Stand: 04.03.2019 17:58 Uhr

Zoë Beck: "Frauenquoten? Auf jeden Fall!"

Eine aktuelle Studie des Weltwirtschaftsforums belegt, dass die Ungleichbehandlung zwischen den Geschlechtern in Deutschland zunimmt. Mit Blick auf den Weltfrauentag am 8. März beleuchten die Kulturredaktionen des NDR die Situation der Frauen - speziell in der Welt der Kultur: "Frauenquote - muss das sein?" Das fragen wir unter anderem auch die vielfach ausgezeichnete Thriller-Autorin Zoë Beck, die an dem Forschungsprojekt "Frauen zählen" beteiligt war.

Frau Beck, die Frage steht auch im Kultur-, speziell im Literaturbereich im Raum: Frauenquote - muss das sein?

Zoë Beck: Wenn Sie mich das vor 20, 25 Jahren gefragt hätten, hätte ich mit Sicherheit gesagt: Nein, Frauenquoten dürfen eigentlich gar nicht sein; wir Frauen können uns auch so durchsetzen, und wir sind auf dem allerbesten Weg zur Gleichberechtigung. Jetzt bin ich fast 44, habe einiges an Berufs- und Lebenserfahrung dazugewonnen und sage: Ja, Frauenquoten, überhaupt Quoten in bestimmten Bereichen, auf jeden Fall!

In anderen Bereichen machen Quoten nicht so viel Sinn, aber da würde ich sehr dafür plädieren, dass alle beteiligten Menschen, zum Beispiel in der Literaturkritik, sehr viel genauer darauf achten, von wem sie sich gerade ein Buch zur Hand nehmen - Stichwort Diversität. Sind das alles ältere weiße Herrschaften, oder ist da auch mal eine Frau oder eine Person mit Migrationshintergrund, mit einer anderen Hautfarbe dabei?

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Zoë Beck findet Frauenquoten wichtig, "weil dadurch eine Sichtbarkeit hergestellt wird".

Ob man eine Quote für ein Feuilleton einführen kann, da bin ich mir selbst auch unsicher, aber wenn jede Kritikerin und jeder Kritiker mal für sich selbst durchzählen würde, würden erstaunliche Sachen dabei herauskommen.

Sie haben eine Art Differenzierung gemacht - wo würden Sie da differenzieren?

Beck: Beispielsweise was jetzt im Film- und Fernsehbereich passiert. Da studieren an den entsprechenden Hochschulen genauso viele oder teilweise sogar ein bisschen mehr Frauen als Männer im Bereich Kamera oder Regie. Im Abspann sieht man aber, dass Männer deutlich in der Überzahl sind. Das ist ein Ungleichgewicht, und warum soll es da keine Quote geben?

Es ist ja nicht so, dass es nur 20 Prozent Frauen studiert hätten und 80 Prozent Männer, sondern die haben das ausgewogen studiert. Das Bild, das nachher in der Arbeitswelt wiedergegeben wird, ist ja falsch.

Sie sagen, an der Wurzel ist das völlig in Ordnung, da sind teilweise sogar mehr Frauen als Männer. Aber bei dem Trieb, der oben rauskommt, sind plötzlich nur noch Kerle dabei - wie kommt das?

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Beck: Ich glaube, das hat viel damit zu tun, wie wir selber konditioniert werden. Es schreiben wahnsinnig viele Frauen Bücher - ich weiß nicht, ob es mehr Frauen sind oder mehr Männer, aber gefühlt hält sich das die Waage. Aber wenn man sich anschaut, wer wirklich relevant ist, wer besprochen wird, wer die Preise bekommt - und das haben wir auch durchgezählt -, sind die Männer wieder in der Überzahl.

Das hat zum Beispiel damit zu tun, dass wir an der Schule in erster Linie Literatur von Männern lesen. Wir bekommen von Anfang an den Eindruck vermittelt, dass relevante Literatur, das, was wir lesen sollen, was wirklich Bestand hat, von Männern kommt. Und das ist schade.

Wer soll kontrollieren - und womöglich am Ende sogar sanktionieren -, dass wir ein ausgeglichenes Verhältnis haben?

Beck: Es wäre so schön, wenn sich die verantwortlichen Menschen erst mal selbst an die Nase packen - und verantwortlich sind auch Lehrerinnen und Lehrer, Schulleitungen und Kultusministerien. Sanktionieren - ich tue mich schwer mit solchen Sachen. Ich fände es schön, wenn es freiwillig funktioniert. Gleichzeitig schaue ich in die Wirtschaft, wo diese "freiwillige Verpflichtung" überhaupt nichts gebracht hat.

Zumal es nicht wenige Frauen gibt, die selbst eine Quote ablehnen, weil sie nicht einen Posten oder eine Funktion erhalten wollen, nur weil sie eine Frau sind.

Beck: Hätten Sie mich das vor 20, 25 Jahren gefragt, hätte ich auch gesagt, dass ich keine Quotenfrau sein will. Das Problem ist, dass die "ersten Quotenfrauen" es möglicherweise hier und da schwer haben werden. Aber es ist vor allen Dingen deshalb wichtig, weil dadurch eine Sichtbarkeit hergestellt wird. Wir sind dann nicht mehr nur daran gewöhnt, in allen wichtigen Positionen in erster Linie Männer zu sehen.

Das sieht man zum Beispiel an den Orchestern, die die Vorspiele hinter einem Vorhang machen lassen: Da ist die Frauenquote von null auf 30 Prozent sprungartig angestiegen. Plötzlich waren da nicht mehr nur weiße Menschen im Orchester, weil hinter dem Vorhang diese unbewussten Vorurteile nicht greifen konnten.

Würde sich etwas ändern, wenn mehr Frauen in Führungspositionen wären? Im Feuilleton der "Zeit" haben wir mit Iris Radisch mindestens eine Ko-Vorsitzende und am Deutschen Theater in Hamburg mit Karin Beier eine Intendantin. Stellen Sie da spürbare Veränderungen fest?

Beck: Der Deutsche Kulturrat hat im Auftrag von Frau Grütters (Staatsministerin für Kultur und Medien, Anm. d. Red.) durchgezählt und festgestellt, dass die Chefredaktionsposten zu einem ganz geringen Prozentsatz von Frauen besetzt sind. Die Frauen, die jetzt mit dabei sind, können nicht von heute auf gleich alles ändern, sondern es müsste sich insgesamt, auf größerer Fläche etwas ändern.

Auch am Buchmarkt wurde durchgezählt: Da liegt der Frauenanteil bei fast 80 Prozent - und auf der Führungsebene ist es genau umgekehrt. Seit diese Studie veröffentlicht wurde, hat sich da tatsächlich einiges getan. Ich glaube, das hat einige zum Nachdenken gebracht, und ich denke, dass sich dann etwas ändert, weil wir sichtbarer werden.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.03.2019 | 19:00 Uhr

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