Gojko Mitic eröffnet "Indianerfilm"-Ausstellung in Rostock

Stand: 21.06.2021 13:53 Uhr

Die Ausstellung "Ost/Western" in der Rostocker Kunsthalle vergleicht die sogenannten "Indianerfilme" der DDR mit den Karl-May-Filmen der BRD. Zur Eröffnung am 20. Juni kam Gojko Mitic.

von Lenore Lötsch

Es ist ein Kulturphänomen, das in der alten BRD genauso zu beobachten war wie in der DDR: Pierre Brice ritt als Winnetou ab 1962 durch die bundesrepublikanischen Kinos und ab 1966 schwang sich Gojko Mitic in den Sattel. Nur die Begriffe waren andere: In der BRD waren es Western, in der DDR war die halbe Republik Indianerfilmfan.  

Das Publikum liebt Gojko Mitic noch immer

Wenn ein 81-jähriger Gojko Mitic in Rostock ankommt, dann werden die Filmplakate aus den 70ern und die Filmbox mit zwölf DVDs aus der Schrankwand geholt. Der "Chefindianer auf Lebenszeit" wird bei 37 Grad in der Sonne vor der Kunsthalle von Fans umringt und nennt die Fahrt nach Rostock einen "heißen Ritt". Eigentlich war es nur ein Film - "Die Söhne der großen Bärin" - den Mitic, der gebürtige Jugoslawe, für die DEFA drehen wollte. "Ich dachte, Du machst den Film und damit hat sich das erledigt", sagt der Darsteller. "Ich hatte nicht die Absicht zu bleiben, aber ich konnte nicht weg, weil das Publikum mich festgehalten hat."

Kunsthalle Rostock: Offen für die Popkultur der DDR

Ein Schwarz-Weiß-Foto von einem Jungen mit Indianer-Kopfschmuck © Nachlass Roger Melis
Roger Melis o.T. - (Hoppenrade, 1974, Silbergelatine auf Bartypapier, 90x70cm, Privatbesitz).

Während Mitic stundenlang signiert, lächelt Jörg Uwe Neumann in die Menge. Wieder hatte er einen guten Riecher. Eine Ausstellung über den Palast der Republik, eine über die Modezeitschrift "Sibylle" oder die "Olsenbande" - die Popkultur des Ostens findet in Rostock offen stehende Museumstüren. Neumann räumt das Schaudepot frei für einen weiteren seiner Kindheitshelden. "Gojko war einer der wenigen, wo die Leute die Ostarbeit fast noch stärker empfunden haben, er sah ja auch unglaublich gut aus", meint der Leiter der Kunsthalle. Die Ausstellung hat Platz für beide Häuptlinge und deren Ästhetik: Gojko Mitic im gelben Netzshirt fotografiert für eine Illustrierte in der DDR und ein Starschnitt aus der Bravo von Pierre Brice als Winnetou. "Winnetou war diese große Vorlage von Karl May dieser fast übermenschlich nur positiv agierende Mensch und Gojko konnte verschiedene Charaktere spielen", schildert Neumann. "Es fing am mit Tokei-Ihto und war dann Ulzana oder Osceola oder Chingachgook - er war immer wieder neu!"

 Karl-May-Romane standen der DEFA nicht zur Verfügung

Ausgerechnet in einer Krise des Westerngenres in den 60er-Jahren adaptiert man in der BRD die Geschichten von Karl May für die Leinwand. Das hängt zum einen mit der unglaublichen Popularität der Bücher zusammen, womit man die Kinokrise, die das aufkommende Fernsehen verursacht hatte, lösen wollte. Außerdem endete 1962 die Schutzfrist für die Rechte des Autors Karl May. "Der Schatz im Silbersee" wird produziert - mit 3,5 Millionen D-Mark einer der teuersten Filme der damaligen Zeit. In der DDR stehen Mays Romane der DEFA Studioleitung nicht zur Verfügung. Bis 1983 werden sie in der DDR nicht verkauft. Also verpflichtet man 1965 die Althistorikerin und Schriftstellerin Liselotte Welskopf -Henrich. Sie liefert die Romanvorlage und schreibt auch das Drehbuch für die "Söhne der großen Bärin".

Gojko Mitic und Pierre Brice gemeinsam in "Unter Geiern"

Pierre Brice als Winnetou und Gojko Mitic als Wokadeh reiten auf ihren Pferden. © Rialto Film GmbH, Berlin
Pierre Brice und Gojko Mitic in "Unter Geiern" (Rialto Film, 1964, Karl-May-Archiv e.V.)

Die Kuratorin der Rostocker Ausstellung Nadine Barth ist in Hamburg aufgewachsen. In ihrem Kinderzimmer hing ein Plakat von Lex Barker. Die Ostindianerfilme, die offiziell "historische Abenteuerfilme" hießen, lernte sie erst durch die Vorbereitung auf die Ausstellung kennen. "Das war natürlich die Antwort auf Winnetou im Westen", sagt Barth. "Das Schöne finde ich ja, dass Gojko Mitic und Pierre Brice beide in 'Unter Geiern' zusammengespielt haben." Dieses Foto findet sich auch in der Ausstellung. "Wo Pierre Brice Gojko die Hand auf die Schulter legt, und ihn so ein bisschen beschützt und sagt: 'Ich weiß, du kämpfst, du bist groß, du bist stark, du bist mutig' und so war auch Pierre Brice als Mensch. Er hat den Winnetou verkörpert mit seinen eigenen Werten, für das Gute letztlich zu kämpfen", schildert die Kuratorin.

"Ost/Western": Schwierige Namensfindung

Kann man im Jahre 2021 eine Ausstellung machen, in der es um "Indianerfilme" geht? Kann man nostalgisch schwelgen und die Perspektive derjenigen, über die da oft stereotyp erzählt wurde, außer Acht lassen? "Es fing schon bei der Titelgebung an", gibt die Kuratorin zu. "Wie nennt man diese Ausstellung? Ohne dass man das Wort 'Indianer' miteinfügt?" "Ost/Western" heißt die Ausstellung nun und im Untertitel "Kino, Kult und Klassenfeind". Und gleich am Beginn der Schau ist eine Landkarte mit den Siedlungsgebieten der indigenen Bevölkerung um das Jahr 1500 zu sehen.

Kinosaal mit Film-Zusammenschnitten sehr beliebt

Bei der Eröffnung allerdings wird vor allem der Kinosaal mit den zwei hölzernen Sitzreihen belagert. "Die Filme sind großartige Kunst. Da haben wir wirklich ganz tolle Zusammenschnitte gemacht", sagt Kunsthallendirektor Jörg Uwe Neumann. "Da ist zum Beispiel eine Saloonszene aus 'Söhne der großen Bärin' - das ist wirklich bestes Brechtsches Theater und großartige Kunst!

DEFA-Darstellungen näher an der Realität

Mitic erzählt, wie die DEFA sich von den Winnetoufilmen absetzen wollte: "Wir haben versucht, uns mehr an die Geschichte zu halten: Kostüme, Landschaften, wo gedreht wurde, das ist adäquat", sagt Mitic. "Winnetou ist ein Apache in Karl May-Filmen, er lebt in Arizona, trägt aber das Kostüm eines Prärieindianers , der würde sich doch totschwitzen!" Karl May habe das so beschrieben, weil es schöner mit Perlenstickerei aussehe. "Wir haben versucht unsere Apachen, als ich den Film gemacht habe, als Apachen anzuziehen - also oberkörperfrei!"

Große Fanszene 

Gemälde eines kleinen Jungen mit Kopfschmuck sowie Pfeil und Bogen. © VG Bild-Kunst, Bonn 2021
"Richard der Indianer" - Wolfgang Mattheuer (1973, Öl auf Hartfaser, 125x100cm, Privatsammlung Leipzig, VG Bild-Kunst).

Die Ausstellung zeigt auch Fotografien von DDR-Familien: Der Vater mit Häuptlingsschmuck oder Wolfgang Mattheuers Bild seines Sohnes im Federkostüm. "Ost/Western" gibt  Einblicke in die Indianistikszene der DDR. Eine Fankultur, die eine Nische war, aber äußerst ernsthaft und historisch korrekt betrieben wurde und wenig zu tun hatte mit dem Einheitstipi, das in fast jedem DDR Kinderzimmer existierte. Genre- und medienübergreifend ist diese Schau." Die Indianer waren ja immer auch so ein bisschen auch die, die gegen die bösen Imperialisten kämpfen mussten", erklärt sich Jörg-Uwe Neumann die große Popularität der Filme. "Beim Durchgucken aller Filme ist mir sehr aufgefallen, wie politisch die waren, aber das haben sie subtiler gemacht als sonst und deshalb war es nicht so nervig."

Die Ausstellung im Schaudepot der Rostocker Kunsthalle läuft noch bis zum 29. August. Geöffnet dienstags bis sonntags von 11 Uhr bis 18 Uhr. 

Weitere Informationen
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Die Ausstellung "Ost/Western" in der Rostocker Kunsthalle vergleicht die sogenannten "Indianerfilme" der DDR mit den Karl-May-Filmen der BRD.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kunsthalle Rostock
Hamburger Straße 40
18069 Rostock
Telefon:
0381 381-7008
E-Mail:
Kunsthalle@rostock.de
Preis:
10 Euro (ermäßigt: 8 Euro)
Öffnungszeiten:
Dienstags bis Sonntags 11-18 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 21.06.2021 | 07:20 Uhr