Eine Hand hält eine Violine in Spielhaltung. © picture alliance/VisualEyze Foto: Felbert+Eickenberg

Kultur in der Corona-Krise: Sind die Gewerkschaften zu schwach?

Stand: 23.10.2020 12:55 Uhr

Viele Kulturschaffende arbeiten freiberuflich und sind nicht gewerkschaftlich organisiert. Für die Gewerkschaften ist es deshalb schwierig, die Interessen der Künstlerinnen und Künstler durchzusetzen.

von Torben Steenbuck

Gewerkschaften und Lobbyverbände sind in Zeiten der Corona-Krise besonders wichtig. Sie sorgen dafür, dass die Beschäftigten der jeweiligen Branche von der Politik gehört werden, die Probleme und Herausforderungen klar gemacht werden und generell für Zusammenhalt und Solidarität geworben wird. Ein Arbeitsfeld, das von Corona extrem stark getroffen wird, ist die Kunst- und Kulturbranche. Sind gewerkschaftliche Organisation und Lobbyarbeit stark genug, um die Interessen der Beschäftigten durchzusetzen?

Freischaffende Musiker sind häufig Einzelkämpfer

Johann-Peter Taferner ist freischaffender Musiker. Im Normalfall wird er von unterschiedlichen Orchestern engagiert. "Wir verbringen viel Zeit unserer Ausbildung damit - und zwar von Kindesbeinen an-, alleine zu üben", sagt Taferner. Durch Corona ist ihm mindestens die Hälfte seiner Aufträge weggebrochen.

In einer Gewerkschaft ist Taferner nicht. "Ich muss ehrlich sagen, dass ich da noch nicht drüber nachgedacht habe", sagt der Klarinettist. "Man ist es nicht gewöhnt, da auf jemand anderen zu setzen. Tatsächlich ist da immer nur der Gedanke, 'wie kann ich gut überleben?.'" Mit dieser Einzelkämpferhaltung ist Taferner in der Branche der Kreativschaffenden nicht alleine. Viele der Solo-Selbstständigen sind nicht gewerkschaftlich organisiert.

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Kleinteilige Kulturbranche muss sich zusammenschließen

Agnes Schreieder ist bei der Gewerkschaft Verdi in Hamburg Landessekretärin für Kunst und Kultur. Seit der Corona-Krise ist dieser Mitgliederbereich um zehn Prozent auf bundesweit 5.000 Mitglieder gewachsen. "Es ist wichtig, dass wir in den politischen Raum wirken", sagt Schreieder. "Bei Fragen der sozialen Absicherung, so wie wir das bei Corona dramatisch erleben, aber auch bei Fragen von Mindesthonoraren und ähnlichem, braucht es eine stabile und funktionierende Organisation."

Das ist etwas, dass in der kleinteiligen Kulturbranche schwer zu organisieren ist. Allein für die Rechte der Musiker kämpfen neben Verdi schließlich noch die Deutsche Orchestervereinigung, der Deutschen Tonkünstlerverband und die Deutsche Jazz Union. "Man muss sich da zusammenschließen. Eine einzelne Stimme, ein kleiner Verband oder ein kleines Kollektiv können in einer Krisensituation mit vielen verschiedenen Interessenlagen nicht durchdringen", schildert Schreieder. "Die Chance für uns als Gewerkschaft ist gemeinschaftlich deutlich größer."

Interessen der Musiker werden kaum berücksichtigt

Andrea Rothaug © Katja Ruge
Seit 2002 leitet Andrea Rothaug den Verein RockCity Hamburg.

Die Initiative RockCity Hamburg engagiert sich für Künstler aus dem Rock und Pop-Bereich. Bei dem Verein beobachtet man einen durchaus wachsenden Zusammenhalt in der Musikszene durch Corona. "Wir merken, dass auf Bundesebene hingenommen wird, dass Musikerinnen und Musiker, DJs, Bookerinnen und viele mehr in die Grundsicherung gehen", sagt Andrea Rothaug, die den Verein leitet. "Die sollen einfach Hartz IV bekommen und die Klappe halten und da sind wir natürlich dagegen."

Auch wenn die Strukturen in der Kulturbranche über Jahre gewachsen sind und viele nicht organsiert sind: Die Schuld für die im Moment oft prekäre Situation, tragen die Kulturschaffenden nach Rothaug keinesfalls alleine: "Das eine ist, ausreichend Verbände zu haben. Das andere ist, einflussreich genug zu sein gegenüber einer Politik, in der Kultur sozusagen Ehrensache ist und nicht den Stellenwert hat, den sie eigentlich haben sollte."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 26.10.2020 | 08:55 Uhr

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