Stand: 24.07.2019 16:11 Uhr

Boris Johnson oder: Neuer Akteur, selbes Stück

Im Unterschied zu Theresa May ist Boris Johnson gegenüber dem Brexit viel radikaler eingestellt. Für ihn ist ein Austritt ohne Deal sogar die bevorzugte Option. Er wird allerdings versuchen, das bisherige Abkommen, das immer wieder vom britischen Parlament abgelehnt wurde, neu zu verhandeln.

Ein Kommentar von Holger Beckmann, ARD-Korrespondent in Brüssel

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Reisende soll man nicht aufhalten - und Rückkehrer soll wieder hineinlassen, meint Holger Beckmann.

Reisende soll man nicht aufhalten. In dieser schlichten Empfehlung stecken Weisheit und Gelassenheit. Man kann sich daran orientieren. Und was Europa, Großbritannien und den Brexit angeht, gilt das in besonderem Maße. Denn Boris Johnson und Großbritannien sind auf einer Reise. Es weiß zwar niemand genau, wohin sie schließlich führen wird, aber: Erst einmal führt sie weg von der Europäischen Union. So soll es dann eben sein.

Weiter mit dem Theater ...

Mehr als drei Jahre ist es nun her, dass eine Mehrheit der britischen Bevölkerung sich dafür ausgesprochen hat, die EU zu verlassen. Drei Jahre Gezerre um diesen Brexit hat man seitdem erlebt. Viele werden in dieser Zeit geglaubt haben, die Europäische Union könne sich ausschließlich mit sich selbst beschäftigen, aber immer noch ist der Brexit nicht vollzogen. Und nun - mit Boris Johnson - geht das Theater von vorne los.

... bis zum Schlussakt?

Dabei hat sich die Ausgangslage ja überhaupt nicht verändert, aber jetzt ist eine neue entscheidende Person im Spiel. Boris Johnson hat angekündigt, den Brexit unter allen Umständen bis zum 31. Oktober zu liefern. Da hat er nicht mehr viel Zeit. Man darf deshalb hoffen: Es wird der Schlussakt des Theaters - und dieses Mal tatsächlich ein kurzer.

Die EU hat gleich Klartext gesprochen. Sie hat nämlich gesagt, dass der Austrittsvertrag steht, Nachverhandlungen gibt es nicht. Und sie hat zum x-ten Mal erklärt, wie groß ihr Interesse ist an einem geregelten Brexit. So weit, so gut, so unverändert. Jetzt kann Europa gelassen abwarten, jetzt muss Europa aber auch gelassen abwarten.

Genug ist genug

Man hat lange genug alles versucht: Man hat die Verschiebungen akzeptiert und politische Zusatzerklärungen in den Vertrag hinein verhandelt. Man hat dem Chaos in London zugesehen und sogar zugelassen, dass Großbritannien die Europawahlen mitmacht, obwohl es zu dem Zeitpunkt doch längst hätte raus sein wollen aus der EU. Irgendwann ist es genug.

Wer gehen will, soll gehen dürfen - auch wenn er sich und dem anderen dabei schadet, auch wenn es weh tut - also auch ohne Austrittsvertrag in diesem Fall.

Wer weiß: Vielleicht wird es ja ein Lehrstück - und in nicht allzu ferner Zeit klopft Großbritannien in Brüssel wieder an. Dann freilich sollten alle Türen offenstehen. Denn Reisende soll man nicht aufhalten - und Rückkehrer soll man wieder hineinlassen. Vor allem, wenn es ihnen schlecht geht. Mit Boris Johnson und mit einem harten Brexit könnte das den Briten durchaus passieren.

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NDR Info | Kommentar | 24.07.2019 | 17:08 Uhr