Stand: 23.07.2019 08:25 Uhr

Mit Beil und Feile: Seelenschau in Skulpturen

von Matthias Schümann

Sommer in den Ateliers - was passiert dort in der warmen Jahreszeit? NDR Kultur hat sich in Arbeitszimmern und auf den Grundstücken von Künstlerinnen und Künstlern im Norden umgesehen und ist dabei auch nach Kneese gekommen. Der kleine Ort liegt in Mecklenburg-Vorpommern, eine gute halbe Autostunde östlich von Rostock. Dort arbeitet das Künstlerpaar Susanne Rast und Dirk Wunderlich.

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Eine Krake im Garten: Dirk Wunderlich mit seinem Kunstwerk.

Am großen Metallgittertor empfängt den Besucher Gebell. Zwei kleine Mischlinge namens Eddi und Krille freuen sich über den Besuch oder wollen ihn vertreiben - ganz klar ist das nicht. Und auch ein stattlicher Husky mit dem Namen Lehmann kommt und schnüffelt am Gast. Die drei Hunde bewachen ein Gehöft, das von zwei lang gestreckten, grauen und irgendwie verschlossen wirkenden Beton-Gebäuden dominiert wird. 2001 kauften Susanne Rast und Dirk Wunderlich das Grundstück am Rande des Dorfes Kneese.

"Mir war's zu groß, mein Mann hat gesagt: Das ist es", erinnert sich Rast und ergänzt: "Und ich hab gedacht: Nee, nicht mein Leben lang 'ne Schubkarre schieben. Und jetzt ist es so und ich bin froh, dass er sich durchgesetzt hat."

Gebäudekomplex aus den 70ern wird Atelier

Der Gebäudekomplex entstand Anfang der 70er-Jahre und gehörte wahrscheinlich zum Staatssicherheitsdienst der DDR. Rast kennt sich in der Umgebung gut aus, denn sie ist hier aufgewachsen, in einer Künstlerfamilie. Ihr Vater, der 2011 verstorbene Bildhauer Jo Jastram, hatte sich nur wenige hundert Meter entfernt in den 70er-Jahren ein Haus mit großem Ateliergebäude als Arbeits- und Lebensort eingerichtet. Rasts Mutter, die Grafikerin Inge Jastram, lebt noch heute dort.

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Der Park füllt sich langsam mit Skulpturen wie dieser.

Wunderlich kommt aus Berlin, entwickelte aber schon als Kind durch lange Aufenthalte in der Lausitz eine Vorliebe fürs Landleben: "Man hat einen schönen Horizont, man kann sehr weit gucken und vor allem hat man unglaublich viel Platz. Und das ist irgendwie eine logische Folge nach der Kindheit und nach der Jugend. Ich bin super froh, dass wir das gemacht haben."

Krake mit Kunststoffschaum-Beschichtung

Unter einem großen Schleppdach liegt eine Figur, an der Wunderlich arbeitet. Der Künstler wurde 1961 geboren, er absolvierte eine Ausbildung zum Stuckateur und ein Abendstudium an der Kunsthochschule Berlin. Sein gerade entstehendes Werk ist gut zehn Meter lang und zweieinhalb Meter hoch: eine Art Krake ohne Fangarme, gefertigt aus Bambus, den der Künstler mit Kunststoffschaum beschichtet und dann mit einer Raspel bearbeitet: "Ich mag es, das ganz handwerklich zu machen - also mit puren Handwerksmitteln, in diesem Fall die Feile, die Raspel und ganz normales Schleifpapier."

Ob es sich bei der Figur um ein Lebewesen handelt oder eine Maschine, der Natur abgeschaut oder am Reißbrett entworfen, das bleibt unentschieden. Alle Figuren von Dirk Wunderlich bewegen sich in diesem Grenzbereich. "Da ist die fast schmeichlerische Form, aber auf einmal entpuppt sich etwas innerhalb der Form, das nicht ganz stimmig ist. Da gibt es etwas Aggressives. Das ist die Grundidee: Wir haben ja das Fremde versucht zu erkunden, haben gleichzeitig aber auch Angst vor dem Fremden."

Unentschlossenheiten als Inspiration

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Susanne Rast wurde 1962 in Rostock geboren und ging 1981 zum Studium der Bildhauerei nach Berlin.

Während draußen geraspelt wird, fliegen drinnen Gipssplitter durchs Atelier. Sie bearbeitet eine angefangene Büste mit einem Beil: "Das ist jemand aus dem Freundeskreis. Jemand, der sehr unentschlossen ist, das ist seine Tragik. Und ich versuche, diese Hals-Thorax-Trapezius-Verbindung so zu machen, dass der Kopf aus diesem Körper herauswächst, aber immer Störungen da sind, mit der Schulter oder so. Das interessiert mich mehr als nur das Näschen oder das Auge."

"Mich interessieren Seelenzustände"

Susanne Rasts Atelier hat eine Gips- und eine Holzseite. Der Kopfplastik gegenüber steht eine hoch aufgerichtete Figur aus Holz, die einen unentschlossenen halben Schritt nach vorn macht. Ihre Oberfläche ist teilweise mit Ton bedeckt. Jetzt greift auch Rast zur Raspel und arbeitet an der Rundung der Hüfte.

"Die Arbeit beschreibt den Zustand des Gehenwollens, aber des Verhaftetseins", sagt Rast und ergänzt: "Mich interessieren Seelenzustände, die Pubertät zum Beispiel als psychologischer Zustand."

Das Gehöft in Kneese bietet Platz für Feste, und nach und nach gestalten die beiden Künstler das Grundstück zu einer Art Skulpturenpark. Im Vordergrund stehen allerdings die begonnen Werke, im Herbst stehen die nächsten Ausstellungen an.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 23.07.2019 | 09:20 Uhr