Stand: 12.12.2018 14:50 Uhr

"Hinz und Kunzt": Kampf gegen Auflagenschwund

von Inga Mathwig und Timo Robben
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Birgit Wende verkauft das Straßenmagazin "Hinz und Kunzt" in Hamburg.

Um 6 Uhr morgens ist Birgit Wende längst auf den Beinen. "Viel Schlaf brauch ich nicht", sagt die 49-Jährige. Daran habe sie sich gewöhnt, als sie noch "Platte gemacht" habe. Die Platte: So nennen Obdachlose ihren Schlafplatz. Heute hat Birgit Wende ein Dach über dem Kopf. Einen kleinen Wohnwagen auf einem Campingplatz in der niedersächsischen Gemeinde Tespe, nur wenige Minuten Fußweg von der Elbe entfernt. "Das finde ich absolut geil, ich kann es nicht anders ausdrücken", erzählt sie lachend. "An der Elbe zu sitzen, hier am Deich, das ist das Coolste, was es gibt." Dabei geholfen habe ihr auch die Arbeit beim Straßenmagazin "Hinz und Kunzt".

Eine Frau verkauft Hinz & Kuntz

"Hinz und Kunzt": Kampf gegen Auflagenschwund

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Immer weniger Leute kaufen Printmedien - das trifft Verkäufer von Straßenmagazinen hart, sie werden pro Heft bezahlt. Wir haben eine "Hinz und Kunzt"-Verkäuferin begleitet.

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Straßenmagazin für Verkäufer wie "eine kleine Familie"

Seit sechs Jahren verkauft sie das Straßenmagazin. Es geht ihr dabei längst nicht nur um das kleine Zubrot, das sie als Sozialhilfeempfängerin damit verdient. "Es ist der Halt. Es ist sowas wie eine kleine Familie", erzählt Birgit Wende. Die Straßen- und Sozialarbeiter von "Hinz und Kunzt" hätten ihr dabei geholfen, ihr Leben zu sortieren: Schulden abzubauen, von der Straße wegzukommen, den Platz für den Campingwagen zu bekommen.

Verkaufspreis und -ort sind klar geregelt

Beim Vertrieb von "Hinz und Kunzt" können Obdachlose und Bedürftige die Straßenmagazine kaufen: 1,10 Euro zahlen sie für eine Ausgabe. Für 2,20 Euro verkaufen sie sie wieder. Außerdem gibt es ein ausgeklügeltes System, in dem sich die Verkäufer für ihre jeweiligen Verkaufsplätze eintragen lassen können. Birgit Wende kauft diesmal fünf Ausgaben; im Schnitt verkauft sie fünf bis zehn am Tag. Ein Verdienst von maximal elf Euro. Und eine Struktur und ein Halt, der sich monetär nicht messen lässt.

Leserschwund durch Digitalisierung trifft auch "Hinz und Kunzt"

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Birgit Müller ist Chefredakteurin des Straßenmagazins "Hinz und Kunzt". Die Digitalisierung hat auch hier negative Folgen: "Uns brechen die jungen Leser weg."

Seit Jahren sind die Verkäufe rückläufig: In den Anfangszeiten erreichte das Straßenmagazin eine Auflage von 120.000, der Rekord liegt sogar bei 180.000. Dagegen wurden im vergangenen Monat rund 67.000 Exemplare verkauft. "Uns brechen die jungen Leser weg", sagt Chefredakteurin Birgit Müller. Das größte Problem sei die Digitalisierung. Zwar stemmt die vierköpfige, professionelle Redaktion auch ein eigenes Online-Magazin, bietet Texte und eigens produzierte Videos auch auf Social Media an. "Aber der direkte Kontakt ist für den Verkäufer unbezahlbar", so Birgit Müller. "Darüber lernt er oder sie Leute kennen, darüber stabilisiert er sich wieder."

Sozialpolitische Themen sollen wachrütteln

In "Hinz und Kunzt" finden Leser vor allem sozialpolitische Themen, der Fokus liegt auf Armut und Obdachlosigkeit in Hamburg. Die Inhalte sollen wachrütteln, Verständnis schaffen. "Die Botschaft lautet, dass arm und reich zusammen leben müssen", sagt Birgit Müller. Das schaffe die Straßenzeitung auch durch die Verkäufer, die aus dem Hamburger Stadtbild kaum mehr wegzudenken seien.

Klönschnack mit Käufern ist wichtig

Für die Verkäufer gelten klare Regeln: sie dürfen währenddessen keinen Alkohol trinken, keine Drogen konsumieren, sollen möglichst im Stehen verkaufen und sich nicht aufdrängen. Birgit Wende befolgt das gerne. "Leute anzusprechen, ist nicht so mein Ding", sagt sie. Mit den Käuferinnen und Käufern scherzt sie dann aber gerne, gibt ihnen Tipps für den Weihnachtsmarkt. Manchmal kämen sogar Kinder zu ihr, um mit deren Taschengeld das Magazin zu kaufen, so Birgit Wende: "Das sind schon tolle Sachen."

"Hinz und Kunzt" oft letzte Anlaufstation für Verkäufer

Dass es das Magazin einmal nicht mehr geben könnte, mag sie sich kaum vorstellen. "Für einige Verkäufer wäre es wahrscheinlich schon ein Untergang", sagt sie. "Die sehen es tatsächlich als Familienersatz an. Und wenn das wegbricht, dann weiß ich nicht, wie der Weg weitergeht. Vor allem für diejenigen, die das als letzte Anlaufstation haben."

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 12.12.2018 | 23:20 Uhr