Stand: 18.11.2018 00:05 Uhr

Merkel-Abgang: "Es ist Zeit für etwas Neues"

Angela Merkel als wichtigster Gast des französischen Präsidenten bei den Feierlichkeiten zum Ende des Ersten Weltkriegs, Angela Merkel mit einer entschiedenen Rede vor dem Europaparlament, Angela Merkel selbst mit einem Anklang von Feminismus aus Anlass von 100 Jahren Frauenwahlrecht - wer erwartet hatte, die Bundeskanzlerin werde nach ihrem angekündigten Abschied als CDU-Vorsitzende in den Kulissen verschwinden, muss sich eines Besseren belehren lassen. Sie ist präsent, selbstbewusst und gelöst. Vielleicht weil sie sich für den Abschied entschieden hat? Ein scheinbar leichter Abschied in schwierigen Zeiten.

Ein Kommentar von Hendrik Brandt, Chefredakteur HAZ

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Die merkelsche Art Politik zu machen ist aus der Mode gekommen, meint Hendrik Brandt.

Da standen sie in dieser Woche in Lübeck auf der Bühne: Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn. Gut zwei Stunden lang kämpften sie sich zum ersten Mal durch einen Berg von Fragen, die ihnen die Christdemokraten stellen durften. Deren Vorsitz will ja jeder der drei Anfang Dezember übernehmen. Es ging unter anderem um die AfD, Wohnungsbau, Steuerfragen für Mittelständler und auch um die Rolle der gewiss sehr bedeutenden Unter-Vereinigungen der CDU für die Arbeit der Partei.

Merkel hat die Bundesrepublik leise verändert

Wie vertraut und doch so fern mag all das für Angela Merkel sein. Ihre Zeit an der Spitze der aktuell letzten Volkspartei im Land ist zu Ende. Nach fast 19 Jahren liegen das Klein-Klein und das Schaulaufen, das ohnehin nie wirklich ihres war, hinter der ersten Frau an der Spitze der Union. Gerade noch rechtzeitig vor der Entmachtung habe sie die Kurve bekommen, sagen die einen - ein wunderbar selbstbestimmter Abgang, sagen die anderen. Man bekommt dieses Ende nicht so ganz leicht zu fassen. Das wiederum passt zu jener Politikerin, die die Republik länger und vielleicht sogar tiefgreifender geprägt hat, als es lange Zeit den Anschein hat.

Angela Merkel war in ihrem politischen Leben oft die Erste. Die erste Umweltministerin, die erste CDU-Generalsekretärin, die erste Parteivorsitzende - und erste Bundeskanzlerin sowieso. Übrigens auch die Erste mit einer FDJ-Vorgeschichte. Kaum jemand hat ihr am Anfang zugetraut, was nun am Ende steht: ein Stück leiser Veränderung der Republik.

Mit kühler Beharrlichkeit

An der Spitze von Union und Bundesregierung hat die Physikerin aus der Uckermark kaum je laut geführt. Mit kühler Beharrlichkeit blieb sie im Ungefähren, wartete, wohin die Dinge treiben - und reihte sich dann vorn ein. Manche Beobachter haben das bewundert und ihr alle Fehler verziehen - etwa bei der Kür von Bundespräsidenten, die ihr regelmäßig missglückte. An Angela Merkel sind viele verzweifelt, manche Freunde, vor allem aber fast alle Gegner. In der Union, aber auch aufseiten der Sozialdemokraten, die sie in gleich drei Großen Koalitionen inhaltlich derart umarmte, dass ihnen mittlerweile fast ganz die Luft wegbleibt.

Unter Merkels cleverer Moderation hat sich das Land auf vielen Feldern modernisiert und - mehr noch: beruhigt. Fast schien es, es sei alle Ideologie zugunsten eines Managements der praktischen Vernunft überwunden. Dass Merkel selbst beim Atomausstieg und in der Flüchtlingsfrage zwei radikale Entscheidungen quasi über Nacht getroffen und dabei auch kaum jemanden gefragt hat, ging fast schon unter.

Die Kanzlerin hat viel für die Frauen im Land erreicht

Wer immer ihr nun an der CDU-Spitze und bald auch im Kanzleramt nachfolgt, wird beide Posten noch in einem anderen Punkt verändert vorfinden. Das symbolisiert nicht zuletzt die in diesen Tagen schon mal gestellte Kinderfrage, ob denn eigentlich auch ein Mann Bundeskanzler sein könne. Angela Merkel hat in der puren Selbstverständlichkeit ihres Seins und ihrer Arbeit gleichsam mehr für die Frauen im Land erreicht als Hunderte Seminare oder Aktionsgruppen zuvor. Neuerdings wirkt sie sogar öffentlich ein wenig stolz darauf.

Aber: Ihre Zeit ist vorbei. Sicher, Merkel mag noch einige Zeit Kanzlerin bleiben können - bei dem Glück, dass sie in den letzten Jahren auch hatte, kann es möglicherweise länger dauern, als es die Alles- und Sofortwisser im Berliner Betrieb vorhersagen. Doch dann ist es auch gut. Hoffentlich läuft auch der Abschied aus dem Regierungsamt leidlich anständig. Auch da wäre Merkel noch einmal eine Premiere in der Geschichte der Bundesrepublik zuzutrauen und wohl auch zu wünschen.

Die Mehrheit der Wähler möchte Führung

Die merkelsche Art Politik zu machen ist aus der Mode gekommen - die Zeiten sind nicht mehr recht danach. Zuviel ist ihr entglitten, nicht nur in der Frage der Zuwanderung. Zu wenig hat sie akzeptiert, dass Moderation allein nicht mehr reicht, um die Gesellschaft weitgehend zusammenzuhalten. Am Freitag war das bei ihrem absurd späten Besuch in Chemnitz wieder zu spüren. Ihr Umgang mit der Dieselkrise, ihre Unlust zu Reformen in Europa, ihr seltsam tantenhafter Umgang mit der Digitalisierung - die Mehrheit der Wähler will weniger "Sie kennen mich", sondern mehr "Da geht's lang". Man kann das auch Führung nennen. Deshalb: Danke, Frau Merkel - es ist Zeit für etwas Neues.

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NDR Info | Kommentar | 18.11.2018 | 09:25 Uhr