Stand: 07.08.2019 15:50 Uhr

Mehr Atlantik, weniger Ärmelkanal

Welchen Kurs schlägt der neue britische Premierminister Boris Johnson in der Außenpolitik ein? Er hat angekündigt, Großbritannien am 31. Oktober 2019 "ohne Wenn und Aber" aus der EU zu führen.

Ein Kommentar von Thomas Spickhofen, Korrespondent in London

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ARD-Korrespondent Thomas Spickhofen sieht unter Premierminister Boris Johnson eine deutliche Abkehr von der Außenpolitik der Regierung May.

Das war ein klares Zeichen der neuen britischen Regierung, dass ihr an guten Beziehungen zu Deutschland und zur Europäischen Union gelegen war: Gleich in der ersten Woche nach dem Einzug in 10 Downing Street war sie ins Kanzleramt nach Berlin gekommen - Theresa May, damals im Juli 2016. "Ich freue mich, dass sie so früh hier sind", sagte die Kanzlerin. "Das sehe ich als Zeichen der Verbundenheit." Und die Premierministerin antwortete, das zeige ganz klar, dass Großbritannien sich auch nach dem Brexit nicht von seinen europäischen Freunden abwenden werde.

Boris Johnson hat nach zwei Wochen im Amt noch keine einzige Hand geschüttelt in Berlin, oder in Brüssel, oder in Paris. Er sagt zwar, dass er am liebsten einen Ausstieg mit Abkommen möchte, aber alle Kraft und Energie der Regierung gehen in die Vorbereitung eines Ausstiegs ohne Abkommen.

Trump hat phänomenalen Deal versprochen

Von Verbundenheit, Freundschaft und Zuwendung ist in diesen Tagen nicht viel zu hören, auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Dafür ist die Zuwendung der neuen Regierung in London zu den Partnern auf der anderen Seite des Atlantiks umso intensiver. In Toronto pries der britische Außenminister Dominic Raab gerade die einzigartige Freundschaft zum G7-, NATO- und Commonwealth-Mitglied Kanada. In Washington sitzt ein Präsident im Weißen Haus, der den Briten einen phänomenalen Deal versprochen hat, doppelt so groß, drei Mal so groß wie der bisherige Handel. Genau so einen Deal braucht die Regierung Johnson, und zwar ziemlich dringend, zumal sich die EU doch so störrisch zeigt.

Theresa May machte es anders

Konkret zu sehen ist die Gewichtsverschiebung in der britischen Außenpolitik aber nicht nur an der Reisediplomatie und an den Handelszielen, sondern auch an dem frisch geschmiedeten britisch-amerikanischen Bündnis zum Schutz der Schiffe in der Straße von Hormus. Noch vor drei Wochen erklärte die damalige Regierung von Theresa May ganz ausdrücklich, dass man eine europäische Lösung wolle, keine amerikanisch geführte. Grund dafür war, dass man den Druck, den die Trump-Regierung mit ihrer militärischen Präsenz in der Golfregion auf den Iran ausüben will, nicht unterstützen wollte.

Immer wieder hat die Regierung May betont, dass sie am Atomabkommen mit dem Iran festhalten will - im Gegensatz zu den USA - und den Konflikt diplomatisch lösen möchte. Die Regierung Johnson hat sich nun in dieser Woche für einen klaren Schwenk entschieden: ein Joint Venture mit den USA am Golf. Die Europäer dürfen gern dazukommen, aber London und Washington gehen gemeinsam voran.

Es ist nicht zu übersehen: Der Regierung Johnson sind - zumindest derzeit - die Allianzen über den Atlantik hinweg näher, wichtiger, dringlicher als die Partner auf der anderen Seite des Ärmelkanals.

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NDR Info | Kommentar | 07.08.2019 | 17:08 Uhr