Stand: 28.09.2016 14:00 Uhr

Die Bewegtbild-Offensive der Verlage

von Daniel Bouhs
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Die "Bild" nutzt Facebook wie viele andere Medienmarken auch, um Videocontent zu verbreiten - und auch für Liveberichterstattung.

Ob der Putschversuch in der Türkei, der 15. Jahrestag von "9/11", die Landtagswahl in Berlin oder das Münchner Oktoberfest: "Bild" geht inzwischen an vielen Tagen gleich mehrmals live. Die Boulevardzeitung hat sich in den vergangenen Monaten eine eigene Infrastruktur für aktuelle Bewegtbild-Angebote aufgebaut - weitgehend mit günstiger Technik, die inzwischen praktisch jeder in seiner Hosentasche mit sich herumträgt: "Bild" vernetzt seine Reporter überwiegend mit handelsüblichen Smartphones.

 

Die Startfenster verschiedener Videos von Nachrichtenmagazinen.

Die Bewegtbild-Offensive der Verlage

ZAPP -

Reichweitenstarke Ausspielwege über Social Media und leistungsstarke Smartphones ermöglichen Verlagen den Einstieg in den Bewegtbild-Journalismus. Die "Bild" ist ganz vorn dabei.

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"Live-Bewegtbild für das Smartphone-Zeitalter"

"Wir wollen nicht das Fernsehen kopieren oder neues Fernsehen sein, sondern Live-Bewegtbild für das Smartphone-Zeitalter liefern", sagt Digitalchef Julian Reichelt im Interview mit ZAPP. Im Berliner Axel-Springer-Hochhaus hat Reichelt dafür mehrere Studios eingerichtet und dazu eine Regie, die Reporter und Experten via Video-Telefonie für eigene Sendungen zusammenschaltet. Damit sei "Bild" schneller und vor allem viel günstiger unterwegs als das klassische TV mit seinen Übertragungswagen und Satellitenschalten. Außerdem sende dieses Programm - Ruckler hin, Abbrüche her - "aus der Erlebnis- und Lebenswelt der User", die "genauso mit ihrer Mutter, ihrer Freundin, ihrem Sohn kommunizieren", sagt Reichelt. Er spricht offensiv von einer "Revolution".

Neue Technik ermöglicht neue Chancen

"Bild" rüstet beim Thema Bewegtbild am kräftigsten auf, ist aber längst nicht die einzige Zeitungsredaktion, die Formate für Smartphone-Nutzer kreiert. In Regensburg probiert sich etwa die "Mittelbayerische Zeitung" an einem kompakten "Mittagsmagazin": Die Zeitungsreporter liefern via Smartphone kurze Interviews, der Newsroom steuert ein Nachrichtenüberblick bei, ein Redakteur baut schließlich die Sendung zusammen. "Früher war es sehr aufwendig, etwas in vernünftiger Qualität zu machen", sagt Christian Kucznierz, Leiter des Newsdesk der "MZ", gegenüber ZAPP. "Heute können sie innerhalb von wenigen Sekunden den Film der ganzen Welt zugänglich machen." Man wäre als Verlag überdies "dumm", wenn man die Chance, gezielt soziale Netzwerke zu bedienen, nicht nutzen würde.

Kein Angriff aufs klassische Fernsehen

Als Angriff aufs Fernsehen wollen beide ihre Aktivitäten indes ausdrücklich nicht verstanden wissen. "Wir machen kein Fernsehen. Wir machen Videobeiträge", sagt Kucznierz. Julian Reichelt wiederum geht ohnehin davon aus, dass das Fernsehen sich "schwer damit tut, auf die neuen Bedürfnisse einzugehen". Auf die Frage, ob er das Fernsehen attackiere, sagte der "Bild"-Digitalchef dann auch gegenüber ZAPP: "Wir sehen tatsächlich eine Revolution, die einen Angriff eigentlich überflüssig macht." 

Verlage umgehen geschickt Kriterien für Rundfunklizenz

Unterdessen müssen sich die Landesmedienanstalten immer wieder mit der Frage beschäftigen, ob Verlage für das sendungsartige Live-Streaming eine klassische Rundfunklizenz brauchen, zum Beispiel für wiederkehrende Formate wie dem täglichen "Bild"-Nachrichtenüberblick "Daily" oder dem "Mittagsmagazin" der Regionalzeitung. Aber die Verlage wissen inzwischen, wie sie um die Lizenzpflicht herumkommen. So reicht es beispielsweise aus, wenn sie ihre täglichen Formate nicht minutengenau ankündigen - so macht es "Bild". Ein anderer Ausweg: Die Sendungen werden kurz vor der Veröffentlichung aufgezeichnet - so macht es die "Mittelbayerische". Kriterien für Rundfunk sind nämlich unter anderem: Inhalte müssen live gesendet und redaktionell eingebettet werden, dazu verlässlich programmiert sein.

Forderung nach Reform des Rundfunkstaatsvertrags

Die Vorsitzende des Regulierungsausschusses der Landesmedienanstalten, die Bremer Landesmedienanstalts-Leiterin Cornelia Holsten, fordert im Interview mit ZAPP eine Reform des Rundfunkstaatsvertrags: "Der ist wie ein Opa - verlässlich, aber man kann mit ihm nicht mehr Inlineskates fahren." Zeitgemäß wäre es aus ihrer Sicht etwa, für solche einzelnen Aktivitäten jenseits eines echten Fernsehprogramms keine Lizenz-, sondern nur noch eine Anzeigepflicht einzuführen. Stichwort: Bürokratieabbau.

Trennung von Journalismus und Werbung gilt auch online

Medienwächterin Holsten betont allerdings auch: Selbst wenn Verlage für ihre neuen Video-Formate keine klassische TV-Lizenz bräuchten, würden sie von der Medienaufsicht kontrolliert - mit allen Spielregeln, etwa dem Trennungsgebot von Journalismus und Werbung. Und das gelte immerhin schon heute, für die Abrufvideos der Verlage ebenso wie für Live-Angebote.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 28.09.2016 | 23:00 Uhr