Stand: 13.06.2018 15:45 Uhr

Lasst uns lieber über die Integration streiten

Im Kanzleramt ist Integrationsgipfel, aber so richtig juckt das keinen. Denn der Asylstreit ist wieder da. Zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Innenminister Horst Seehofer (CSU) fliegen die Fetzen. Der Zwist beherrscht die Nachrichten. Das ist typisch – aber schade.

Ein Kommentar von Alex Krämer, RBB, ARD-Hauptstadtstudio

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ARD-Korrespondent Alex Krämer meint, die Gesellschaft solle nicht weiter leugnen, dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist.

Es war einer dieser Tage, an denen sich wunderbar beobachten lässt, wie unsere leicht hysterische politische Debatten-Kultur wichtige Themen einfach platt macht, die Relationen von wichtig und unwichtig verschiebt. Natürlich ist es wichtig, wie die Bundespolizei an den deutschen Grenzen auftritt. Es ist wichtig, dass das Bundesamt für Flüchtlinge gründlich arbeitet und korrekte Bescheide ausstellt. Es ist wichtig, dass Menschen ohne Bleiberecht das Land wieder verlassen. Das Problem ist nur, dass alle diese Abwehr-Themen rund um Flüchtlinge durchgehend Hochkonjunktur haben, befeuert von der AfD, von denen, die Angst haben vor der AfD und von Talkshows mit Hang zum Krawall. Denn: Abwehr taugt für Holzschnitt-Artiges, für die kräftigen Striche mit dem dicken Pinsel. Bumm-zack-bumm - fertig.

Die Integration erfordert genaueres Hinsehen

Die Integration dagegen ist schwieriger, kleinteiliger. Sie erfordert genaueres Hinschauen. Wichtig ist sie aber ebenfalls. Kriegt Ali tatsächlich wegen seiner Schulnoten keine Ausbildungsstelle, oder doch eher, weil er Öztürk mit Nachnamen heißt? Wird die junge Frau mit dem Kopftuch tatsächlich unterdrückt, oder trägt sie das umstrittene Kleidungsstück doch freiwillig? Was ist problematisch am Islam, was aber auch nicht? Und: Wie lässt sich das deutsche Selbstbild so erweitern, dass wir nicht länger leugnen, dass wir ein Zuwanderungsland sind, dass wir Zuwanderung sogar brauchen? Anders formuliert: Wie kriegen wir’s hin, dass wir bei Menschen mit dunkler Haut, die nicht Müller oder Kasupke heißen, nicht automatisch davon ausgehen, sie seien "keine Deutschen", selbst wenn sie in dritter Generation hier leben?

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Das Land verändert sich schon lange

Das alles sind Fragen, bei denen die Antworten kompliziert ausfallen. Es macht Mühe, diese Antworten zu finden. Es macht auch Mühe, über die richtigen Antworten zu streiten. Aber es lohnt sich. Denn dieses Land verändert sich schon lange, ohne dass wir das richtig wahrgenommen haben. Diese Veränderung ist erst mal nicht gut oder schlecht, sie passiert einfach. Gut oder schlecht ist, was wir daraus machen.

In vielen Betrieben, in Städten, Gemeinden, Schulen, Kitas passiert da durchaus schon was. Doch in unserem Selbstverständnis ist davon noch wenig angekommen.

Es geht um alle Zuwanderer

Vom bloßen Leugnen und Verschließen der Augen aber, das muss jeder Vierjährige lernen, verschwindet die Realität nicht. Wir müssen sie gestalten. Das verbirgt sich hinter dem sperrigen Wort Integration – bei dem es um viel mehr geht als um Flüchtlinge, nämlich um alle Zuwanderer. Wenn die sich integrieren, was viele längst tun, manche aber leider nicht, dann verändern sie sich. Aber, und das wird gern vergessen: Die deutsche Gesellschaft verändert sich ebenfalls, unweigerlich, bewusst oder unbewusst. Bewusst wäre besser.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 13.06.2018 | 17:08 Uhr

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