Stand: 26.05.2019 00:00 Uhr

Wählen gehen - und danach die Stimme erheben!

Klimaschutz war eines der Hauptthemen des Europa-Wahlkampfes. Am Wahltag stellt sich die Frage: Ist zur Wahl gehen genug? Oder müssen wir darüber hinaus zu konsequentem Handeln bereit sein?

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung"

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Das Unbehagen an Staat und Institutionen wie der EU sollte nicht die Oberhand gewinnen, meint "HAZ"-Chefredakteur Hendrik Brandt.

Guten Morgen an diesem Sonntag mitten in Europa! Es ist Wahltag - und wenn man sich so umhört, wird schnell klar: Es geht um etwas. Manche haben in den vergangenen Wochen gar die Schicksalsmelodie bemüht, um die Bedeutung des Wahl-Tages zu betonen. Das ist natürlich auch nicht falsch: Eine gemeinsame freie, gleiche und geheime Wahl in weiten Teilen des Kontinents und sogar bei den schwer verwirrten Briten ist etwas Besonderes. Noch immer. Und in bewegten Zeiten erst recht. Also: Gehen Sie wählen! Nur: Reicht das eigentlich?

Das ewige Nörgeln über die langsamen Institutionen

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Die Frage ist an diesem Wahltag schwerer zu beantworten als an manch anderem zuvor. In erster Linie hat das mit einem beachtlichen Verlust von Vertrauen zu tun. Die Institutionen der Demokratie, die Parlamente und Parteien, die Amtsträger und ihre Apparate stehen unter hohem Rechtfertigungsdruck. Mit Blick auf Brüssel ist das fast schon traditionell so, aber auch Bürgermeister und Landräte, die in manchen Teilen des Nordens ebenfalls neu bestimmt werden, kennen dieses Phänomen.

Überall ist es lauter geworden, wenn es um Politik geht, schriller - und, ganz ehrlich: auch ein bisschen schlichter. Die Erregungskurven sind kürzer, aber deutlich steiler. Das liegt nicht zuletzt an den sozialen Medien im Netz und an der wachsenden Sehnsucht nach schnellen und klaren Lösungen komplexer Probleme. Alt und Jung sind hier mittlerweile übrigens oft ganz ähnlich unterwegs. Die einen fürchten um das, was ist - und die anderen das, was möglicherweise kommt.

Und die praktische Politik hat mit ihrem Klein-Klein immer öfter das Nachsehen. Das ist meist nicht fair und schon gar nicht immer klug. Vor allem aber geht beim ewigen Nörgeln über die langsamen Institutionen und vermeintlich oder tatsächlich mäßige Politik ein zentraler Gedanke unserer Gesellschaft verloren. Er ist nie besser formuliert worden als 1961 vom ersten Medien-Präsidenten der USA: "Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann; frage, was Du für Dein Land tun kannst", hat John F. Kennedy damals beim Amtsantritt Zigtausenden vor dem Kapitol in Washington zugerufen. Der Satz klingt jünger als er ist - und er legt die Latte für das erfolgreiche Miteinander hoch.

Das als richtig Erkannte auch tun

Vielleicht wäre es an der Zeit, sich daran öfter zu erinnern - auch und gerade am Wahltag. Nehmen wir das Umweltthema als Beispiel. Da wird ja immer viel über europäische Gängelung oder seltsame Verbote geklagt - vom Kunststoffhalm bis zur Glühbirne. Aber kann eine Gesellschaft, die aus reiner Bequemlichkeit 2,8 Milliarden Einweg-Trinkbecher und fast genauso viele Plastiktüten im Jahr benutzt und meist wegwirft, da eigentlich wirklich einen Vorwurf erheben? Lassen sich Massentierhaltung und Gifteinsatz in der Landwirtschaft wirklich aus dem Profitstreben von Bauern erklären - oder sind sie nicht viel mehr auch Folge ständig wachsender Einkaufswünsche im Supermarkt? Und wie passen eigentlich die Klima-Demonstrationen vieler Schüler in diesen Tagen zu ihren eigenen Wünschen nach dem Taxi Mama, wenn es regnet?

Ach, es fällt uns allen immer wieder so unendlich schwer, das als richtig Erkannte auch zu tun. Dabei liegt hier - man könnte sagen: natürlich - ein Schlüssel zur Lösung gerade vieler Umweltthemen. Wer den schnellen Wechsel zur erneuerbaren Energieerzeugung will, kann nicht gegen Windräder und Stromtrassen sein. Wer den Klimawandel wirklich fürchtet, verreist nicht zwei Mal im Jahr mit dem Flugzeug. Manchmal ist es so einfach.

Wir haben es in der Hand!

Umwelt, Sicherheit, Sauberkeit, Integration: Es gibt diese und jede Menge weiterer Felder, auf denen - mal so im Sound der 70er-Jahre in Westdeutschland gesprochen - das Private zum Politischen wird. Nicht im theoretischen Sinn, sondern in der konkreten Veränderung der Verhältnisse, in denen wir leben. Im Kleinen und jeden Tag.

Richtig verstanden kann dieser Weg übrigens zurück in die Parlamente und die verfasste Politik führen. Sie ist dann möglicherweise nicht mehr ganz dieselbe, die wir kennen. Sie ist offener, sie ist agiler und hört vor allem besser zu. Auch und gerade im Netz, dessen Ton und Tempo immer wichtiger werden - nicht nur für die Vermittlung weiser Beschlüsse, sondern auch für die Frage, worum sie sich denn bitte drehen sollen.

Nur ein Wort zum Sonntag? Wir haben es in der Hand. Das allgemeine, längst auch schon im klassischen Bürgertum angekommene Unbehagen an Staat und Institutionen wie der EU sollte nicht die Oberhand gewinnen. Der Geburtstag unseres Grundgesetzes in dieser Woche hat gezeigt: Wir haben da viel zu verlieren. Also: Nach der Wahl ist die Stimme ja nicht wirklich weg, man kann sie weiter erheben. Und immer auch selbst etwas tun.

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NDR Info | Kommentar | 26.05.2019 | 09:25 Uhr