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Mein Freund ist katholisch, hat eine Jesuitenschule besucht und ist seit über 30 Jahren gesetzlich geschieden. Er geht jeden Sonntag zur Kirche, aber nie zum Abendmahl. Darf er nicht oder gibt es andere Gründe?

Rein juristisch dürfte Ihr Freund im katholischen Gottesdienst zum Abendmahl gehen, also das heilige Brot empfangen, denn er lebt ja in keinem ehelichen Verhältnis. Nach seiner Scheidung hat er Sie weder geheiratet, noch lebt er ständig mit Ihnen zusammen.

Doch Ihrem Freund geht es vermutlich gar nicht darum, was das Kirchenrecht erlaubt und was nicht.

Wenn er als Schüler auf einer Ordensschule war, dann hat er die katholische Lehre verinnerlicht. Sie räumt der Ehe einen hohen Stellenwert ein. Die Ehe ist - nach katholischem Verständnis, anders als in der evangelischen Kirche - kein "weltlich Ding", sondern ein Sakrament, ein Zeichen der Nähe Gottes. Frau und Mann geben einander das Ja-Wort, spenden sich das Ehesakrament und schließen damit vor Gott einen Bund, der ihr Leben lang andauert und nicht zurückgenommen werden kann.

Das wird im Eheversprechen deutlich. Da heißt es etwa: "Willst du deine Partnerin lieben und achten und ihr die Treue halten alle Tage deines Leben, bis der Tod euch scheidet?" Wer hier mit einem Ja antwortet, kann nicht dahinter zurück. Eine Scheidung kennt die katholische Kirche nicht, die Ehe ist nach katholischer Lehre unauflöslich. Und niemand kann noch einmal heiraten, solange beide Partner am Leben sind.

Selbst wenn Ihr Freund bereits 30 Jahre gesetzlich geschieden ist, kirchlich gilt er nach wie vor als verheiratet. Er lebt lediglich "getrennt von Tisch und Bett" von der Frau, die er vor vielen Jahren geheiratet hat.

Ihr Freund hat mit Ihnen einen Menschen gefunden, mit dem er offensichtlich sein Leben teilen möchte. Sie leben, wie Sie gesagt haben, zwar nur mehr oder weniger zusammen. Doch ihn stürzen diese Umstände vermutlich in Gewissenskonflikte. Hat er doch in jungen Jahren gelernt, was im katholischen Katechismus steht: Wenn ein Mann, der sich von seiner Frau getrennt hat, eine neue Partnerin findet, mit der er zusammenleben möchte, die er sogar staatlich heiraten will, dann lebt er nach der Lehre der Kirche in "schwerer Sünde". Wer aber in "schwerer Sünde" lebt oder meint darin zu leben, kann nicht einfach so im katholischen Gottesdienst die Hostie empfangen. Ich bin nicht würdig, sagen Menschen dann manchmal von sich selbst. Vielleicht denkt auch Ihr Freund so.

Hier kann ein Gespräch mit einem Seelsorger die Last von den Schultern nehmen.

Autor: Andreas Brauns

Aus: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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