Stand: 13.08.2019 13:53 Uhr

Auf der Pirsch: Fact-Checking bei der dpa

von Daniel Bouhs und Inga Mathwig

Anfang der Achtziger Jahre waren die Journalistinnen und Journalisten der Deutschen Presseagentur (dpa) ganz aus dem Häuschen. "Die Möglichkeiten, die die moderne Elektronik bietet, sind verblüffend", hieß es in einem Imagefilm. "Verbessern und löschen ohne radieren. Artikel ändern in Sekundenschnelle." Inzwischen ist klar: Die neue Technik ist im schnellen Nachrichtengeschäft Fluch und Segen zugleich, denn über das Internet erreichen die dpa auch Fälschungen.

Blick von außen auf das ehemalige Gebäude der dpa. © NDR Foto: Screenshot

Auf der Pirsch: Fact-Checking bei der dpa

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Seit 70 Jahren beliefert die dpa Zeitungen sowie Radio- und Fernsehsender mit Nachrichten. Weiter für verlässliche Informationen zu stehen ist in Zeiten von Deepfakes eine Herausforderung.

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Vor mittlerweile zehn Jahren kam es bei dpa, der mit Abstand größten Nachrichtenagentur der Bundesrepublik, zum GAU: Eine Gruppe Schauspieler erfand einen Terroranschlag in den USA - das Ganze diente als Werbekampagne für einen Kinofilm. Ein Schauspieler rief im Newsroom der dpa an, gab sich als Praktikant eines frei erfundenen US-Senders aus. Aufgeregt erzählte er etwas von einem Anschlag in Bluewater - einer Stadt, die es ebenfalls gar nicht gibt - und wies unter anderem auf die Internetseite des fiktiven Nachrichtenkanals hin.

Bluewater-Fälschung

Werbe-Video - Die Täuschung der Medien

Die Nachricht über den Selbstmordanschlag im amerikanischen Bluewater war eine perfekt geplante Fälschung. Viele Medien fielen darauf herein, einige nicht. Warum eigentlich nicht? mehr

Dort stießen die Journalisten aus Deutschland auf gefaktes Videomaterial. Und machten dann eigentlich alles richtig: Sie versuchten, mit den Behörden zu telefonieren, um den Anschlag zu verifizieren. Doch die Seite der Stadt Bluewater war ebenfalls eine Fälschung: Die amerikanischen Telefonnummern führten zu Schauspielern, die nur wenige Kilometer entfernt vom dpa-Newsroom in Berlin saßen. Im Hintergrund wurde amerikanisches Sirenengeheul abgespielt und so die Journalisten weiter reinlegt.

Bluewater-Fälschung als Weckruf

"Ich habe es nur so erzählt bekommen, dass es der Weckruf war, der vielleicht auch nötig war, weil man häufig zu sehr vertraut hat", sagt Sven Gösmann, damals noch bei der "Rheinischen Post" und heute Chefredakteur der dpa.

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Arbeitet zusammen mit Forschern etwa des Fraunhofer Instituts daran, Deepfakes zu erkennen: Sven Gösmann, Chefredakteur der dpa.

Die dpa hat aus diesem Szenario gelernt und sowohl ihre Abläufe als auch ihre Strukturen verändert. Gösmann beschäftigt inzwischen ein ganzes Verifikationsteam. Es checkt das Material, das die Agentur etwa über soziale Netzwerke erreicht. Wer sich mit dpa-Journalisten unterhält, erfährt auch: Der Druck, eine Meldung vor anderen Nachrichtenagenturen zu haben, wurde wenigstens teilweise abgelassen.

Stichwort Deepfakes: "Wir müssen uns alle davor fürchten"

Bei der dpa, die praktisch alle Zeitungen in Deutschland beliefert, dazu viele Radio- und Fernsehsender sowie Onlineportale, geht es also mehr denn je darum, für verlässliche Informationen zu stehen. Immerhin hat die dpa publizistisch eine enorme Verantwortung: Denn Redaktionen, die dpa-Meldungen übernehmen, müssen sie nicht überprüfen. Dafür sorgt das sogenannte Agenturprivileg. Dazu heißt es in einem juristischen Handbuch für die Reporter der dpa: "Nach der Rechtsprechung dürfen die Empfänger von Texten von anerkannten Nachrichtenagenturen auf deren Richtigkeit vertrauen. Das gilt auch für Fotos und die als Bildtext gemachten Angaben." Zeitungsmacher wie der Chefredakteur der "Ostfriesen-Zeitung", Joachim Braun, setzen jedenfalls darauf, dass stimmt, was von dpa kommt: "Die dpa ist für die Zeitung der absolute Basisstoff, was alles betrifft", sagt Braun zur Praxis in seiner Redaktion. "Auf die dpa verlassen wir uns im Moment zu 100 Prozent, bis wir eines Besseren belehrt werden."

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Vertraut auf das sogenannte Agenturprivileg: Joachim Braun, Chefredakteur "Ostfriesen-Zeitung".

Allein: Die nächste Prüfung steht schon bevor. Bei sogenannten Deepfakes legen Fälscher Politikern oder auch Konzernchefs nach Belieben Worte in den Mund. Moderne Technik baut Stimmen und Gesichtszüge nach, im Netz zu sehen bei Donald Trump, Barack Obama und Mark Zuckerberg.

Die Ergebnisse sind noch nicht ganz perfekt, aber bereits überraschend gut. "Wir müssen uns alle davor fürchten", sagt Gösmann. "Wir als Nachrichtenmacher beziehungsweise Nachrichtenübermittler, aber auch die Empfänger solcher vermeintlichen Nachrichten, denn da ist der Manipulation Tür und Tor geöffnet." Der dpa-Chefredakteur arbeitet zusammen mit Forschern etwa des Fraunhofer Instituts daran, Deepfakes zu erkennen. Vermutlich braucht der Chefredakteur auch weitere Faktenchecker. Gösmann mahnt: "Das alles kostet. Journalismus ist nie umsonst."

dpa ist immer stärker auf Politik und Unternehmen angewiesen

Die Digitalisierung fordert dpa auch wirtschaftlich. Nach dem Krieg wurde die Agentur als Genossenschaft gegründet: Sie gehört fast 200 Rundfunkanstalten und vor allem Zeitungsverlagen. Geschäftsführer Peter Kropsch betont, dieses Modell schütze dpa - es könne kein einzelner Eigentümer "durchregieren". Doch dieses Modell hat auch seine Tücken: Zeitungen zahlen nach Auflage. Weil die aber seit Jahren zurückgeht, kommen bei dpa immer weniger Abogebühren von Hauptkunden an.

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Will auch in anderen Bereichen wachsen: Peter Kropsch, Geschäftsführer der dpa.

"In unseren Kernbereichen machen wir wie auf einer schiefen Ebene immer weniger Umsatz", sagt Geschäftsführer Kropsch. "Deswegen ist es so wichtig, in anderen Bereichen zu wachsen." Diese anderen Bereiche sind beispielsweise Informationsdienste für Wirtschaft und Politik: Nachrichten für Regierungen, Lobbyeinrichtungen und Konzerne. Die Nachrichtenagentur wird außerdem zunehmend von einem Ableger namens News Aktuell gestützt. News Aktuell ("PR kann so einfach sein") verbreitet Pressemitteilungen, auch über den Kanal der dpa, damit sie direkt in den Redaktionssystemen der Zeitungen und Sender ankommen.

Auch aus dem Silicon Valley kommt erstes Geld. Nicht nur klassische Medien, sondern auch Plattformen wie Facebook kaufen bei dpa Faktenchecks. Damit ist der Kampf gegen Desinformation und Deepfakes für die dpa ein Geschäft mit Zukunft. Es hilft, den Kern der dpa auch über die ersten 70 Jahre zu stützen: die Nachrichtenagentur mit ihren inzwischen weltweit etwa 1.000 Journalistinnen und Journalisten.

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ZAPP | 14.08.2019 | 23:20 Uhr