Stand: 09.09.2019 15:47 Uhr

Papst drückt sich um ein zentrales Thema

Nach Mosambik und Madagaskar reist Papst Franziskus am Montag weiter nach Mauritius und setzt damit seine Afrika-Reise fort. Bei seinen Besuchen im südöstlichen Teil des Kontinents hat der Papst viele wichtige Themen wie Ökologie und Korruption angesprochen. Ein wichtiges Thema kam bei Franziskus' zahlreichen Auftritten aber gar nicht vor: die Geburtenkontrolle.

Ein Kommentar von Jörg Seisselberg, ARD-Korrespondent in Rom

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Es sei bedauerlich, dass der Papst zu einem zentralen Problem der Region geschwiegen habe, meint Jörg Seisselberg.

Der Papst hat auf dieser Reise die richtigen und wichtigen Themen angesprochen. Ein zentrales aber fehlte. Und dies trübt die Bilanz seines Besuchs in einer der großen Problemregionen der Welt.

Mehrfach hat Franziskus in Mosambik und Madagaskar Ökologie zum Thema gemacht. Das ist ein positiver Teil der Reise. Sein Appell, gegen den Klimawandel aktiv zu werden, war eindringlich. Umweltschutz und Bekämpfung der Armut müssten Hand in Hand gehen, das empfahl er als Basis einer umfassenden Entwicklungsstrategie. Vorschläge, von denen man sich nur wünschen kann, dass die Politik in der Region sie ernst nimmt.

Auch das Problem Korruption hat der Papst angesprochen, teilweise mutig Auge in Auge mit den Mächtigen der Region. Dies hilft im besten Fall, Löcher zu schlagen in die Mauer der Selbstgefälligkeit der Verantwortlichen bei einem Thema, das zu den großen Entwicklungsbremsen zählt. Die Menschen können dem Papst dankbar sein, dass er hier Klartext geredet hat

So weit, so richtig. Aber ein Thema ließ Franziskus unerwähnt. Eines, das eine wichtige Stellschraube ist für die Lösung der Probleme in diesem Teil der Welt. Das entscheidenden Einfluss hat auf die soziale Situation und die Entwicklungsperspektiven. Das man ansprechen muss, wenn man den Menschen helfen will. Es ist das Thema Geburtenkontrolle. In Mosambik bekommt jede Frau im Durchschnitt fünf Kinder. In Madagaskar jede Frau vier. Dies in Gesellschaften, die bereits jetzt nur einem geringen Teil ihrer jungen Menschen eine Perspektive geben können. Vom Papst kam zum Thema Geburtenkontrolle in seinen Dutzend Ansprachen kein Wort.

Natürlich, Geburtenkontrolle kann nur Teil einer umfassenden Stategie für gesellschaftliche Entwicklung sein. Aber sie muss halt auch dazugehören und darf nicht außen vorgelassen werden.

Die klare Botschaft, die gerade Länder wie Mosambik und Madagaskar brauchen, lautet: Verhütungsmittel wie Kondome sind keine Sünde, sondern gut. Gerade hier hat das Thema nichts mit einem Blick in die Schlafzimmer zu tun, sondern ist schlicht soziale Verantwortung. Verhütung beispielsweise durch Kondome leistet einen Beitrag, um die ärmsten Ländern aus der Problemspirale zu holen. Ganz davon abgesehen, dass sie auch zur Lösung des hier ebenfalls extrem verbreiteten Aids-Problems essentiell ist.

Dass der Papst zur Geburtenkontrolle geschwiegen hat, ist eine vertane Chance. Natürlich muss man berücksichtigen, in welchem innerkirchlichen Umfeld sich Franziskus derzeit bewegt. Gerade die Konservativen in den USA warten nur auf einen weiteren Anlass für eine Attacke auf den von ihren ungeliebten Papst.

Aber das Thema ist zu wichtig, um es innerkirchlicher Taktik unterzuordnen. Bei der Geburtenkontrolle geht es um das Leben und die Perspektiven von Millionen ärmster Menschen. Es reicht nicht, nur in kleiner Runde mit Journalisten auf dem Rückflug von einer Auslandsreise davon zu sprechen, dass Katholiken sich nicht wie Kaninchen vermehren müssen. Eine laute und öffentliche Botschaft ist notwendig, dort, wo sie von denen vernommen wird, die sie angeht.

Es ist selbstverständlich wichtig, an die Politik zu appellieren, wenn es um die Lösung der sozialen Herausforderungen in einem der ärmsten Teile der Welt geht. Aber die katholische Kirche, auf die hier viele hören, muss auch ihren Teil der Verantwortung wahrnehmen. Während der Tage in Südostafrika gab es dazu mehrfacher Gelegenheit. Es ist bedauerlich, dass der Papst sie nicht genutzt, sondern zu einem zentralen Problem der Region geschwiegen hat.

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NDR Info | Kommentar | 08.09.2019 | 18:30 Uhr