Stand: 08.09.2020 06:00 Uhr  - NDR Info

"Cancel Culture" - Wie gehen Kabarettisten damit um?

von Peter Helling

"Cancel Culture" - der Begriff macht die Runde. Und natürlich besonders ein Fall, die Ausladung von Autorin und Kabarettistin Lisa Eckhart vom Hamburger Harbour Front Literaturfestival - vor ihrer erneuten Einladung und der endgültigen Absage. Wie denkt die Kabarettisten-Szene über Cancel Culture?

Florian Schroeder will erst recht an Grenzen gehen

Der Kabarettist Florian Schroeder zu Gast bei einer ARD-Talkshow © imago images / Horst Galuschka Foto: Horst Galuschka
Florian Schroeder möchte mit seinem Kabarett erst recht an die Grenzen gehen.

Diese Diskussion beeindruckt Florian Schroeder nicht. Und genauso wenig seine Kolleginnen und Kollegen, sagt er: "Es reizt mich eigentlich eher, erst recht an die Grenzen zu gehen." Für den Kabarettisten ist schon allein der Begriff Cancel Culture schwierig: In den USA habe der ein anderes Gewicht als hier. Das Problem in Deutschland sei "ein grassierendes Nicht-Verstehen von Kunst, und das betrifft nicht nur Satire und Kabarett, sondern auch andere Formen, wo man einfach nicht mehr verstehen will, was in Anführungsstrichen gesetzt ist und was nicht, und das ist der gesellschaftlich große dramatische Rückschritt."

VIDEO: Schroeder: "Wir haben von Reflexion auf Reflex umgestellt" (11 Min)

Andreas Rebers: "Ausladung von Lisa Eckhart ist erbärmlich"

Wenn es um Lisa Eckhart geht, zeigt Kabarettist Andreas Rebers klare Kante: "Die Ausladung von Lisa Eckhart ist erbärmlich, zutiefst erbärmlich", sagt er. Rebers sieht eine Lagerbildung am Werk, einen Meinungs-Mainstream, der den Streit, ja die Demokratie unterbinde: "Es steht nicht gut um die Demokratie, das ist mein Eindruck, das Vertrauen in die Demokratie ist nicht gegeben." Genau wie Lisa Eckhart ist auch Andreas Rebers oft Gast in der ARD-Satireshow "Nuhr im Ersten". Und Rebers ist überzeugt, "dass Leuten wie dem Dieter Nuhr oder der Lisa Eckhart mit einem unglaublichen Neid begegnet wird. Ich bin ebenfalls Anfeindungen ausgesetzt, warum ich da auftrete!"

Chin Mayer: Deutschland als Heimatland der "Cancel Culture"

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Bei Eckhart stehen Antisemitismus- und Rassismus-Vorwürfe im Raum. Für Rebers, der 2018 mit dem Dieter-Hildebrandt-Preis ausgezeichnet wurde, wird dieser Vorwurf immer öfter als Vorwand verwendet, missliebige Meinungen zu unterdrücken.

Für Kabarettist Chin Meyer ist Deutschland das "Heimatland der 'Cancel Culture'". Er zerlegt den Begriff lustvoll in seine Einzelteile: "Wir haben ja eine Kanzlerin-Kultur, das ist dieselbe Wort-Wurzel. Cancellare, absagen, etwas was unsere Kanzler gerne mal tun. Wenn es darum geht, andere Meinungen abzusagen im Rahmen dieser überhitzten Diskussion über 'Cancel Culture', dann ist das natürlich komplett kontraproduktiv. Wir müssen lernen, uns differenziert auseinanderzusetzen, auch wenn der andere eine Meinung hat, die wir nicht so gut finden, solange es nicht um Volksverhetzung geht."

Faschismus als einzige Grenze der Kultur

"Cancel Culture": eine Kultur des Cancelns, also des Boykotts, des Ausladens? Oder doch eher ein Canceln der Kultur? Schnell steht das Wort vom Maulkorb im Raum. Politisch überkorrekt? Selbstzensur oder doch berechtigte Aufklärung? Kabarettist Matthias Brodowy reagiert nachdenklich auf die hitzige Debatte: "Ich finde es jedenfalls unselig, wenn Künstler zunehmend ausgeladen werden, weil ich auch der Meinung bin, dass die Kunst eben frei ist. Es muss mir nicht immer passen, was dort geschieht." Er räumt aber ein: "Für mich gibt es eine Grenze, das ist die alles entscheidende Grenze, in dem Moment, wo wirklich faschistisches Gedankengut vorgetragen wird. Mit unserer Geschichte, mit all dem, was passiert ist, da bin ich dann auch raus."

Kabarett muss mehr sein als reine Beleidigung

Schorse (Martin Jürgensmann) zeigt mit einer Geste, dass er zuhört. © NDR Foto: Stefan Gericke

AUDIO: Brodowy: "Dieses Land braucht Kultur" (33 Min)

Humor ist eine zweischneidige Sache. Wenn die Königsdisziplin des Kabaretts, über einen König zu lachen, abgelöst wird durch das Lachen über Minderheiten, über Juden, Schwule, Schwarze: Macht es sich dann gemein mit denen, die derzeit massiv gegen diese Gruppen hetzen? Für Brodowy ist klar: "Kabarett lebt natürlich auch von der Zuspitzung, ich finde, hier darf das Kabarett sich auch nicht beschneiden, aber daneben treten sollte man auch nicht. Wenn ich nur dumme Sprüche mache oder nur Beleidigungen aneinanderreihe, dann hat das inhaltlich gar keinen Wert."

Jan-Peter Petersen: "Humorlosigkeit ist weit verbreitet"

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Eine Frau der der Mund mit Klebeband verklebt ist, steht in einem Wald. © photocase.de Foto: Marjan Apostolovic

Ihre Meinung: Soll sich die Kultur selbst beschränken?

Absage von Veranstaltungen, Entfernung von Statuen, Blocken von Social-Media-Accounts: Was halten Sie vom Phänomen "Cancel Culture"? Sie haben uns geschrieben. mehr

Jan-Peter Petersen von Alma Hoppes Lustspielhaus in Hamburg sieht auf beiden Seiten des politischen Spektrums ein massives Humorproblem: "Ich sag' mal, vor stramm Linken Kabarett zu machen, ist keine einfache Angelegenheit, weil die manchmal besonders humorlos sind. Humorlosigkeit ist kein Alleinstellungsmerkmal von anderen." Die meisten Kabarettisten scheinen keine Lust am "Canceln" zu haben, sondern an der Auseinandersetzung.

Für Matthias Brodowy geht es aber auch um Niveau: "Für mich ist es immer wichtig, dass das Niveau gewahrt wird, dass ich meinem Gegenüber respektvoll begegne, und dass mein Gegenüber mir auch respektvoll begegnet. Wenn das erstmal der Konsens ist, dann kann man auch eine sehr konträre Meinung vielleicht ertragen - 'müssen'."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 08.09.2020 | 09:55 Uhr

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