Stand: 17.01.2019 06:00 Uhr

Cum-Ex-Deals: Karstadt-Renten veruntreut?

von Jennifer Lange, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Karstadt war einst das Symbol des deutschen Wirtschaftswunders. Dann ging der Konzern Pleite und wechselte mehrmals den Besitzer. Mitarbeiter verzichteten teils auf Gehalt, um ihre Jobs zu sichern. Dennoch wurden viele entlassen. Nun zeigen Recherchen von NDR und der Wochenzeitung "Die Zeit", dass das Vermögen der Karstadt-Rentner womöglich für Cum-Ex-Geschäfte verwendet wurde. Also für die illegalen Deals, die allein dem Zweck dienen, sich Steuern erstatten zu lassen, die nie bezahlt wurden.

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Die Ex-Karstadt-Mitarbeiterin Helga Reinke ist von ihrem ehemaligen Arbeitgeber enttäuscht.

Helga Reinke ist mit Karstadt groß geworden. Schon ihre Mutter arbeitete bei Karstadt. Sie selbst fing 1983 als Kassiererin in der Elektro-Abteilung an. Ein paar Jahre später wurde sie zur Betriebsratsvorsitzenden gewählt: "Als ich die Gelegenheit bekam, bei Karstadt einzusteigen, da habe ich mich pudelwohl gefühlt." 18 Jahre hat sie für das Unternehmen gearbeitet. Inzwischen ist sie im Ruhestand. Jeden Monat hat Karstadt für sie ein paar Euro als Betriebsrente zurückgelegt. Sie dachte immer, ihr Geld sei sicher: "Dass mit dem Geld spekuliert wurde, das hat ja keiner von uns gewusst."

Spitzenmanager soll Rentengelder veruntreut haben

Das Geld der Karstadt-Rentner soll laut Staatsanwaltschaft unter anderem der Spitzenmanager Ulrich Mix veruntreut haben. Er ist bei der Deutschen Pensions Group als Geschäftsführer für die Verwaltung der Renten zuständig. Die Pensions Group war lange Teil des KarstadtQuelle-Konzerns. Mix ist außerdem im Vorstand des KarstadtQuelle-Mitarbeiter-Trusts. In diesen Fonds hatte Karstadt in Zeiten der Krise die Pensionsverpflichtungen gegenüber seinen Mitarbeitern ausgelagert.

Person legt ihre Hände auf angehäuftes Geld. © Fotolia.com Foto: apops

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In den Jahren 2009 bis 2011 soll der Manager 150 Millionen Euro-schwere Cum-Ex-Deals eingefädelt haben. Dabei werden in kurzer Zeit milliardenschwere Aktienpakete hin- und hergeschoben. So lange, bis kaum noch nachvollziehbar ist, wem die Aktien eigentlich gehören. Die Deals haben alleine das Ziel, sich vom Staat Steuern erstatten zu lassen, die zuvor nie bezahlt wurden.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt

In den ersten Jahren soll der Manager mit seinen Investments gute Gewinne gemacht und rund vier Millionen Euro verdeckte Provisionen erhalten haben. 2011 flog das Geschäft auf und 45 Millionen Euro waren futsch. Seitdem haben mehrere Zeugen ausgesagt. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt gegen den Manager - wegen Untreue, Bestechlichkeit, Geldwäsche und Steuerhinterziehung. Die Ermittler vermuten, dass Mix 2009 richtig groß ins Geschäft einstieg. Also genau in jenem Jahr, in dem der mittlerweile in Arcandor umbenannte Konzern in die Pleite schlitterte. Unternehmenssprecher Gerd Koslowski sagte damals: "Dieser Insolvenzantrag war erforderlich geworden, nachdem die Anträge der Arcandor AG auf Staatsbürgschaft und Rettungsbeihilfe abgelehnt wurden."

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Zuvor hatten die Mitarbeiter demonstriert und sogar auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet. Also viel getan, um ihre Jobs doch noch irgendwie zu retten. Helga Reinke ist enttäuscht - auch heute noch: "Das ist eine große Sauerei. Ich finde es unmöglich, dass in den Karstadt-Häusern eingespart worden ist ohne Ende. Und dann wird einfach das Geld genommen, das ja eigentlich den Mitarbeitern gehört, und in solche Geschäfte investiert. Man wusste ja gar nicht, ob das Gewinn bringt oder nicht. Diese Firmenrenten waren immerhin für manche Mitarbeiter existenziell."

Sie selbst hat sich ihre Betriebsrente 2009 auf einen Schlag auszahlen lassen: 13.000 Euro. Weg sind die Renten der Karstadt-Mitarbeiter nicht, sie sind über mehrere Wege abgesichert. Heute garantiert der Pensionssicherungsverein die Zahlungen. So konnte der Schaden auf vielen Schultern verteilt werden.

Ulrich Mix will sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern. Er verwaltet bis heute die Betriebsrenten Tausender Karstadt Mitarbeiter. Und hat für diese Arbeit in den vergangenen Jahren Millionenbeträge erhalten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 17.01.2019 | 07:41 Uhr