Stand: 13.09.2018 18:31 Uhr

Umgangston: "Die Grenzen verschieben sich"

Ist der Ton in der Gesellschaft schärfer, gröber, rauer geworden? Gehen Umgangsformen verloren, schwindet die Zivilität? Oder ist das alles gar nicht so neu und wir hatten nur vergessen, dass wir immer ganz gut darin waren, aufeinander zu schimpfen? Fragen an den Sprachwissenschaftler Henning Lobin.

Herr Lobin, existiert sie nun oder nicht, diese oft beschworene neue Negativ-Qualität im sprachlichen Umgang miteinander?

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Henning Lobin ist Direktor des Instituts für Deutsche Sprache.

Henning Lobin: Ich glaube, wir haben eine neue Wahrnehmung dessen erreicht. Es ist schwer zu sagen, ob sie völlig anders ist als zuvor, aber was auf alle Fälle anders ist, dass wir viel mehr Einzelmeinungen überhaupt wahrnehmen können und zwar vermittels des Internets.

Nun stellen Moderatoren von Kommentarfunktionen bei Online-Portalen, etwa beim NDR, fest, dass Beleidigungen, Schmähworte, antisemitische oder antimuslimische Ausfälle deutlich zunehmen. Ist das nicht doch ein Hinweis auf eine Verrohung des Tons insgesamt?

Lobin: Es ist auf alle Fälle keine sehr schöne Situation, da stimme ich Ihnen ganz und gar zu. Das darf man auch nicht verharmlosen, insbesondere wenn es um solche Dinge geht, wie Sie sie gerade genannt haben. Man muss sich allerdings ansehen, inwieweit es tatsächlich eine politische Debatte betrifft, die geführt wird, die schärfer und vielleicht auch angriffslustiger geführt wird, auch mit was für Begriffen sie geführt wird. Oder ob es sich auf der anderen Seite um echtes "Hate Speech"-Verhalten handelt, wo Menschen diffamiert und herabgewürdigt werden.

Es fällt auf, dass wir uns mit Begriffen herumschlagen, die vor ein paar Jahren so noch gar nicht im Umlauf waren. Alice Weidel von der AfD sprach im Bundestag von "Kopftuchmädchen, Messermännern und sonstigen Taugenichtsen", wir haben Diskussionen erlebt um Wörter wie "Populismus", "Volk" oder "völkisch", wir haben hochrangige Politiker gesehen wie Sigmar Gabriel, die den Mittelfinger gereckt haben, die von "Pack" gesprochen haben. Das könnte man schon als Signal einer unguten Vergröberung und Aufrauung des so wichtigen Diskurses in der Gesellschaft deuten.

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Lobin: Ja, da stimme ich Ihnen zu. Der Diskurs ist das Entscheidende, die Art und Weise, wie tatsächlich in einem größeren Zusammenhang miteinander geredet wird, kommuniziert wird, auch schriftlich. Das ist etwas, wo bestimmte Strategien zu erkennen sind, die Anwendung finden, die in einem solchen Maße vielleicht in der Vergangenheit nicht eine Rolle gespielt haben. Einzelne Begriffe waren in der politischen Kommunikation ja immer schon wichtig. Vor einigen Jahren hieß es zum Beispiel "Herdprämie", für diese Zahlung, die vorgesehen war für Leute, die ihre Kinder nicht in die Kindertagesstätte schicken wollten. Das ist für mich so ein Paradebeispiel für einen ganz geschickt gewählten politischen Begriff, der eigentlich nicht spezifisch verletzend ist.

Begriffe wie "Messer-Migration" hingegen haben ganz klar einen diffamierenden Charakter, und indem solche Begriffe verwendet werden, wird ein Stück weit eine Grenze verschoben, sie überhaupt öffentlich oder sogar in Parlamenten zu äußern. Und wenn das dann geschieht, dann erleben wir oftmals eine ganz bestimmte Strategie dahinter, zu sagen: Ich habe es ja gar nicht so gemeint, ich gehe einen Schritt zurück. Also: zwei Schritte vor, einen Schritt zurück - aber insgesamt wird ein Schritt nach vorne gegangen, und das ist die eigentliche Problematik dabei.

Gestern war Generaldebatte im Bundestag. Alexander Gauland von der AfD sagte: "Die 'Ausländer raus!'-Schreie und Hitlergruß-Zeiger sind doch die größte Hoffnung für Sie, meine Damen und Herren vom politisch-medialen Establishment." In einer Replik auf Gauland sagte Martin Schulz von der SPD: "Herr Gauland, die Menge von Vogelschiss ist ein Misthaufen, und auf den gehören Sie in der deutschen Geschichte." Das war wiederum eine Anspielung auf eines der am hitzigsten diskutieren Worte jüngerer Zeit - Alexander Gauland hatte im Frühjahr gesagt, Hitler und die Nazis seien nur ein "Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" gewesen.

Christian Lindner von der FDP wiederum hat sich in Richtung der Grünen erregt: "Herr Hofreiter, ich will gerade einen Appell an alle Demokraten machen, und Sie haben wieder nichts Besseres zu tun, als spalterische parteitaktische Parolen in dieses Haus zu rufen." Und dieses Spalterische fand vielleicht seinen bemerkenswertesten Ausdruck in einer Interaktion zwischen Johannes Kahrs von der SPD und der AfD: Kahrs sagte, an die AfD gewandt: "Hass macht hässlich. Schauen Sie doch in den Spiegel." Die AfD-Fraktion verließ geschlossen den Saal. Herr Lobin, ist das nun die anfänglich gelobte Re-Normalisierung der zahm gewordenen Debattenkultur im Bundestag?

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Lobin: Nein, ganz sicherlich nicht. Ich glaube nicht daran, dass das wirklich ein Maßstab sein sollte, an dem man sich auch weiterhin orientiert. Es haben sich hier in den verschiedenen Redebeiträgen alle nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Angefangen bei dem "Hitlergruß-Zeiger", der ja vielleicht nicht nur ein "Hitlergruß-Zeiger" ist, sondern in einem sehr viel umfassenderen Sinne sich zu einer rechtsnationalistischen Politik bekennt. Oder jemanden mit einem "Vogelschiss" zu identifizieren, auf den man gehört, auf einen Müllhaufen - all das sind Arten, miteinander umzugehen, die eigentlich nicht in ein Parlament gehören. Wenn etwas als "spalterisch" bezeichnet wird, dann ist das eine harte politische Herangehensweise, aber hier würde ich keine persönliche Diffamierung erkennen.

Diese Grenzen verschieben sich unmerklich um kleine Distanzen in einer Art und Weise, dass immer wieder ein kleines Stückchen vorangegangen wird. Es werden auch ganz bestimmte andere Arten von rhetorischen Figuren verwendet, die dann aufgegriffen werden, mitgemacht werden. Und das ist eigentlich die allergrößte Gefahr.

Der britische Historiker Timothy Garton Ash warb 2016 in seinem Buch "Redefreiheit" für eine robuste Zivilität im Internetzeitalter. Befinden wir uns in einer Lernphase auf dem Wege dahin? Oder sind wir doch auf Irr- und Abwegen unterwegs?

Lobin: Es wird ja oft gesagt, dass sich Deutschland mit dem Wahlerfolg der AfD in einer Art Normalisierungsphase befindet, wenn man das mit anderen Ländern in Europa vergleicht. Vielleicht kann man sagen, dass auch dadurch eine Debattenkultur, wie sie in einem vormals geschützten Raum des Parlaments sich entfalten konnte, nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man hier wirklich sehr vorsichtig sein muss aufgrund dieser sich verändernden Redestrategien und immer wieder darauf hinweisen muss, dass derartige Entgleisungen nicht geschehen sollten. Wenn derartige Begriffe oder rhetorische Strategien angewandt werden, denn werden damit ganz bestimmte Denkprozesse in Gang gesetzt - man nennt das Framing. Und dieses Framing, diese "Rahmung" mit anderen Begriffen ist es, was das Ganze so gefährlich macht. Wenn ich "Messer-Migration" höre, dann verbinde ich den Prozess der Migration, der stattfindet und mit dem wir uns alle in irgendeiner Weise auseinanderzusetzen haben, mit einer Waffe und all dem, was damit zusammenhängt. Und das sind Strategien, die hochproblematisch sind und die es zu unterlassen gilt.

Das Interview führte Ulrich Kühn

Henning Lobin © Henning Lobin Foto: T.W. Klein

Debattenkultur: "Die Grenzen verschieben sich"

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Ist der Ton in der Gesellschaft schärfer, gröber, rauer geworden? Gehen Umgangsformen verloren, schwindet die Zivilität? Ein Gespräch mit dem Sprachwissenschaftler Henning Lobin.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 13.09.2018 | 19:00 Uhr

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