Stand: 19.06.2019 19:39 Uhr

Manipulierte Filme: RTL-Nord feuert Mitarbeiter

von Sebastian Friedrich & Caroline Schmidt
Bild vergrößern
Entschuldigung im Fernsehen: Katja Burkard.

Das hatten die Zuschauer von "Punkt 12", der Mittagssendung von RTL, noch nie erlebt. Die Moderatorin Katja Burkard entschuldigt sich am vergangenen Freitag live beim Publikum "wegen einer äußerst ärgerlichen Angelegenheit in eigener Sache". Einem Reporter konnten Manipulationen in mehreren Fernsehbeiträgen nachgewiesen werden.

RTL hat den festangestellten Journalisten daraufhin fristlos entlassen und alle manipulierten Beiträge gelöscht. Den Namen des Reporters gibt RTL nicht heraus, doch in der Branche ist er bekannt. Es ist ein vertrautes Gesicht des Senders. Der 39-Jährige wurde über Jahre aufgebaut und stand regelmäßig vor der Kamera.

Manipulationen bei RTL Nord. © NDR

Manipulierte Filme: RTL-Nord feuert Mitarbeiter

ZAPP -

Ein RTL-Reporter hat mehrere Fernsehbeiträge manipuliert. Der Sender machte die Verfälschungen selbst öffentlich. Auch das Fernsehen ist nicht vor Manipulationen gefeit.

5 bei 5 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Reporter gibt Double als Protagonistin aus

Bild vergrößern
"Journalismus ist Vertrauenssache": RTL-Chefredakteur Wulf.

In einem Beitrag hat der Reporter laut RTL so getan, als ob er mit Lionel Richie am Rande eines Konzerts ein Interview führt, dabei stammte das Material von einer PR-Agentur. In einem anderen Beitrag ging es um eine Codein-süchtige Frau. Die Betroffene wollte aber nicht vor die Kamera, sagt RTL-Chefredakteur Michael Wulf. Der Reporter habe daraufhin mit Einwilligung der Frau ein Double eingesetzt, dies im Beitrag aber nicht kenntlich gemacht. Den Zuschauern wurde somit suggeriert, es handele sich um die tatsächliche Protagonistin. "Er hätte ja sagen können", so Wulf, "es ist nachgesprochen worden, weil sich der Protagonist nicht vor der Kamera sehen möchte, aber das ist nicht passiert."

Redakteurin schöpft Verdacht

Da die Bilder im Beitrag stark verfremdet sind, fällt die falsche Protagonistin zunächst keinem auf. Nur eine Redakteurin schöpft Verdacht, kontrolliert das Rohmaterial und verständigt am 15. Mai den Redaktionsleiter, der eine Untersuchung einleitet. Bis jetzt habe RTL dem Reporter Manipulationen in sieben Fällen nachgewiesen. Die Beiträge liefen in den RTL-Sendungen "Punkt 12", "RTL Nachtjournal" und im Regionalmagazin "RTL Nord".

Der Fall des RTL-Reporters fällt in eine Zeit, in der viele Redaktionen um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen. In den vergangenen Monaten sind Fälschungen unter anderem beim "Spiegel" und im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" herausgekommen. Auch in der WDR Fernsehreihe "Menschen hautnah" gab es Unstimmigkeiten um eine Protagonistin, die in mehreren Beiträgen mit teils widersprüchlichen Angaben auftauchte.

Auch Fernsehen nicht vor Fälschungen sicher

Bild vergrößern
Auch das Fernsehen ist vor Betrug nicht sicher, so Christian Stöcker.

Natürlich ist auch das Fernsehen nicht vor Betrug gefeit, sagt Christian Stöcker, Medienprofessor an der HAW Hamburg: "Man kann sich Protagonisten, Protagonistinnen suchen, die man bezahlt dafür, dass sie was erzählen, was gar nicht stimmt. Man kann Bilder in tendenziöser Weise zusammenschneiden. Man kann natürlich in Off-Texten Dinge behaupten, die nicht wahr sind."

Faktenchecks: wünschenswert - und teuer

Dennoch gibt es Möglichkeiten, um gegen Fälschungen vorzugehen. Teamarbeit zum Beispiel schützt in der Regel vor groben Betrugsfällen. Wirkungsvoll kann auch ein institutionalisierter Faktencheck sein, bei dem jeder einzelne Film, Text oder Beitrag kontrolliert wird. Ein Aufwand, der allerdings Zeit und Geld kostet. Mehr Faktenchecks seien zwar wünschenswert, so Stöcker, aber kommerziell finanzierter Journalismus müsse eben haushalten. "Das ist ein Dilemma, das sich auch kurzfristig nicht auflösen wird", so Stöcker.

RTL setzt Arbeitsgruppe ein

RTL hat nun eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die alle Prozesse überprüfen soll, damit sich ein solcher Fall nicht wiederholt. Die Kontrolle von Reportern habe allerdings Grenzen, sagt RTL-Chefredakteur Wulf. Alles nachzuprüfen, sei schlicht nicht machbar. "Journalismus ist Vertrauenssache", so Wulf, "und wir vertrauen unseren Journalisten, weil die alle gut ausgebildet sind. Dass irgendwo immer mal ein schwarzes Schaf dabei ist, das ist leider so. Das gibt es in anderen Branchen auch. Und das ist das, wo man dann wirklich an seine Grenzen kommt."

Weitere Informationen

Neue Offenheit? Fehlerkultur im Journalismus

Auch Journalisten machen Fehler: Von kleinen Ungenauigkeiten unter dem Druck der Aktualität bis hin zu eklatanten Falschdarstellungen. Der Umgang damit ist unterschiedlich. mehr

Lügen und Videos: Deepfakes fluten das Netz

Immer häufiger findet man Bewegtbild-Manipulationen von Videos im Netz. Sie sind ein besonders perfides Mittel der Manipulation: sogenannte Deepfakes. mehr

Framing: ARD-Papier sorgt für Diskussion

Worte lösen Gefühle aus. So auch der Begriff "Framing", seit Bekanntwerden des Handbuchs der ARD gerade meist negativ besetzt in aller Munde. ZAPP fragt, was dahinter steckt. mehr

Facebook lässt Fakten von dpa checken

Nicht zuletzt vor der Europawahl soll die Nachrichtenagentur dpa dabei helfen, Desinformation auf Facebook einzudämmen. Das soziale Netzwerk nutzt dafür aber auch künstliche Intelligenz. mehr

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 19.06.2019 | 23:20 Uhr