Stand: 07.09.2020 11:44 Uhr

"Cancel Culture" - Pro und Contra

von Jürgen Deppe / Ocke Bandixen

Das Thema "Cancel Culture" - über die Kultur des Absagens - wird kontrovers debattiert. Darf man Auftritte, Filme oder Texte einfach absagen, statt andere Meinungen und Standpunkte gelten zu lassen und zu diskutieren? Ein Pro und Kontra.

Contra "Cancel Culture": Lasst uns streiten!

Jürgen Deppe © NDR Foto: Christian Spielmann
Jürgen Deppe ist Redakteur und Moderator bei NDR Kultur.

Lasst uns streiten, bitte! Wenn es sein muss auch heftig streiten, aber bloß nicht bis aufs Blut und schon gar nicht auf Leben und Tod - und auch nicht auf mundtot. Das aber ist im Zuge der sogenannten "Cancel Culture" derzeit offenbar en vogue. Das Mundtot-Machen. Da maßen sich in einem Akt sehr fragwürdiger Selbstüberhöhung vermeintlich progressive Kräfte ein Urteil darüber an, was gesagt, gezeigt, vorgeführt werden darf und was dagegen mündigen Bürgern um jeden Preis vorenthalten werden muss. Als ob die nicht selbst entscheiden könnten, was sie hören oder sehen wollen, und wogegen sie sich entscheiden, womöglich auch mit den Füßen oder dem Geldbeutel abstimmen.

Lasst uns doch streiten über rechte Verlage auf Buchmessen - oder besser noch: mit ihnen streiten! Aber ihren Auftritt verbieten? Lasst uns streiten über einen Verschwörungstheoretiker wie Attila Hildmann, aber entfernt nicht einfach seine Bücher aus Buchhandlungen und Bibliotheken. Lasst uns streiten mit der Israel-Boykottinitiative BDS und ihren Anhängern! Aber sie von Festivals ausladen? Lasst uns streiten über Kabarettisten wie Dieter Nuhr und Lisa Eckhart!

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Oder besser noch: mit ihnen streiten. Das könnte sogar sehr unterhaltsam werden. Ihre Stellungnahmen in vorauseilendem Gehorsam gegenüber einer selbstherrlichen Meinungshegemonie von Websites zu löschen oder ihre Auftritte abzusagen ist kleingeistig, nein, schlimmer noch: Das ist brandgefährlich. Wo kommen wir denn hin, wenn das Unterdrücken anderer Meinungen salonfähig würde, das Einknicken vor befürchtetem Widerspruch zum neuen Verhaltenskodex?  

Wollen wir wirklich denen, die sich so gern als Opfer sehen, den Gefallen tun und sie aus dem öffentlichen Diskurs "canceln", statt mit ihnen zu streiten? Lasst uns doch bitte permanent über unsere Haltungen auseinandersetzen und sie gegebenenfalls auch korrigieren und neuen Erkenntnissen anpassen, wenn wir erkennen, dass wir Fehler gemacht haben: in der Geschichte und dem Umgang mit ihr, der kolonialen zum Beispiel. Oder bei der Gleichberechtigung der Geschlechter. Auch und gerade der Gleichberechtigung von Minderheiten. Für sexuelle Orientierungen gilt dasselbe. Nichts ist in Stein gemeißelt. Aber dass Aktivistinnen und Aktivisten auf diesem Feld ein Meinungsdiktat übernehmen wollen, kann nicht richtig sein. Möge mir meine Freiheit bitte niemand nehmen. Ich nehme sie ja auch keinem!

Pro "Cancel Culture": Blickwinkel auf Kunst ändern sich

Ocke Bandixen © NDR Foto: Andreas Sperling
Ocke Bandixen ist Redakteur in der Kulturredaktion von NDR Info.

Natürlich können sich Dinge ändern. Natürlich müssen sie besprochen werden, weil unser Verständnis ein anderes ist. Natürlich darf man kulturelle Erzeugnisse anders ansehen und auch aussortieren. Kennen Sie "Quax, der Bruchpilot"? Ein lustiger Film mit Heinz Rühmann. Es gab auch eine Fortsetzung, "Quax in Afrika". Dieser Film wurde - als ich ein Kind war - noch im Fernsehen gezeigt. Er ist voller rassistischer Klischees und Herrengestus. Weg damit. Ist nicht schade drum. Oder haben auch Sie womöglich das Lied "C-A-F-F-E-E - trink nicht so viel Kaffee" in der Schule gelernt? Die Melodie kann man schlecht vergessen. Aber der Text, den hätte man auch früher schon nicht singen sollen: verunglimpfend, abwertend, islamophob. Weg damit.

Sprache ändert sich. Blickwinkel auf Kunst ändern sich. Sogar Geschmack ändert sich. Machen Sie den Zeitgeist dafür verantwortlich, was immer das ist. Oder die Idee, dass eine Gesellschaft vielleicht doch dazulernt. Wir denken über deutsche Kolonialgeschichte nach, über Denkmäler, über einen neuen Blickwinkel, der uns vielleicht auch Bekanntes erschüttert, Festes ins Wanken bringt. Ist doch gut. Und vielleicht, ganz sicher sogar, geht da manches schief. Ist vorauseilend, mutlos, zu viel. Beispiele finden sich schnell. Es lohnt sich, nicht zu schnell zu pauschal zu urteilen, nur weil man einen Aufschrei, Gegenwind, Kritik, womöglich über Socialmedia-Kanäle befürchtet. Na und?

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Der Begriff "Cancel Culture" hilft uns im Zweifelsfall nicht weiter, das Schlagwort verhindert eine Debatte. Nolde ist nicht Polanski. Ein Maler, der sich antisemitisch geäußert hat, ist ein anderer Fall als ein Regisseur, dem sexueller Missbrauch vorgeworfen wird. Und "Jim Knopf" ist nicht "Jud Süß". Die Argumentation: wenn dies so beurteilt wird, dann müsste das doch auch so angeschaut werden - war schon immer Quatsch. Machen wir uns doch die Mühe.

Wir könnten lernen: genau hingucken, Unterschiede aushalten, schlechte Witze ebenso, Empfindlichkeiten von anderen. Grenzen ziehen. Haltung üben, uns nicht von Social-Media-Empörungs-Durchlauferhitzern treiben lassen. Und vielleicht auch: Entscheidungen treffen - dies kann weg. Das bleibt, vielleicht gerade weil wir eine freie Gesellschaft sind, ohne Zensur. Und alle eine Menge aushalten können. Beides: das Aushalten und das Aussortieren ist gar nicht so neu wie uns ein neues Schlagwort vorgaukelt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.09.2020 | 06:40 Uhr

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