Stand: 12.03.2018 16:31 Uhr

RWE und E.ON sind nur noch Scheinriesen

von Jörg Marksteiner

Die Landschaft der Stromversorger in Deutschland wird umgekrempelt: E.ON und RWE wollen sich nebeneinander neu aufstellen. RWE will sich in Zukunft darauf konzentrieren Strom zu erzeugen, während sich E.ON als Netzbetreiber auf die Verteilung und Vermarktung fokussieren will. E.ON will dazu in einem ersten Schritt die RWE-Ökostrom-Tochter Innogy kaufen. Im Gegenzug soll der Konkurrent RWE an E.ON beteiligt werden. Die Gremien beider Konzerne und die Kartellbehörden müssen dem Vorhaben noch zustimmen.

Ein Kommentar von Jörg Marksteiner, WDR Wirtschaftsredaktion

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Aus Kundensicht müssen uns die Pläne von RWE und E.ON keine große Angst machen, meint Jörg Marksteiner im Kommentar.

Die beiden größten deutschen Energieversorger kündigen also an, dass sie sich künftig keine Konkurrenz mehr machen, sondern sich aus dem Weg gehen und die Geschäfte aufteilen.

Das ist erst einmal keine gute Nachricht für die Kunden. Zumindest theoretisch. Weniger Anbieter, das bedeutet immer weniger Wettbewerb, weniger Werben und Bemühen um die Kunden. Doch in diesem Fall klingt das weitaus schlimmer, als es tatsächlich ist. Denn wenn man genau hinsieht, dann sind E.ON und RWE längst Scheinriesen. So ähnlich wie Herr Tur Tur in der Geschichte von Jim Knopf: Von Weitem betrachtet wirken sie riesig und mächtig, werden aber immer kleiner, je näher man ihnen als Kunden kommt.

Die Zeiten der Monopolisten sind vorbei

Natürlich klingt es beeindruckend, wenn E.ON zu den eigenen Kunden noch 23 Millionen neue Strom- und Gaskunden von RWE dazu bekommt. Oder wenn RWE alle Windparks von E.ON übernimmt und damit seine Erzeugungskapazität gewaltig erhöht.

Doch aus Kundensicht muss uns das keine große Angst machen. Nicht mehr. Denn die Zeiten sind vorbei, wo die einstigen Monopolisten vom Bohrloch über das Kraftwerk bis zur Steckdose mehr oder weniger alles in der Hand hatten und es praktisch keine Konkurrenten gab. Heute hat jeder Kunde die Auswahl von rund 100 verschiedenen Anbietern, zu denen er wechseln kann - egal, wie groß RWE und E.ON sind. Und den Strompreis können die einstigen Multis schon lange nicht mehr allein bestimmen. Dafür machen ihnen ausländische Anbieter, Windräder und Solardächer längst zu viel Konkurrenz. Nicht umsonst klagen RWE und E.ON ja seit Jahren, dass viele Kraftwerke rote Zahlen schreiben, weil sie für ihren Strom zu wenig Geld bekommen.

Es liegt vieles in der Hand der Kunden

Tatsächlich gibt es, bei genauer Betrachtung, nur noch einen einzigen, kleinen Bereich, wo Energieversorger relativ gefahrlos abkassieren können. Und das ist die sogenannte Grundversorgung. Dort sind all jene eingestuft, die noch nie ihren Strom- oder Gastarif gewechselt haben. Aus Unkenntnis, aus Trägheit, warum auch immer. Dabei ist das die teuerste Variante überhaupt.

Kurioserweise ist aber noch etwa jeder dritte Verbraucher genau hier eingestuft und zahlt damit viel mehr als er müsste. Ein Anruf, ein Brief, wenige Klicks - und schon hätten Kunden Geld gespart. Wenn sie denn aktiv werden. Doch auch das gehört zu Wahrheit: Es lässt sich leicht über die Macht der vermeintlichen Energieriesen wie RWE, E.ON und Co. schimpfen. Tatsächlich machen wir es ihnen als Kunden oft genug nur viel zu leicht.

Tagesschau.de
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Wie geht es weiter mit Innogy?

Der Netzbetreiber und Stromproduzent Innogy steht vor der Zerschlagung. Die geplante Aufteilung zeigt die Verunsicherung in der Energiebranche, wie tagesschau.de berichtet. extern

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NDR Info | Kommentar | 12.03.2018 | 17:08 Uhr