Stand: 22.01.2018 00:01 Uhr

Was macht Musik mit unserem Gehirn?

von Daniela Remus

Macht Musik Kinder und Jugendliche schlau? Hilft Musik Demenzkranken, sich zu erinnern? Oder kurbelt Musik sogar das Wachstum von Pflanzen an? Dass Musik etwas bewirkt, darin sind sich alle einig - auch Wissenschaftler. Aber wie genau? Und was passiert dabei im menschlichen Körper? Und im Gehirn? Kann Musik vielleicht sogar das Lernen erleichtern?

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Macht Musik schlau? Mit einem einfachen "Ja" antworten Wissenschaftler nicht auf die Frage. Aber Musik hat positive Auswirkungen.

Musik beeinflusst unsere Stimmung und unsere Gefühle - das erleben wir tagtäglich und es ist hinlänglich bekannt. Aber was weniger bekannt ist: Kinder, die viel musizieren, bekommen oft auch bessere Schulnoten, haben Wissenschaftler herausgefunden. "Was man in wissenschaftlichen Studien immer wieder findet, sind Assoziationen zwischen bestimmten kognitiven Leistungen wie Gedächtnis, allgemeine Intelligenz, Aufmerksamkeit und dem Instrumentalspiel", sagt der Musikpsychologe Daniel Müllensiefen von der Universität London.

Macht Musizieren Kinder leistungsfähiger?

Ist es also das Erlernen eines Instruments, das die Kinder leistungsfähiger macht? "So einfach ist es nicht", sagt der Wissenschaftler, der aktuell in Hannover eine Langzeitstudie zur musikalischen Entwicklung von Schulkindern leitet. "Dieser kausale Zusammenhang ist nicht unbedingt gewährleistet", sagt Müllensiefen. "Das ist viel schwieriger. Es könnte auch so sein, dass die schlaueren Kinder eher Musik machen, weil sie das auch noch in ihrem Lebensalltag unterbringen können und auch Interesse daran haben."

Gehirnhälften vernetzen sich stärker

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Intensives Musizieren verändert das Gehirn. Das haben Wissenschaftler bei der Erfassung von Hirnströmen gemessen.

Die aktive Beschäftigung mit Musik verändert das Gehirn sichtbar. Vor allem in den Regionen, die zentral sind für die vielfältigen Aspekte des Denkens, erklärt der Neurowissenschaftler Peter Schneider von der Heidelberger Forschungsgruppe Musik und Gehirn: "Ganz wichtig ist die Vernetzung der rechten und linken Gehirnhälfte im Sinne einer Synchronisation. Das heißt, dass sozusagen die zeitliche Verarbeitung in beiden Gehirnhälften aufeinander abgestimmt wird. Das ist ein ganz wichtiger Faktor, den wir ganz überraschenderweise mit dem Erfassen von Gehirnströmen beim Hören von Tönen gemessen haben", erklärt der Neurowissenschaftler. "Durch intensives Musizieren nimmt die Vernetzung zu, sodass dann verschiedene Bereiche im Gehirn, also auditorische Prozesse, motorische Prozesse und visuelle Prozesse miteinander verknüpft werden."

Auch die Sprachverarbeitung profitiert

Das regelmäßige Musizieren führt dazu, dass die neuronalen Netzwerke des Gehirns aktiver sind. Das haben Peter Schneider und sein Team durch bildgebende Verfahren sichtbar machen können. Dabei ist es aber völlig egal, ob jemand Cello spielt oder Klavier. Kinder, die ein Instrument lernen, können beispielsweise besser zuhören und sich länger konzentrieren und sie haben ein stabileres Gedächtnis. Aber nur in knapp jedem fünften deutschen Haushalt erlernen Kinder ein Instrument. "Das ist schade, denn auch die Sprachverarbeitung ist durch das Musizieren aktiver", sagt der Musikpsychologe Müllensiefen.

Positive Effekte bei Lese- und Schreibschwächen

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Studien zufolge erhöht Musik bei Kindern im Grundschulalter das Lese- und Rechtschreibverständnis.

"Je jünger die Kinder sind, desto schneller kann man Effekte sehen", sagt Müllensiefen. "Es gibt einige Studien, die musikalische Intervention im frühen Grundschulalter einsetzen, um zum Beispiel Lese- und Rechtschreibverständnis zu erhöhen, also die phonemische Bewusstheit, die für das Lesen- und Schreibenlernen sehr wichtig ist. Und da scheint es so zu sein, dass es schon nach wenigen Monaten Effekte gibt, die auf das musikalische Training zurückgehen, die positiv sind und die gerade für die Lese- und Schreibschwächeren von großer Bedeutung sind." Wegen dieser Erkenntnisse unterstützen die Wissenschaftler beispielsweise auch das musikpädagogische Programm "Jedem Kind ein Instrument" (Jeki), das in einigen Bundesländern für Grundschüler angeboten wird.

Erhöhung der Lernbereitschaft

Denn das intensive Üben und Erlernen eines Instruments schult die Aufnahmefähigkeit des Gehirns. Darüber hinaus motiviert das erfolgreiche Musizieren die generelle Bereitschaft, überhaupt etwas lernen zu wollen. "Eine plausible Hypothese wäre, dass Musik ein Bereich ist, in dem man sehr gut feststellen kann, dass man durch Lernen Fähigkeiten hinzugewinnen kann, von denen man vorher gar keine Ahnung hatte", sagt der Musikpsychologe Müllensiefen. "Dass man im Bereich Musik nach ein paar Wochen üben und dabeibleiben merkt: 'Huch, ich kann jetzt ja was. Ich kann ein kleines Lied auf dem Klavier spielen oder ein Stück auf der Gitarre schrammeln und dazu singen, von dieser Fähigkeit hatte ich vorher keine Ahnung und wusste auch gar nicht, dass ich die ausüben kann.'" Musizieren kann also nicht nur glücklich machen, sondern auch das Lernen erleichtern.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 25.01.2018 | 08:55 Uhr