Stand: 06.03.2019 17:27 Uhr

Verkleidungs-Debatte: Entspannt euch mal!

Kinder verkleiden sich gerne - nicht nur im Karneval. Die Fantasie kennt da kaum Grenzen. Nun sorgt aber ein Schreiben einer Hamburger Kita für Diskussionen vor allem in den sozialen Medien. Die Kita bat Eltern, dass deren Kinder in einer diskriminierungsfreien Verkleidung zu den Faschingsfeiern in der Kita kommen sollten. Gewünscht sei eine Kostümierung, mit der keine Stereotype wie Hautfarbe, Geschlecht oder Kultur bedient werde. Darüber lässt sich nun ausführlich diskutieren.

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Politisch korrekt verkleiden? Verena Gonsch würde sich freuen, wenn entspannt statt hysterisch diskutiert werden könnte.

Gut gemeint ist nicht immer gut. Die Hamburger Kita ist mit ihrer Empfehlung, auf Indianer-Kostüme zu verzichten, klar übers Ziel hinausgeschossen. Das zeigt auch die heftige Diskussion im Netz. Die Verantwortlichen liefern Populisten ausreichend Munition, um die Forderungen als überzogen darzustellen.

Das ist schade, denn natürlich ist es gut, Kinder und Jugendliche darauf aufmerksam zu machen, dass Indianerkostüme ein realitätsfremdes, verklärtes Bild darstellen. Darüber zu sprechen, dass es viele Minderheiten auf der Welt gibt, darunter auch die Ureinwohner Amerikas, die seit Jahrhunderten unterdrückt werden. Die Frage ist nur, ob erstens der Karneval und zweitens eine Kita der richtige Ort für solch eine Auseinandersetzung sind.

Andere Zeiten, andere Witze?

In den Hochburgen in Köln oder Mainz hat man sicherlich wenig Verständnis für die Hamburger Debatte. Denn der Karneval ist traditionell eine Auszeit vom Alltag. In den tollen Tagen ist viel erlaubt, Witze und Traditionen sind für viele einfach Geschmackssache. Trotzdem wurde bislang akzeptiert, dass jeder beim Karneval auch mal über die Stränge schlägt.

Offenbar sind diese Zeiten aber vorbei. Bestes Beispiel: Der harmlose, wenn auch schlechte Scherz, den Annegret Kramp-Karrenbauer über die sogenannten Unisex-Toiletten machte, löste eine ähnliche Erregungswelle aus wie die Diskussion um die Indianerkostüme.

Unterschiedliche Ansichten

In beiden Fällen fragen sich viele: Kann man denn heute überhaupt nichts mehr sagen? Nicht mehr machen, was früher üblich war? Für viele ist alles politisch zu korrekt, sie fühlen sich eingeengt und überwacht. Und haben das Gefühl, dass diese Debatten überhaupt nichts mit ihrem Alltag zu tun haben.

Warum diskutieren wir über diese Themen und nicht die Wohnungsnot, den Pflegenotstand, den Lehrkräftemangel? Anderen ist es alles noch zu engstirnig und konservativ. Sie möchten, dass Minderheiten in Deutschland stärker geschützt werden, ihre Stimme erheben können und ihre Belange respektiert werden.

Die Gesellschaft ist in Bewegung 

Beide Debatten zeigen eigentlich nur eins: Unsere Gesellschaft ist in Bewegung. Genauso wie in vielen anderen Ländern dieser Erde. Identitätspolitik nennen das die Experten. Immer mehr Menschen wollen, dass ihr Lebensstil respektiert und akzeptiert wird. Parteien werden nicht mehr als der Ort angesehen, in dem sich alle wiederfinden.

So ein ständiges Aushandeln in einer Gesellschaft ist extrem anstrengend. Das stört viele. Dauernd meldet sich jemand zu Wort, alles soll ausdiskutiert werden. Andererseits ist es auch die Voraussetzung dafür, dass eine Gesellschaft sich verändert.

Wir werden diese für viele hysterischen Debatten also noch eine Weile aushalten müssen. Und bis dahin werden wir Weihnachten mit oder ohne Weihnachtsbäume feiern, vegan oder traditionell mit Gänsebraten, und Karneval mit Kostümen - mit Prinzessinnen, Piraten und Indianern oder eben mit Polizistinnen und Meerjungmännern. Vielleicht schaffen wir es ja, dabei etwas entspannter zu sein.

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NDR Info | Kommentar | 06.03.2019 | 17:08 Uhr