Stand: 04.03.2019 10:45 Uhr

Braucht es eine Frauenquote im Orchester?

von Miriam Stolzenwald

Auf den Konzertprogrammen der klassischen Musik stehen meistens Werke von Männern und häufig sind es auch Männer, die diese dann im Konzert dirigieren. Wie aber sieht das bei den Klangkörpern aus? Wie sieht es bei der Besetzung der Orchester mit der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau aus?

Bis in die 1970er-Jahre hinein waren Orchester nahezu reine Männerdomänen. Das hat sich in den vergangenen Jahren aber deutlich geändert. "Heute sind in den Berufsorchestern mehr als 50 Prozent der jüngeren Altersgruppe weiblich", sagt Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung. Das zeichnet sich bereits in der Ausbildung ab.

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"Es gibt weiterhin Vorbehalte gegen Frauen", sagt die Präsidentin der Musikhochschule Hannover Susanne Rode-Breymann.

Die Musikhochschule in Hannover hat rund 1.600 Studierende - etwa 250 davon haben das Ziel, später in einem Orchester zu spielen. Auf den ersten Blick ist die Verteilung in den Studiengängen zwischen Frauen und Männern etwa gleich. Bei genauerem Hinsehen zeige sich, dass in bestimmten Instrumentengruppen das eine oder andere Geschlecht dominiert. "In den Geigen sind die Frauen inzwischen in der Überzahl", erklärt die Präsidentin der Hochschule, Susanne Rode-Breymann. Bei den Holz- und Blechbläsern sei dagegen noch Nachholbedarf: "Bei der Tuba ist eben jetzt gerade die Situation eingetreten, dass wir das erste Mal eine Frau in der Klasse haben."

Die angesprochene Tubistin heißt Viktoria Krumme. Sie sieht diese Situation aber keinesfalls als Nachteil. "Ich habe sehr früh angefangen, Tuba zu spielen und ich war meistens sogar die Jüngste und die einzige Frau", erinnert sich Krumme. Die Situation sei also nie anders gewesen. "Vielleicht ist es sogar ein kleiner Vorteil, weil es eine Nische ist und sich Menschen eher an mich erinnern."

Trotz Verbesserungen noch großer Nachholbedarf

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Viktoria Krumme ist die einzige Tubistin an der Musikhochschule Hannover.

Eine echte Gleichberechtigung ist also auch heute noch nicht ganz in den Orchestern erreicht. "Es gibt weiterhin Vorbehalte gegen Frauen. Also da müssen wir uns überhaupt nichts vormachen", sagt Rode-Breymann. Die seien aber meist in Diskussion über die Qualität gut verpackt. Bei den ganz großen Orchestern sei der Frauenteil zudem immer noch deutlich geringer. "Der institutionelle Rang, von großen Konzerthäusern, der macht im Moment noch einen großen Unterschied" erklärt die Präsidentin der Musikhochschule. "Die Welt-Spitzenorchester, die kommen noch mit sehr wenig Frauen aus."

Das gilt auch für die Führungspositionen in den Orchestern. Bei den Stimmführern sind nur etwa ein Drittel Frauen, die anderen zwei Drittel Männer. Trotzdem sprechen sich junge Musikerinnen wie Viktoria Krumme nicht unbedingt für eine Quote aus: "Ich habe das Gefühl, dass ich dann eher benachteiligt werde, weil, egal wie gut ich spiele, es wird immer Leute geben, die sagen, ich habe die Stelle nur gekriegt, weil ich eine Frau bin", meint Viktoria Krumme. Die Cellistin Friederike Seeßelberg meint: "Ich finde das immer schwierig mit Quoten. Natürlich, zum Teil, ist es nötig, damit auch ein Umdenken stattfindet, es dann irgendwann normal ist und keine Quote mehr nötig ist."

Der Geschäftsführer der Orchestervereinigung Gerald Mertens erwartet für die Zukunft weiterhin eine positive Entwicklung: "In der nächsten Zeit werden mit der Pensionierungswelle mehr Männer ausscheiden. In den unteren Altersgruppen sind mehr Frauen im Orchester, das wird weiter nach oben wachsen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 05.03.2019 | 07:20 Uhr