Stand: 01.06.2015 16:00 Uhr  | Archiv

40 Jahre NDR Talk Show - die Geschichte

Wir schreiben das Jahr 1978: Die große Aufbruchstimmung der wilden 68er ist vorüber, doch auf deutschen Bildschirmen herrscht noch immer der "Muff von 1.000 Jahren" - die allabendliche Fernsehunterhaltung kommt eher bieder daher, daran ändern auch beliebte NDR Sendungen wie die Aktuelle Schaubude nichts. Eine Kreativ-Runde um den NDR Unterhaltungschef Henri Regnier und NDR Chefredakteur Winfried Scharlau zermartert sich im NDR Hochhaus eins in Hamburg-Lokstedt den Kopf: Ein Talk-Format muss her.

Der Blick über den Tellerrand

Moderator Michael Lentz (Mitte) spricht mit dem Regisseur Rainer Werner Fassbinder (links). NDR Talk Show vom 12.12.1980 © NDR/Detlef Drischel
Moderator Michael Lentz (Mitte) spricht mit dem Regisseur Rainer Werner Fassbinder (links) in NDR Talk Show am 12.12.1980.

Neidisch schauen die Programm-Pioniere über den großen Teich auf die USA: Dort wagen Star-Talkmaster schon seit Langem den Tabu-Bruch: Dick Cavett fragt den Schriftsteller-Fürsten Tennessee Williams frei von der Leber weg, ob er schwul sei, oder wer die Klamotten von Glamour-Queen Zsa Zsa Gabor bezahle. Und auch in Deutschland gibt's bereits erste Nachahmer: Dietmar Schönherr nimmt als Moderator der WDR-Talkshow "Je später der Abend" kein Blatt vor den Mund, und bei Radio Bremen wird in "III nach neun" heiß diskutiert - herrlich links, wie zu Rudi Dutschkes besten Zeiten.

Das wollen wir auch, so die Meinung der NDR Programm-Macher. Als Gäste sollten sich aber nicht nur Promis die Klinke in die Hand geben: "Leute aus dem eigenen Milieu der Zuschauer, solche, wie man sie in jeder Kneipe trifft", sollen die Zuschauer volksnah ansprechen, erinnert sich Scharlau.

Die Moderatoren

 

Barbara Schöneberger (seit dem 18.01.2008)
Zum ersten Mal in der Geschichte der NDR Talk Show wird am 18. Januar 2008 das komplette Gastgeber-Team ausgewechselt. Barbara Schönebergers Moderations-Partner Hubertus Meyer-Burckhardt sagt über seine Kollegin: "Man könnte Barbara neben einen Schäferhund setzen, und sie hätte immer noch eine gute Quote." Nur während ihrer Babypause im Sommer 2010 und Winter 2012/2013 musste der Zuschauer kurzzeitig auf Barbara Schöneberger als Gastgeberin verzi

Startschuss in der Kneipe "Onkel Pö"

Das Studio kurz vor Beginn der Sendung am 25.07.1980 © NDR/Fred Fechtner
Als die NDR Talk Show vom "Onkel Pö" ins Studio umzieht, entsteht auch die klassische Talkrunde, die bis heute Element der Sendung ist.

Am 9. Februar 1979 wird das "Baby" schließlich geboren: Zwei Pilotfolgen der NDR Talk Show werden aus der legendären Hamburger Szene-Musikkneipe "Onkel Pö" in Eppendorf gesendet. Die Moderatoren sind ein Trio mit Kult-Charakter: Dagobert Lindlau, Wolf Schneider und Hermann Schreiber. Besonders der spitzzüngige Schneider und der milde, abgeklärte Schreiber sollen über Jahre hinweg stilprägend für die Sendung bleiben. Erster prominenter Gast ist Verteidigungsminister Hans Apel. Statt einer "Rentnerband" - wie in Udo Lindenbergs Song über die Kult-Kneipe - spielt die Kombo Schneewittchen auf, sicher auch keinen "Dixieland". Die Begeisterung beim Publikum und Feuilleton hält sich nach der ersten Show noch in Grenzen.

Schneller Umzug ins Studio

In der zweiten Ausgabe gibt's dann gleich Zoff mit dem "Onkel Pö"-Wirt: Der möchte Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker, als Talkgast eingeladen, nicht in seinem linken Refugium sehen. Die Folge: Die NDR Talk Show zieht um. Zunächst wird aus dem Studio Hamburg in Jenfeld, später aus den NDR Studios in Lokstedt gesendet - das ist bis heute so geblieben.

On Tour: Talk mit linker Randale

Die NDR Talk Show am 10.08.1984 aus der Fischauktionshalle in Hamburg Altona. © NDR/Detlef Drischel
Streit gibt's nicht nur unter den Gästen: 1985 versuchen Aktivisten der Hausbesetzer-Szene die Außenübertragung zu sprengen.

Einige Male wagt die Talk Show Crew allerdings den Ausbruch aus dem Studio: Der erste "Fluchtversuch" führt 1983 zum 150. Geburtstag des Staatstheaters Oldenburg. Brenzlig wird es 1985, als die NDR Talk Show während des Hamburger Hafengeburtstages in die Fischauktionshalle zieht: Aktivisten der Hausbesetzer-Szene sprengen die Sendung und halten Plakate mit der Aufschrift "Hände weg von der Hafenstraße!" in die Kameras. Die Polizei rückt an. Doch keine Panik: Udo Lindenberg vermittelt. Aber Alida Gundlach, mit mehr als 200 Moderationen weibliche Talk-Rekordhalterin, wird bei der Erinnerung an den Mai-Abend immer noch blass um die Nase. Nach diesem Zwischenfall gibt's "Betriebsausflüge" nur noch in ganz besonderen Ausnahmefällen.

Klaus Kinski in Höchstform

Aber nicht nur Störer sorgen in der mehr als 30-jährigen Geschichte der NDR Talk Show für Furore: Zu den sicher legendärsten und unvergessenen Talk-Momenten gehört der Auftritt des mittlerweile verstorbenen Schauspielers Klaus Kinski im Jahr 1985. Nachdem er auf dem Jungfernstieg einen Büroboten vermöbelt hat, ist er auf Betriebstemperatur für das abendliche Gespräch mit Alida Gundlach.

Als Ouvertüre sagt der Exzentriker der Moderatorin erst einmal, dass sie nur Müll rede. Auch die folgende Kommunikation zwischen den beiden darf als gestört bezeichnet werden: Statt über seinen neuen Film zu sprechen, möchte sich Kinski lieber über den "von hinten recht ansehnlichen Popo" der Moderatorin unterhalten. Die Frage, ob Alida Gundlach Strapse trägt, beantwortet sich Kinski kurzerhand selbst und greift zu.

Nackte Brüste und fliegende Gläser

Auch Sänger Falco kann sich der erotischen Anziehungskraft der Moderatorin Alida Gundlach nicht entziehen und spricht sie mit "Du kleines rotes Teufelchen" an. Zwei nackte Tatsachen gibt 1987 die italienische Pornodarstellerin Ilona Staller zum Besten, sie hebt die Bluse und zeigt in die Kamera, womit sie ihr Geld verdient. Scharf geschossen wird 1992 beim Thema Abtreibung: Der konservative Standpunkt von Angela Merkel bringt Autorin Karin Struck zur Explosion. Wutentbrannt reißt sie sich das Mikrofon vom Leib und schleudert ihr gefülltes Rotweinglas ins Publikum - zum Leidwesen einer Zuschauerin.

Bekenntnisse und Bewegendes

Helmut Schmidt © NDR
Nur einmal ist Altkanzler Helmut Schmidt zu Gast in der NDR Talk Show. Dieser Besuch hinterlässt allerdings einen bleibenden Eindruck.

Doch nicht nur die schrillen Gäste, auch die leisen Töne machen die NDR Talk Show aus: Zu den eindrucksvollsten Momenten gehört sicher das Gespräch mit dem 1999 verstorbenen Dirigenten Yehudi Menuhin, der zu den bekanntesten Violinisten des 20. Jahrhunderts gehörte. Eine Gänsehaut bekommen die Zuschauer auch, als Altkanzler Helmut Schmidt mit Schnupftabak verstopfter Nase gesteht, dass er während der Flugzeugentführung der "Landshut" nach Mogadischu "die Nerven verloren und einfach losgeheult" habe. Nachdenklich stimmt auch das Interview mit dem sterbenskranken Fassbinder-Freund und Schauspieler Kurt Raab, der in der NDR Talk Show einen seiner letzten öffentlichen Auftritte hatte. Bewegende und bewegte Momente in der Geschichte der NDR Talk Show.

Dieses Thema im Programm:

NDR Talk Show | 27.02.2009 | 22:00 Uhr