Stand: 20.02.2019 17:08 Uhr

Lasst uns die Nahrung wieder wertschätzen!

Das massenhafte Wegwerfen wertvoller Lebensmittel in Deutschland soll deutlich verringert werden - bei Verbrauchern und Wirtschaft, aber ohne Verbote für Supermärkte. Das Kabinett beschloss dafür am Mittwoch eine Strategie von Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU).

Ein Kommentar von Horst Kläuser, ARD-Hauptstadtstudio

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ARD-Hauptstadtstudio-Korrespondent Horst Kläuser fordert ein Umdenken - bei Herstellern und Verbrauchern.

Ich gehöre noch zur Generation, die den Teller leer zu essen hatte. Wir aßen, was auf den Tisch kam, und mit dem Essen durften wir nicht spielen. Weil meine Eltern in Zweiten Weltkrieg Hunger litten, wurde sogar theologisch gedroht, dass Essen wegzuwerfen Sünde sei. Das alles mag aus heutiger Sicht pädagogisch katastrophal gewesen sein, aber bis heute wirkt die eingebläute Einsicht: Lebensmittel sind etwas Besonderes, sie haben einen Wert.

Eine wahnsinnige Zahl

Deshalb ist jeder Schritt richtig, der die wahnsinnige Zahl von elf Millionen Tonnen weggeworfener Lebensmittel verhindern hilft. Das ist nicht weniger als ein Skandal! Auf der untersten Ebene wirft jeder einzelne von uns 82 Millionen Menschen in Deutschland 55 Kilogramm im Jahr weg. 55 Kilogramm, egal ob Baby oder Greis.

Manchmal hilft nur Zwang

Viele Wege führen zur Vernunft. Zunächst: weniger produzieren. Es muss keineswegs alles immer vorhanden sein. Saisonal kaufen, ist genauso sinnvoll wie regional. Denn auch irrwitzig langer Transport lässt Lebensmittel verderben, führt im Übrigen auch zu quälendem Hin- und Herkutschieren von Schlachttieren. Man kann sinnvoller, effizienter und schonender produzieren und - wie unsere Vorfahren es immer machten - alles vom Tier verwenden, alles vom Gemüse nutzen. Das kann der Gesetzgeber auch vorschreiben und es nicht bei einem Appell belassen. Die Freiwilligkeit und die vielen Dialoge, die Landwirtschaftsministerin Klöckner vorschlägt, in Ehren - manchmal hilft nur Zwang.

Wenn die Augen größer sind als der Magen

Und wo kommen wir selbst ins Spiel? Bestehen wir im Restaurant und in der Kantine nicht auf viel, sondern auf gut! Und auf lecker. In kommerziellen Betrieben wird wahnsinnig viel weggeworfen, auch weil die Augen größer sind als der Magen. Und letztlich auch beim Einkauf: schon mal in die Mülltonne geguckt, wo halbe Pizzen neben einwandfreiem Brot liegen, nur weil es von vorgestern war?

Wenn LEBENSmittel - bitte das Wort auf der Zunge zergehen lassen - nichts mehr kosten, sind sie auch nichts wert. Hier spätestens kommen Eltern ins Spiel, die Kindergärten und die Schulen. Bewusstsein schaffen für die Bedeutung des Mindesthaltbarkeitsdatums. Das ist kein Verfallsdatum! Eigene Erfahrung. Verschlossene Joghurts waren weit über einen Monat jenseits der Mindesthaltbarkeit frisch und lecker. Ich empfehle Auge und Nase gezielt einzusetzen.

Den Wert unserer Nahrung schätzen

Wir alle tragen also Verantwortung, der Verschwendung Einhalt zu gebieten: der Gesetzgeber, der nicht halbherzig sein darf, die Industrie, die besser produzieren und sinnvoller verpacken kann. Und letztlich wir Verbraucher, die endlich den Wert unserer Nahrung wieder schätzen lernen müssen.

Dabei mag es durchaus Bemühungen geben, die sich scheinbar widersprechen: Wir wollen weniger Verpackung, vor allem solche aus Plastik. Gut! Aber: Manche Verpackung bewahrt Lebensmittel vor Transportschäden und hält sie länger haltbar, verhindert auch die Verschmutzung im Selbstbedienungsregal. Hier werden allen noch einmal genau nachdenken müssen. Auch der absolut sinnvolle Verzicht auf Konservierungsstoffe hat eine kleine Kehrseite: Manche Lebensmittel halten dann nicht mehr ganz so lange.

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NDR Info | Kommentar | 20.02.2019 | 17:08 Uhr