Stand: 18.01.2019 15:15 Uhr

"Wir brauchen ein starkes und geeintes Europa"

Das Brexit-Drama findet kein Ende. Eine für Europa gute Lösung ist schon gar nicht in Sicht. Alles spricht leider für eine Lose-Lose-Situation, bei der alle verlieren: Großbritannien und die EU. Dabei brauchen wir gerade jetzt ein starkes, ein geeintes Europa.

Ein Kommentar von Lars Haider, Chefredakteur vom "Hamburger Abendblatt"

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Der Einfluss einzelner europäischer Länder in der Welt schmilzt, meint Lars Haider.

In der Europäischen Union gibt es zu viele Leute, die rumquatschen - und zu wenige, die wissen, worum es geht. Der Satz ist alt und trifft in diesen Tagen trotzdem so stark zu wie vielleicht nie zuvor. Er stammt von Helmut Schmidt und man mag sich nicht vorstellen, was der ehemalige Bundeskanzler zu all dem sagen würde, was da gerade rund um den Brexit passiert. Schmidt würde den Wunsch der Briten, die EU zu verlassen, mindestens Blödsinn nennen. Die Umsetzung irgendetwas zwischen lächerlich und wahnsinnig. Um am Ende lange an einer Zigarette zu ziehen und festzustellen: "Ich mache mir große Sorgen um Europa."

Ich mache mir auch große Sorgen um Europa. Wenig bis nichts läuft bei uns so, wie es laufen müsste, und das ausgerechnet in einem Jahr, in dem Wahlen anstehen. Europa sollte längst viel weiter sein in seinem Einigungsprozess, Abspaltungen oder Abspaltungsgedanken kann sich der Kontinent im Jahr 2019 überhaupt nicht leisten. Wir alle wissen seit langem, dass der Einfluss einzelner europäischer Länder in der Welt schmilzt, auch Helmut Schmidt hat immer wieder darauf hingewiesen. Was ist Deutschland mit seinen jetzt noch 80 Millionen, bald deutlich weniger Einwohnern schon im Vergleich zu den USA, zu Indien, oder zu China?

Kommentar

Pro und Kontra: Soll die EU den Briten entgegenkommen?

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Die Integration Europas gerade jetzt vorantreiben

In vielen Teilen der Welt wachsen Bevölkerung, Wirtschaft, Wohlstand. Selbst wenn alle Europäer eng zusammenstünden, würden sie in den nächsten Jahrzehnten an Einfluss verlieren. Der Anteil der EU an der Weltbevölkerung sinkt und sinkt und sinkt. Die in der Vergangenheit oft vorhergesagte Marginalisierung des Kontinents ist zur realen Gefahr geworden. Und was machen wir? Wir machen uns die größten Probleme selbst, siehe Brexit, und schaffen ansonsten nicht einmal eine enge Abstimmung über einen europäischen Kurs zwischen Deutschland und Frankreich. Dabei müssten die beiden größten und einflussreichsten Länder die Integration Europas gerade jetzt vorantreiben, schnell und konsequent.

Europäische Werte stehen auf dem Spiel

Denn erstens bleibt dafür nicht mehr viel Zeit. Und zweitens geht es längst nicht mehr nur darum, die wirtschaftliche Stellung Europas und damit den Lebensstandard zu sichern, an den wir uns alle gewöhnt haben. Es geht um viel mehr: Die Werte, die einen Großteil der Europäer verbinden, stehen auf dem Spiel, elementare Dinge wie die Grundrechte, wie Pressefreiheit oder die parlamentarische Demokratie. Um sie vor alten und neuen Gegnern, Stichwort: Donald Trump, zu schützen, bräuchten wir eine starke, geschlossene Gemeinschaft. Die Bedrohung unserer, der europäischen Art zu leben, müsste doch Antrieb genug sein, endlich zusammen zu stehen. Doch tatsächlich beschäftigen sich immer mehr Ländern wieder vor allem mit sich - und die Bundeskanzlerin spricht angesichts des Brexit nicht mehr davon, dass ein Schaden abgewendet werden müsste, sondern sagt nur, dass dieser nicht zu groß werden dürfte. Schöne Aussichten sind das.

Getriebene bei den technologischen Entwicklungen

Wie groß der Schaden für Europa und die Europäische Union in diesem und den folgenden Jahren über den Brexit hinaus tatsächlich werden wird, kann niemand sagen. Wir haben, zumindest größtenteils, eine gemeinsame Währung, aber keine gemeinsame Sicherheitspolitik. Wir können uns auf unseren wichtigsten Partner, die USA, nicht mehr hundertprozentig verlassen. Und wir, auch Deutschland, sind in wichtigen technologischen Entwicklungen nicht mehr die Treiber, sondern leider immer öfter die Getriebenen. Beim Flugzeugbau hat Europa damals mit Airbus noch ein gemeinsames Projekt hin bekommen, das bis heute erfolgreich und ein Ärgernis für die US-Amerikaner von Boeing ist. Aber bei den sozialen Medien? Bei Suchmaschinen? Wo sind die europäischen Alternativen zu Facebook, Google oder Amazon? Gefordert werden sie schon lange, diskutiert und debattiert wird darüber sowieso, das können wir in Europa nach wie vor am besten. Nur leider reicht rumquatschen wirklich nicht. Machen wäre schön.

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NDR Info | Kommentar | 20.01.2019 | 09:25 Uhr