150 Jahre Hamburg Süd - Die Traditionsreederei und ihre Geschichte

Stand: 22.10.2021 17:38 Uhr

Hamburg Süd – dieser Schriftzug ist in den Häfen in aller Welt allgegenwärtig. Er prangt auf Schiffen und Containern. 150 Jahre ist es jetzt her, dass die Reederei gegründet wurde.

von Dietrich Lehmann und Petra Volquardsen

Vertreter von elf namhaften Handelshäusern sind es, die sich an einem grauen Novembertag, am 4.11.1871, zusammensetzen, um formell eine neue Reederei zu gründen: die Südamerikanische Dampfschifffahrtsgesellschaft, kurz Hamburg Süd. Es ist die Zeit des Aufbruchs in ein neues Zeitalter. Nicht nur politisch und technisch, sondern auch wirtschaftlich. Die Gründung der Reederei ist auch eine Reaktion darauf, dass es immer mehr Auswanderer aus Deutschland nach Südamerika zieht.

Von Hamburg nach Süd-Amerika

Reederei Hamburg: Verladung am Hamburger Burchardkai © Reederei Hamburg Süd
Ob auf Schiffen oder Containern: Dem Schriftzug "Hamburg Süd" begegnet man heute in fast allen Häfen dieser Welt.

Die neugegründete Reederei übernimmt drei Schiffe der Hamburg-Brasilianischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft und kauft ein viertes dazu. Die Schiffe verkehren im monatlichen Liniendienst zwischen Hamburg und Brasilien. Auch nach Argentinien geht es. Das Unternehmen setzt von Anfang an darauf, sowohl Fracht als auch Passagiere zu transportieren. Schnell macht sich die Reederei einen Namen.

Der Erste Weltkrieg

Als der Erste Weltkrieg beginnt, verfügt Hamburg Süd über mehr als 50 Schiffe. Doch bei Kriegsende scheint alles verloren. Als Wiedergutmachung müssen sämtliche Handelsschiffe der Reederei an die Alliierten übergeben werden.

Container der Reederei Hamburg Süd werden auf dem Terminal Altenwerder im Hamburger Hafen umgeschlagen. © dpa Foto: Kay Nietfeld
AUDIO: Hamburger Hafenkonzert: 150 Jahre Reederei Hamburg Süd (42 Min)

Die Goldenen Zwanziger

1920 startet die Reederei Hamburg Süd mit zunächst nur drei Segelschiffen wieder durch. Stück für Stück wird eine neue Flotte aufgebaut. Die Goldenen 20er Jahre werden auch für die Reederei zur neuen Blütezeit: Die Zahl der Schiffe vor dem Krieg wird bald übertroffen. Der Liniendienst zwischen Hamburg und Südamerika mit Passagieren und Fracht ist nach wie vor das Hauptgeschäft. Auf der Schnelldampferroute können Konkurrenten mit den schnellen Schiffen der Hamburg Süd nicht mithalten.

Heimat des Hamburger Hafenkonzerts

Kurt Esmarch (r.), Sprecher des "Hafenkonzerts", bei einem Interview auf der "Cap Arcona" 1931.
Auch das Hamburger Hafenkonzert sendete immer wieder von Bord von Hamburg Süd-Schiffen: hier ist Kurt Esmarch (r.), der Erfinder des "Hafenkonzerts", bei einem Interview auf der "Cap Arcona" zu sehen.

Als das Hamburger Hafenkonzert aus der Taufe gehoben wird, vor mehr als 90 Jahren, da will der Vater der Sendung, Kurt Esmarch, unbedingt von einem Schiff aus senden. Er fragt deshalb bei verschiedenen Reedereien an, geht Klinken putzen – und bekommt bei den konservativen Reedern Absagen. Nicht so bei der Hamburg Süd. Die erste Sendung des Hafenkonzerts wird deshalb am 9. Juni 1929 auf einem Hamburg Süd-Dampfer aufgezeichnet: auf der "Antonio Delfino", einem Schiff, das für 1.900 Passagiere gebaut worden war.

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Container-Terminal Altenwerder im Hamburger Hafen © picture-alliance / dpa Foto: Soeren Stache

Hamburger Hafenkonzert - Sonntag bei NDR 90,3

Hören Sie die älteste Radiosendung der Welt auf NDR 90,3. Das erste Hamburger Hafenkonzert wurde 1929 ausgestrahlt. mehr

Der Zweite Weltkrieg

Die "Wilhelm Gustloff" bei einer Probefahrt am 15. März 1938 © picture-alliance / akg-images Foto: akg-images
Die Wilhelm Gustloff der Reederei Hamburg Süd bei einer Probefahrt am 15. März 1938

Als der 1939 der Zweite Weltkrieg ausbricht, sind viele Hamburg Süd-Schiffe im Ausland. Nicht wenige von ihnen werden beschlagnahmt und müssen als Versorgungsschiffe herhalten. Zahlreiche Frachter und Passagierdampfer werden versenkt. Bei Kriegsende helfen Schiffe wie die "Wilhelm Gustloff", die "Cap Arcona" und die "General San Martin" dabei, Flüchtlinge vor der sowjetischen Armee in Sicherheit zu bringen.

Tragödien zum Kriegsende: "Wilhelm Gustloff" und "Cap Arcona"

Zwei Tragödien ereignen sich zum Kriegsende: Das "Kraft durch Freude" - Schiff "Wilhelm Gustloff" soll am 30.Januar 1945 fast 10.000 Menschen gen Westen bringen. Das Schiff wird am Abend in Höhe Stolpmünde von russischen Torpedos getroffen und sinkt etwa 23 Seemeilen vor der pommerschen Küste. Mehr als 9.000 Menschen sterben in der eiskalten Ostsee.

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Die "Wilhelm Gustloff" um 1938 in einem Hafen. © picture-alliance / akg-images Foto: akg-images

Die tragische Versenkung der "Wilhelm Gustloff"

Am 30. Januar 1945 treffen russische Torpedos das Schiff. Es ist das Todesurteil für Tausende Flüchtlinge an Bord. mehr

Kurz vor Kriegsende wird auch die "Cap Arcona" versenkt. Der einstige Luxusdampfer wird am 3. Mai 1945 von britischen Bombern in der Lübecker Bucht beschossen. An Bord sind mehrere tausend Häftlinge aus dem KZ Neuengamme. Die meisten von ihnen sterben bei der Versenkung der "Cap Arcona". Bei Kriegsende 1945 muss die Reederei die wenigen verbliebenen Schiffe als Reparation abgeben. Eine Flotte hat die Hamburg Süd zu dieser Zeit nicht mehr. Das Unternehmen hält sich mit Schuten, Schleppern und Barkassen im Hamburger Hafen über Wasser. 

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Der Luxusliner "Cap Arcona" liegt in einem Hafen vor Anker. © picture alliance/akg-images

Tragödie am Kriegsende: Der Untergang der "Cap Arcona"

Weil die Briten deutsche Truppen auf dem Schiff vermuten, versenken sie es. An Bord sind allerdings evakuierte KZ-Häftlinge. mehr

Der Neubeginn

1950, fünf Jahre nach dem Krieg, ist der Zeitpunkt für einen weiteren Neubeginn gekommen. Bei den Howaldtswerken auf Steinwerder läuft das erste Schiff der Hamburg Süd nach dem Krieg vom Stapel: die "Santa Ursula". Tausende Schaulustige sind auf der Werft dabei, die Rede zur Schiffstaufe hält kein Geringerer als Bürgermeister Max Brauer. Gut ein Jahrzehnt nach dem Krieg kehrt Schritt für Schritt wieder Normalität ein. Im Hafen von New York machen wieder Schiffe mit der deutschen Flagge am Heck fest – wie die "Cap Roca", ein Schiff der sogenannten Columbus-Linie, die zwischen Nord- und Südamerika verkehrt.

Die "Cap San"-Schiffe werden gebaut

3. Mai 2011: Die Cap San Diego liegt im kühlen Sonnenschein im Hafen. © Jürgen Jobst Foto: Jürgen Jobst
Die "Cap San Diego" ist das letzte verbliebene Schiff der "Cap San"-Reihe und liegt nun seit mehr als 30 Jahren als Museumsschiff an den Hamburger Landungsbrücken.

Anfang der 60er Jahre gehen die später berühmtesten Schiffe der Hamburg Süd in Fahrt: die "Cap San"- Schiffe, auch weiße Schwäne des Südatlantiks genannt. Für den Bau der Stückgut-Schnellfrachter engagiert Reeder Oetker einen Architekten – Cäsar Pinnau. Der macht sich nicht nur mit Bauwerken einen Namen, sondern eben auch mit einer Reihe von schwimmenden Bauwerken. Yachten und Tanker sind darunter - und die Schiffe der "Cap San"-Reihe.

Das letzte verbliebene Schiff der "Cap San"-Reihe, die "Cap San Diego", liegt seit mehr als 30 Jahren als Museumsschiff an den Landungsbrücken. Dort trifft man heute eine ganze Reihe von Ehrenamtlichen, die früher bei der Hamburg Süd gefahren sind. Sie möchten diese Zeit nicht missen. Mit der Hamburg Süd als Arbeitgeber, sagt Carsten Schurig, hat er über alle Jahre gute Erfahrungen gemacht. „Da war ´ne klare Linie drin, man kriegte sein Geld. Ich hab nie gedacht, Gott was ist das für ein Verein hier. Das hatte alles Hand und Fuß hier, das Ganze. Es waren vernünftige Leute und ich bin gern gefahren hier.“

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Die "Cap San Diego" bei ihrem Stapellauf 1961 in Hamburg-Finkenwerder © Archiv Cap San Diego, Firmenzeitung der Deutschen Werft AG

"Cap San Diego": Hamburgs schwimmendes Wahrzeichen

In Finkenwerder läuft der Schnellgutfrachter vor 60 Jahren vom Stapel. 1986 kehrt er als Museumsschiff zurück nach Hamburg. mehr

Der Container und das Ende der "Cap San"-Schiffe

Der Amerikaner Malcolm McLean hat mit seiner Erfindung wie kein anderer die Schifffahrt revolutioniert. 1956 schickt er zum ersten Mal Container auf eine Schiffsreise. Nach und nach löst der Container die klassische Stückgutfracht ab. 1985 schließlich werden die letzten "Cap San"-Schiffe außer Dienst gestellt. Das Containerzeitalter hat sie endgültig überholt.

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Der seinerzeit größte Container-Terminal Europa in Bremerhaven am 19.08.1983. © dpa Foto: Schilling

Wie die Welt in die Kiste kam

Im Mai 1966 wurden die ersten Schiffscontainer im Norden umgeschlagen. Damals war ihr Siegeszug noch nicht absehbar. In Hamburg kommen sie wenig beachtet als "Decksladung" an. mehr

Die Oetkers - eine Reederdynastie

Vor einem Gemälde des Firmengründers August Oetker präsentieren sich seine Nachfahren, der ehemalige Firmenleiter Rudolf August Oetker (l) und sein Sohn und Nachfolger August Oetker (r) am Mittwoch (13.07.99) in Bielefeld der Presse. © picture-alliance / dpa Foto: Bernd Thissen
Der langjährige Hamburg Sued-Chef Rudolf August Oetker (l) und sein Sohn und Nachfolger August Oetker (r). Im Hintergrund auf dem Gemälde: der Gründer des Oetker-Imperiums August Oetker sen.

In den 50er Jahren steigt die Bielefelder Familie Oetker bei der Reederei Hamburg Süd ein. Vielen ist sie bekannt durch Pudding- und Backpulver sowie durch Backmischungen. Jahrzehntelang bestimmen die Oetkers, wohin Schiffe und das Unternehmen steuern. Nicht nur für Rudolf August, sondern auch für die nachfolgende Generation um August Oetker ist es ein lohnendes Geschäft. Er wolle sich nie mit dem zweiten Platz zufrieden geben, betont Rudolf August Oetker immer wieder. Sein Motto: wo immer möglich, die Nummer eins zu sein und zu bleiben. Ein Wahlspruch, den auch sein Sohn August Oetker übernimmt. Dieser wiederum tritt die Führung der Reederei 2010 an seinen jüngeren Bruder Richard ab.

Krise und Umbruch

Schiffsmodell-Restaurator Fréderic Lebas vor dem Modell eines Schiffes der Reederei Hamburg Süd. © Petra Volquardsen Foto: Petra Volquardsen
Ab dem 4. November 2021 ist im Internationalen Maritimen Museum Hamburg eine Sonderausstellung zu 150 Jahre Reederei Hamburg Süd zu sehen. Restaurator Fréderic Lebas hat dafür alte Schiffsmodelle wieder auf Vordermann gebracht.

Die wilden 2000er Jahre - so werden die vergangenen zwei Jahrzehnte vielleicht einmal später in Geschichtsbüchern bezeichnet werden. Die Jahre nach der Jahrtausendwende - und erst recht die weltweite Wirtschaftskrise ab 2007 - bringen die Schifffahrtsbranche stark ins Schlingern. Jahrelang hatten Reeder und Schiffsfinanzierer angesichts des rasanten Wachstums im Welthandel neue Schiffe bestellt. Zu viele Schiffe. Das wird spätestens dann ein Problem, als die Wirtschaft infolge der Lehman-Pleite ins Trudeln kommt.  Immer mehr Reedereien kommen in Schwierigkeiten. Eine der größten Reedereien der Welt, die koreanische Hanjin-Reederei, geht pleite. Andere schließen sich mit früheren Konkurrenten zusammen. Nur Hamburg Süd bleibt zunächst eigenständig. Erst 2013 verhandelt das Unternehmen mit der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd über einen Zusammenschluss. Die Stadt steht hinter dem Plan. Am Ende aber scheitern die Verhandlungen - vor allem an Bedenken der Eigentümerfamilie Oetker. 

Übernahme durch Maersk

Ende 2016 schließlich geben die Oetkers bekannt, dass sie Hamburg Süd an die dänische Maersk-Reederei verkaufen - die größte Reederei der Welt. Bei den Mitarbeitern sorgt das für Verunsicherung. Hunderte gehen aus Sorge vor einem Stellenabbau auf die Straße.

Trotz der Proteste fallen zahlreiche Stellen und Arbeitsplätze der Übernahme zum Opfer. Der Kern des Unternehmens, die Marke Hamburg Süd, aber bleibt. 

 

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Das neue Schiff der Reederei Hapag Lloyd "Hamburg Express" © dpa-Bildfunk Foto: Angelika Warmuth
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Heimatkunde: Reedereien

Die Reedereien haben in der Hansestadt große Traditionen und wirtschaftliche Bedeutung. Vier Fakten, die man als Hamburger über Reedereien wissen sollte. 2 Min

Mittelalterliche Szene im Hafen einer Hansestadt (Farblithographie) © picture-alliance / akg-images

NDR 90,3: Die Geschichte des Hamburger Hafens

Von der Hanse zum Container-Zeitalter: Drei Sendungen zur Hafengeschichte im Hamburger Hafenkonzert zum Nachhören. mehr

Container-Terminal Altenwerder im Hamburger Hafen © picture-alliance / dpa Foto: Soeren Stache

Hamburger Hafenkonzert - Sonntag bei NDR 90,3

Hören Sie die älteste Radiosendung der Welt auf NDR 90,3. Das erste Hamburger Hafenkonzert wurde 1929 ausgestrahlt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Hamburger Hafenkonzert | 31.10.2021 | 06:00 Uhr

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