hat - dann freue ich mich schon darauf, was in vier Jahren passiert (lacht). Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern sind auf jeden Fall ein Festival, das sich unglaublich weiterentwickelt hat. Ein Festival, das ganz viel wagt und im Sommer wirklich eine ganze Region belebt. Und ich bin ganz stolz, dass ich dazu einen kleinen Beitrag leisten darf.

Wenn Sie die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern mit anderen Festivals vergleichen: Welche Unterschiede gibt es? Und was macht dieses Festival für Sie besonders?

Mönkemeyer: Also wir Musiker sagen, dass diese Festspiele besonders "festspielig" sind. Da ist irgendwie ein besonderer Geist, der dieses Festival umweht. Die Festspiele haben das netteste Team, wirklich ganz toll. Und das Publikum ist Teil des Ganzen, man kommt sich sehr nah. Man trifft sich an wunderschönen Orten wie Ulrichshusen. Und dann liegt da etwas in der Luft, was wirklich magisch ist. Es gibt nach den Auftritten Begegnungen, wo man noch einmal über das Konzert spricht - das habe ich bei wirklich wenigen Festivals so erlebt. Obwohl das Team natürlich zum Teil wechselt, bleibt diese besondere Stimmung erhalten.

Zum Auftakt am 12. Juni in der Neubrandenburger Konzertkirche steht das Bratschenkonzert von William Walton auf dem Programm. Es gilt als das erste Konzert für Viola und Orchester im 20. Jahrhundert. Ein Wunsch von Ihnen?

Mönkemeyer: Ach, das ist das erste Konzert? Das muss ich nochmal recherchieren - ich glaube, das kann nicht sein. Es ist jedenfalls ein ganz großartiges Werk. Es steht im Abschied der Romantik und in der Schwelle zur Moderne. Es hat sehr viele Elemente von Jazz und Big Band. Und diese große englische Elegie, wie man sie auch von Edward Elgar kennt, gibt es auch. Das ist ein bisschen wie bei der TV-Serie "Downton Abbey", wo sich die alte aristokratische Welt verabschiedet und eine neue Welt aufbricht. Genau in diesem Spannungsfeld, das im Umbruch entsteht, hat Walton das Konzert geschrieben. Darum gibt es sehr viel Nostalgie und auch sehr viel Aufbruch darin. Es ist wirklich ein ganz besonderes Werk.

Wenn Sie "Downton Abbey" ansprechen: Wo findet sich Nils Mönkemeyer - oben bei der Haute­vo­lee oder lieber unten in der Küche mit den Bediensteten, wo es gemütlich ist?

Mönkemeyer (lacht): Ich würde gerne das Essen von oben unten essen.

Ihre musikalische Ausbildung haben Sie auf der Violine begonnen, sind dann aber im Alter von ungefähr 19 Jahren zur Viola gewechselt. Was fasziniert Sie an der Bratsche?

Mönkemeyer: Ich habe das Gefühl, wenn ich diese Frage zu oft beantworte, weiß ich das irgendwann selber nicht mehr (lacht). Denn ich spiele dieses Instrument ja so selbstverständlich. Es ist die Entsprechung meiner inneren Klangvorstellung. Und darum kann ich irgendwie gar nicht mehr beschreiben, was mich daran fasziniert. Und gleichzeitig ist das auch die Antwort: Meine innere Musik klingt so wie eine Bratsche. Die Bratsche ist eigentlich ein bisschen zu klein für den Tonumfang, den sie hat. Dadurch entsteht eine bestimmte Form von Rauch über dem Klang. Sie ist eben nicht so strahlend und direkt wie die Geige, sondern da gibt es immer etwas, was ein bisschen uneindeutig bleibt, was noch ein Geheimnis für sich behält. Das fasziniert mich. Ich finde, dadurch hat die Bratsche sehr viele Zwischentöne. Und für mich besteht das Leben genau aus diesem Irisieren zwischen Hell und Dunkel.

Ihr Idol ist Johann Sebastian Bach. Gibt es für Sie ein absolutes Lieblingsstück von ihm?

Mönkemeyer: Nein. Ich glaube, darum ist Bach so eine Ausnahme. Selbst wenn ich eine kleine zweistimmige Invention nehme, die er, wahrscheinlich nebenbei, als Übung für seine Schüler geschrieben hat, ist da dieser universelle Geist seiner Musik. Wenn ich ein Stück von Bach nicht so mag, dann bin ich wahrscheinlich nur zu blöd, um es zu verstehen.

Bei welcher Musik können Sie sich entspannen?

Mönkemeyer: Ich finde ehrlich gesagt: Jede Musik, die gute Musik ist, ist es wert, gehört zu werden. Und ich persönlich spiele ja auch sehr gerne Jazz. Das ist etwas, was ich von zu Hause mitbekommen habe. Ich höre auch Jazz und kann mich damit sehr gut entspannen. Wenn ich ein klassisches Werk höre, dann arbeitet ein Teil in meinem Kopf immer mit. Ich denke dann: Das war gut. Oder: Warum hat die Person das jetzt so und so gespielt? Da kann ich nicht so abschalten. Aber bei Jazz entspanne ich mich besonders gut.

Sie spielen im Sommer rund 25 Konzerte bei den Festspielen in Mecklenburg-Vorpommern. Gibt es einen Auftritt oder einen Ort, auf den Sie sich besonders freuen?

Mönkemeyer: Ehrlich gesagt ist die Schönheit an dieser Residenz, dass sie so vielfältig ist: Vom großen Orchester wie der NDR Radiophilharmonie bis hin zu einem besonderen, neu entwickelten Projekt mit dem Ensemble amarcord und meinen Schülern, wo wir uns von Hildegard von Bingen bis hin zu Steve Reich bewegen werden. Und dann ist da noch die klassische Kammermusik - also, es ist so vielfältig, dass ich mich gar nicht festlegen kann.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 26.04.2021 | 19:00 Uhr

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