Stand: 19.06.2019 19:01 Uhr

Neue Offenheit? Fehlerkultur im Journalismus

von Daniel Bouhs
Bild vergrößern
Diskutieren über Fehler: Podiumsdiskussion beim "Netzwerk Recherche".

Die Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche ist das Treffen der deutschen Rechercheure. Es geht um das eigene Handwerk, um Recherchemethoden und die Suche nach brisanten Informationen in Datenbergen. Die Journalisten diskutieren bei dieser Gelegenheit aber auch, wie zuverlässig ihre Veröffentlichungen sind, wie hysterisch.

Groß diskutiert in diesem Jahr: die sogenannte BAMF-Affäre. Die hatten etwa NDR, Radio Bremen und "Süddeutsche Zeitung", aber auch der "Spiegel" 2018 groß berichtet - übrig geblieben vom Vorwurf, in der Bremer Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge seien Asylanträge vermutlich im großen Stil und vielleicht sogar mit krimineller Energie einfach durchgewunken worden, eher wenig.

Fehlerkultur im Journalismus. © NDR

Neue Offenheit? Fehlerkultur im Journalismus

ZAPP -

Auch Journalisten machen Fehler: Von Ungenauigkeiten unter dem Druck der Aktualität bis hin zu eklatanten Falschdarstellungen. Der Umgang damit ist unterschiedlich.

3,43 bei 7 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

"Unsere Berichterstatttung war nicht falsch"

"Es gab immer wieder Leute, die gesagt haben, korrigiert endlich eure Berichterstattung, eure Berichterstattung ist falsch gewesen. Nein, unsere Berichterstattung war natürlich nicht falsch", kontert Christine Adelhardt aus der NDR-Investigation. Zusammen mit einem Kollegen des "Spiegel" erklärt sie die Hintergründe ihrer Veröffentlichungen. Der wichtigste Punkt der beiden Rechercheure: Alles basierte auf einer Selbstanzeige der Behörde und anschließenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Adelhardt ist aber auch selbstkritisch: So hätten sie und ihre Kollegen "natürlich auch unter dem Druck gestanden, dass man auch zu einem Konkurrenzverhältnis zu anderen steht". Rückblickend würde sie zudem einiges anders machen, sagt Adelhardt am Rande der Tagung gegenüber ZAPP: "Ich glaube, dass man es noch deutlicher und noch zugespitzer formulieren muss, dass man wirklich in einem Verdachtsmoment ist."

Der Fall Relotius beschäftigt alle

Auf einem anderen Podium geht es um den Umgang mit Fehlern. Das Wort "Relotius" - also der Fälscher vor allem von "Spiegel"-Texten - fällt immer wieder. Den Journalisten hier geht es aber um Ungenauigkeiten, die im Alltag passieren, etwa unter dem Druck der Aktualität. Das klare Signal: Nur der offensive und transparente Umgang mit Fehlern ist der richtige Weg. Der ist allerdings nur möglich, wenn es auch eine Kritikkultur in den Häusern gibt – und nicht, wenn schon einfache Fehler personelle Konsequenzen nach sich zögen.

Weitere Informationen

Der Fall Relotius und die Folgen für den Journalismus

Claas Relotius hat über Jahre Leser und Kollegen mit erfundenen Geschichten getäuscht, so das Ergebnis vieler Prüfungen. Als Konsequenz gibt's nicht nur beim "Spiegel" neue Kontrollmechanismen. mehr

Mitarbeitern bei Fehlern den Rücken stärken

Bild vergrößern
Fehler offen ansprechen: Kai Gniffke.

"Wenn du weißt, du stehst unter Beobachtung, der Chef steht hinter dir, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass man eine Fehlleistung an den Tag legt, viel größer und auch da habe ich wirklich gelernt", sagt Noch-"Tagesschau"- Chefredakteur Kai Gniffke, der künftig Intendant des SWR sein wird. "Wichtig ist, dass wir nach der Sendung sagen: 'Übrigens, da war ein Fehler', nicht 'hoffentlich merkt’s keiner'. Das wäre der falsche Weg."

Die "Tagesschau" versuche, Probleme in der eigenen Berichterstattung selbst öffentlich zu machen, sagt Gniffke. Sein aktuelles Beispiel: Zu den Protesten gegen Venezuelas selbst ernannten Übergangspräsidenten Juan Guaidó im Februar 2019 hatte eine Korrespondentin gemeldet, Regierungsanhänger hätten Lkw mit Hilfsgütern angezündet - wie viele andere Medien auch. Nach der Ausstrahlung zweifelte die Redaktion allerdings daran.

Medien machen Fehler transparent

Die "Tagesschau" recherchierte gezielt nach und stellte fest: "Mit dem Wissen von heute lässt sich der tatsächliche Ablauf nicht exakt rekonstruieren. Zumindest sind Zweifel angebracht. Genau deshalb hätte die tagesschau wesentlich vorsichtiger texten sollen und nicht eine der möglichen Versionen als Gewissheit darstellen sollen."

Die "Tagesschau" setzt ihren "Faktenfinder" immer wieder auch auf sich selbst an. Viele Sender wie zum Beispiel das ZDF und auch der NDR haben Korrektur-Rubriken auf ihren Internetseiten. Und manch eine Redaktion nutzt auch Podcasts, um - wie bei Buzzfeed - "Unterm Radar"nicht nur über die eigenen Rechercheleistungen, sondern auch über Schwächen zu sprechen.

Weitere Informationen

Abschluss der Relotius-Affäre: Schwächen im System

Ein Dutzend "hart verfälschter" Texte und auch sonst viel "journalistisch Wertloses": Der "Spiegel" hat nach monatelanger Prüfung den Abschlussbericht zur Relotius-Affäre vorgelegt. mehr

Faktencheck in den Medien

In Zeiten von Fake News und Vertrauenskrise scheint Faktencheck in den Medien an Bedeutung zu gewinnen. Doch eigene Abteilungen dafür leisten sich nur wenige Medienhäuser. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 19.06.2019 | 23:20 Uhr