Stand: 11.04.2018 16:07 Uhr

Das Bild der Bauern

Landwirt Marcus Holtkötter geht durch seinen Stall und macht mit dem Handy Fotos von seinen Ferkeln. Sie liegen dicht gedrängt bei der Sau und säugen. Die Bilder postet er als "Bauer Holti" bei Twitter. Seit einiger Zeit berichtet er im Internet über seine Arbeit von seinem Hof im Münsterland.

Tweet mit Bildern aus einem Schweinestall © NDR Fotograf: Screenshot

Das Bild der Bauern

ZAPP -

Immer mehr Landwirte sind im Netz aktiv, auch aus Ärger über kritische Medienberichte. Sie wollen Einblicke in ihre Arbeit geben, ihr Image verbessern - etwa mit Fotos von rosa Ferkeln.

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Wohlfühlbilder und die eigene Sichtweise

Er möchte das nicht mehr den Journalisten überlassen, denn kritische Medienberichte hält Holtkötter oft für "einseitig". Damit ist er nicht allein. Immer mehr Landwirte bemühen sich, das Image der Branche mit eigenen Blogs, Fotos und Videos im Netz zu verbessern. Dafür zeigen sie zum Beispiel Wohlfühlbilder von rosa Ferkeln und kleinen Kindern im Stall. Oft beschweren sich Bauern auch über Berichte, die sich kritisch mit Landwirtschaft und ihren Folgen auseinandersetzen. Vor allem aber erklären sie einfach ihre Arbeit und stellen ihre Sicht darauf dar.

Schutzkorb oder Gitterkäfig?

Ein Beispiel dafür ist die Sauenhaltung. Oft werden die Tiere in engen Gitterkäfigen gehalten. Kritiker halten dies für tierschutzwidrig, weil sich die Tiere kaum bewegen und ihr artgerechtes Verhalten nicht ausleben können. Die Branche dagegen spricht von "Schutzkörben". Sie sollen verhindern, dass die Ferkel vom Muttertier erdrückt werden. Marcus Holtkötter kommt diese Perspektive in den Medien zu kurz.

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Der Landwirt Marcus Holtkötter ist als "Bauer Holti" bei Twitter und berichtet von seiner Arbeit.

Auch der Schweinehalter Dirk Nienhaus aus Bocholt im Münsterland ist online aktiv, stellt regelmäßig Videos ins Netz. In einem erklärt er, Verbraucher sollten sich am besten direkt bei den Landwirten informieren, nicht über die Medien.

Umfassend informieren - auch über Probleme

Eine solche Haltung findet der Journalist Jan Grossarth "hochproblematisch". Der Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) schreibt seit vielen Jahren über Landwirtschaft. Grossarth hat den Eindruck, dass so letztlich eine vielstimmige, facettenreiche Diskussion über Landwirtschaft unterbunden werden solle.

Jan Grossarth möchte als Journalist möglichst umfassend informieren auch über Probleme in der Tierhaltung. Studien zeigten etwa, dass viele Schweine an Lungen- und Gelenkkrankheiten litten, ein Fünftel der Tiere verendeteten sogar noch vor Erreichen des Schlachtshofs, so Grossarth. Vor diesem Hintergrund haben Fotos von rosa Ferkeln, wie sie beispielsweise der Landwirt Marcus Holtkötter postet, für ihn die "Unschuld" verloren.

Landwirt Marcus Holtkötter sieht allerdings aktuell keine Tierschutzprobleme in der Schweinehaltung. "Ich sehe es doch, dass die Betriebe sich gut um die Tiere kümmern", sagt Holtkötter. Grundsätzlich habe man natürlich in großen Ställen auch immer einige kranke Tiere. Das sei aber nicht anders als in einer Großstadt, wo es auch kranke Leute gebe.

Bauernverband räumt Tierschutzprobleme ein

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Räumt im Interview mit ZAPP Tierschutzprobleme ein: Bauernverband-Vizepräsident Werner Schwarz.

Der Vize-Präsident des Deutschen Bauernverbands, Werner Schwarz, dagegen räumt im Interview mit ZAPP überraschend klar Tierschutzprobleme ein. Man arbeite daran, sagt er. Als etwa die Studie zur Vielzahl der verendeten Schweine veröffentlicht worden sei, hätten sie sofort darauf reagiert und über Facebook den Landwirten gesagt: "Liebe Leute, so geht es nicht." Wenn ein Tier unheilbar krank sei, müsse es getötet werden und "nicht aufgrund von Siechtum irgendwann verenden".

Bauernverband-Vizepräsident Schwarz erklärt auch, dass seine Branche in der Vergangenheit nicht offen genug gewesen sei. "Wir mussten erfahren, dass Nichtkommunzieren ein Problem ist", sagt er. Deshalb begrüße er es nun, wenn Landwirte wie Marcus Holtkötter im Internet aktiv seien. Er selbst habe seit 2013 eine Webkamera über der Abferkelbucht hängen. Dort sei alles zu sehen, wie es passiere, auch Totgeburten oder dass ein Tier unter der Kamera verende.

"Transparenzmangel" und zu wenig behördliche Kontrollen

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Beklagt "Tranzparenzmangel" über das, was in den Ställen passiert: Jan Grossarth, Redakteur der "FAZ".

Allerdings ärgert sich Schwarz über Aufnahmen aus Ställen, die von Tierschützern illegal gemacht und später in Beiträgen gezeigt werden. Der FAZ-Journalist Jan Grossarth sagt, er könne das Unbehagen gut nachvollziehen, wenn nachts fremde Menschen über den Hof laufen, um heimlich Bilder zu machen. Doch es gebe einen "Transparenzmangel". Was in den Ställen passiere, sei "nahezu unsichtbar", und es gebe zu wenig behördliche Kontrollen. Deshalb sei die Arbeit der Tierschutzorganisationen "durchaus ein Gewinn", sagt Grossarth. "Sie bringen Bilder, von wo es keine Bilder gibt." Es sind etwa Aufnahmen von Schweinen mit riesigen Wunden, die nicht mehr aufstehen können, oder von verletzten Puten oder Hühnern.

Bundesgerichtshof: Illegal gedrehtes Filmmaterial über Missstände darf verwendet werden

Diese Woche hat der Bundesgerichtshof in Karlsruhe über einen solchen Fall entschieden und Journalisten den Rücken gestärkt. Die Richter kamen zu der Überzeugung, dass Filmaufnahmen aus einem Bio-Hühnerstall gezeigt werden durften, obwohl die Aufnahmen rechtswidrig erstellt wurden. Sie würden die Art der Haltung dokumentieren. "Es entspricht der Aufgabe der Presse als 'Wachhund der Öffentlichkeit', sich mit diesen Gesichtspunkten zu befassen und die Öffentlichkeit zu informieren", heißt es in der Pressemitteilung des Bundesgerichtshofs.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 11.04.2018 | 23:20 Uhr