Stand: 16.08.2019 16:16 Uhr

"Jüdisches Schächten ist die schonendste Art"

Immer wieder gibt es Vorstöße gegen das jüdische und das muslimische Schächten. Diese Tötungsmethode, bei der dem Schlachttier mit einem Schnitt beide Halsschlagadern, Luft- und Speiseröhre durchtrennt werden, damit es ausblutet, wurde unlängst in Teilen Belgiens verboten. In Deutschland ist das betäubungslose rituelle Schächten aus Gründen der Religionsfreiheit in Ausnahmefällen erlaubt. Die niedersächsische CDU-Landtagsfraktion möchte es nun ganz verbieten lassen. Der Zentralrat der Juden in Deutschland und muslimische Verbände haben scharfe Kritik an dieser Forderung geübt. Ein Gespräch mit Michael Fürst, dem Vorsitzenden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen.

Herr Fürst, was sagen Sie zu dem Vorstoß der CDU-Landtagsfraktion?

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Die Wissenschaft sagt, dass das Schächten von Tieren grundsätzlich die schonendste Möglichkeit ist, ein Tier zu schlachten", sagt Michael Fürst.

Michael Fürst: Man könnte das Ganze einordnen als Sommertheater. In dieser Woche fangen wieder die Plenarsitzungen des Landtages an, und vielleicht wollte man mit einem Paukenschlag starten. Das ist nach hinten losgegangen. Ich habe umgehend, nachdem ich davon erfahren habe, ganz heftig bei Herrn Töpfer, dem Fraktionsvorsitzenden der CDU, protestiert und werde auch kurzfristig ein Gespräch mit ihm haben, um die Sache doch noch bereinigen zu können, bevor sie richtig hochgeht. Denn letztlich ist das Ganze erst einmal gegen die Muslime gerichtet gewesen - aber es trifft insbesondere uns. Denn das betäubungslose Schächten der Tiere ist für Juden unumgänglich - für Muslime gibt es Ausnahmemöglichkeiten.

Mal ganz davon abgesehen, dass im Grundgesetz die Religionsfreiheit über dem Tierschutz steht: Fordert nicht der Tierschutz, dass man irgendwie betäubt? Wie ist das denn beim Schächten?

Fürst: Die Auffassung der CDU-Fraktion ist ja, das Ganze sei eine Verletzung des Tieres, die zu heftigen Schmerzen führen würde. Ich frage mich immer: Woher wissen die das? Denn die Wissenschaft sagt, dass das Schächten von Tieren grundsätzlich die schonendste Möglichkeit ist, ein Tier zu schlachten - und nicht mit Bolzenschussgeräten oder mit sonstigen Betäubungen, die immer wieder schiefgehen. Ich habe gestern einen Anruf von einem Schaflandwirt bekommen, der mir sagte, dass das jüdische Schächten die bedenkenlos beste Art sei, sich von einem Tier zu trennen.

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Fürst: Es ist bekannt, dass wir in Niedersachsen eine Vielzahl von Hühnerzüchtern und Landwirten haben, die mit ihren Tieren nicht so umgehen, wie wir es uns erhoffen, und wo man den Tierschutz eher einsetzen müsste als beim betäubungslosen Schächten von Tieren. Ich glaube, der Vorwurf ist auch in der Allgemeinheit richtig angekommen. Ich befürchte nur, dass wir bei der CDU wenig Hoffnung haben müssen, dass sich da etwas ändert. Das sind nun mal ihre geborenen Wähler.

Das heißt, Sie denken eher an die Massentierhaltung und an die Transportbedingungen?

Fürst: Insbesondere. Das ist im jüdischen Schächten auch etwas, was nicht geschehen wird: Die Tiere müssen frei von Verletzungen sein und der Schnitt muss gratlos sein. Ein Tier, das dabei in dem Sinne verletzt wird, dass es Risse gibt, ist nicht mehr zum Verzehr für Juden geeignet. Im Mittelalter ist das eine der besten Möglichkeiten für Christen gewesen, sich gutes Fleisch zu verschaffen.

Wenn das also heißt, dass die Vorschriften für koscheres Fleisch besonders streng sind, dann heißt das auch, dass Tiere, die für koscheren Verzehr geeignet sein sollen, häufig aus artgerechter Tierhaltung kommen.

Fürst: Davon können Sie ausgehen, ja.

Was wollen Sie als nächstes tun?

Fürst: Ich führe jetzt die Gespräche, die eigentlich hätten vorher geführt werden müssen. Das ist ja der Vorwurf, den ich der CDU mache: Warum kommt ihr nicht zu dem Betroffenen, bevor ihr so etwas anfangt und bevor diese Maschinerie dazu führt, dass wir wieder E-Mails von Nazis bekommen, die uns sagen, dass wir Juden uns an die deutschen Gesetze halten müssen, dass wir uns nicht um Fleisch kümmern sollen, sondern darum, dass wir nicht so viele Ausländer in Deutschland haben und so weiter. Das habe ich auch Herrn Töpfer geschickt, damit er sieht, was die CDU mit einer solchen Aktion ins Leben ruft. Das ist etwas, was wir von der AfD kennen - das will ich nicht bei der CDU haben.

Wollen Sie sich jetzt auch mit den muslimischen Verbänden zusammensetzen?

Fürst: Ganz sicher. Wir haben für Dienstagabend ein Gespräch vorbereitet. Es sei denn, es passiert jetzt noch ein Umdenken bei der CDU-Fraktion - was ich eigentlich hoffe. Aber ansonsten sitzen wir am Dienstagabend zusammen und werden eine gemeinsame Erklärung vorbereitet. Es trifft uns alle.

Das Interview führte Almut Engelien

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Schabat Schalom | 17.08.2019 | 20:30 Uhr