Stand: 06.03.2019 11:46 Uhr

Frauen in Aufsichtsräten: Quote ja, Einfluss nein

von Melanie Stinn

Seit etwas mehr als drei Jahren müssen börsennotierte Unternehmen im Kontrollgremium einen Frauenanteil von 30 Prozent erreichen. Sind es weniger, bleiben die Posten unbesetzt. Auf dem Papier hat sich durch die Frauenquote für Aufsichtsratssitze seither einiges getan. Aber wie viel Einfluss haben die Frauen, die im Aufsichtsrat sitzen, tatsächlich?

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Monika Schulz-Strelow ist Präsidentin der Initiaitve FidAR. Der Verein wurde 2006 mit dem Ziel gegründet, den Frauenanteil in den deutschen Aufsichtsräten zu erhöhen.

Die meisten der 104 Börsen-Unternehmen erfüllen die Quote tadellos. Bei den DAX-Unternehmen liegt sie bei knapp über 30 Prozent. In der Theorie sollen Frauen durch die größere Präsenz in den Aufsichtsräten mehr Einfluss auf die Entscheidungen und somit auch auf die Vergabe anderer Positionen im Unternehmen haben. Damit der Frauenanteil in anderen Top-Positionen im Unternehmen steigt, müssten Frauen allerdings erst einmal selbst einen Einfluss in den Aufsichtsräten haben. "Die 30 Prozent, die von den 104 Unternehmen erreicht wird, bedeuten noch nicht, dass die Frauen in den Aufsichtsräten wirklich gleichberechtigt mitwirken können", sagt Monika Schulz-Strelow, Präsidentin der Initiative "Frauen in die Aufsichtsräte". "Wichtig ist, dass Frauen auch in diverse Ausschüsse dieses Aufsichtsrates einberufen werden, weil da die Entscheidungen fallen und sie wirklich in diesen inneren Zirkeln sind. Nur dabei zu sein, ist ein wichtiger Schritt, aber wirklich mitmachen kann man nur, wenn man auch in inneren Zirkeln mitarbeitet."

Ähnlich wie in der Politik beschäftigen sich die Ausschüsse mit verschiedenen Themen. Zu den wichtigeren Ausschüssen gehören beispielsweise der Prüfungs-, Personal- oder Vergütungsausschuss. Hier werden wichtige Entscheidungen vorbereitet, die Spitzenjobs vergeben und das Geld verteilt. Einfluss hat also nicht unbedingt der, der im Aufsichtsrat, sondern der, der im richtigen Ausschuss sitzt.

Benachteiligung von Frauen trotz Quote wissenschaftlich bewiesen

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Seit dem 1. Januar 2016 sind Börsen-Unternehmen dazu verpflichtet, ihren Aufsichtsrat mit einem Frauenanteil von mindestens 30 Prozent zu besetzen.

"Wir haben uns angeschaut, inwiefern die Wahrscheinlichkeit sich abhängig vom Geschlecht verändert, dass ein Aufsichtsratsmitglied auch ein Ausschussmitglied ist", sagt Viktor Boschinow. Der Wissenschaftler von der Universität Mainz stellte in seiner Studie fest, dass es bestimmte Ausschüsse gibt, wo das Geschlecht eine negative Auswirkung auf diese Wahrscheinlichkeit hat. "Im Audit-Komitee, das für die Rechnungslegung zuständig ist, ist es so, dass Frauen im Schnitt unterdurchschnittlich repräsentiert sind", sagt Boschinow. Nach seinen Berechnungen ist die Wahrscheinlichkeit für einen Mann, Mitglied im wichtigen Audit-Komitee zu werden, doppelt so hoch wie für Frauen.

Demnach bekommt ein Mann, der im Aufsichtsrat sitzt, mit fast 40-prozentiger Wahrscheinlichkeit im Audit-Komitee einen Posten, während die Wahrscheinlichkeit für eine Frau bei 18 Prozent liegt. Bei der Berechnung wurden auch andere Effekte wie Alter, Dauer der Unternehmenszugehörigkeit oder Dauer der Mitgliedschaft im Aufsichtsrat berücksichtigt.

Müssen Frauen mutiger werden?

"Frauen tendieren dazu, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen, was bei Männern häufig nicht der Fall ist", sagt Gabriele Sons, die früher Personalvorstand bei Thyssenkrupp Elevator war und heute im Aufsichtsrat der ElringKlinger AG sitzt. "In diesen Gremien, wo wir noch nicht einen hohen Anteil Frauen haben, dominieren dann eher diese anderen Eigenschaften und deswegen kommt es dann dazu, dass man Frauen vielleicht ein Stück zu wenig hört." Sie ermutigt Frauen, selbst dafür zu sorgen, im Aufsichtsrat Einfluss zu nehmen. "Frauen müssen lernen, sich zu Wort zu melden, eine Meinung zu vertreten. So ein Stück Mut gehört in einem Aufsichtsrat auch immer dazu."

Erst wenn sich die Quote auch in den Ausschüssen der Aufsichtsräte wiederfindet, könne sie auch einen durchschlagenden Effekt auf Frauenkarrieren im Rest des Unternehmens haben, findet Monika Schulz-Strelow: "Wenn wir da in den Ausschüssen auch 30 Prozent Frauen haben, sind Frauen zur Realität in deutschen Aufsichtsräten geworden." Die Hoffnung, dass sich durch die Quote im Aufsichtsrat die Karrieremöglichkeiten überall in der Wirtschaft deutlich verbessern, hat sich nach Meinung verschiedener Experten jedenfalls noch nicht erfüllt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 01.03.2019 | 07:41 Uhr