Stand: 20.06.2019 06:00 Uhr

Wer kontrollierte die Handball-Akademie in Flensburg?

von Constantin Gill

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Die Handball-Akademie muss ein Betreuungskonzept vorlegen.

Er würde es genauso wieder machen - täglich trainieren und mit anderen Handballtalenten von der Bundesliga träumen. "Es ist schon irgendwie ein cooles Ding", beschreibt er seine Zeit als Bewohner der Flensburg Akademie. Dort werden junge Handball-Talente gefördert - eine Vorzeigeeinrichtung. Der ehemalige Bewohner möchte anonym bleiben. Denn es gab ein Gewalt-Ritual unter Jugendlichen, das durch Recherchen des NDR Schleswig-Holstein und des Nachrichtenmagazins "Spiegel" öffentlich geworden war.

"80 Prozent der Beteiligten haben Spaß"

Auch der anonyme Ex-Bewohner hat das Ritual miterlebt. "Das war so: Eine Gruppe älterer Jungs kommt rein, die halten einen fest, ziehen einem das T-Shirt aus, und dann dreht einer an der Brustwarze mit einer Zange." Der Rest habe drumherum gestanden. "Wenn Du betroffen bist, willst Du das vielleicht nicht. Aber 80 Prozent der Beteiligten haben daran Spaß."

Nicht jeder ging so gelassen mit dem Ritual um wie der ehemalige Bewohner der Akademie. Ein anderer wandte sich an seine Mutter, nachdem er zum Opfer geworden war. So flog die Sache auf. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung.

Rechtsanwalt findet Betreuung "problematisch"

Bis heute sind die Jugendlichen abends oft allein in der Akademie. Der ehemalige Bewohner sagt: "Wir haben einfach einen Großteil unter uns ausgemacht. Du konntest ab einer gewissen Uhrzeit machen, was du wolltest. Und wie man als Jugendlicher eben ist, dann nutzt man das aus. Es hat auch keiner mitbekommen, wenn wir Blödsinn gemacht haben."

Jürgen Doege, Präsident der Rechtsanwaltskammer Schleswig-Holstein, findet diese Betreuungssituation "problematisch". Es könne Jugendliche dazu verleiten, über die Stränge zu schlagen, wenn die Betreuung fehlt. Doege könnte sich vorstellen, dass auch diejenigen, die für die Aufsicht verantwortlich waren, von der Staatsanwaltschaft befragt werden könnten.

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Doch eine Einrichtung wie die Flensburg Akademie ist nicht zwingend dazu verpflichtet, die Jugendlichen rund um die Uhr zu beaufsichtigen. Das Sozialministerium erläutert: Je nach Konzept und Zielgruppe sei es "zulässig, entsprechend zu Nachtzeiten eine dauerhaft erreichbare Rufbereitschaft vorzuhalten, die durch Bezugspersonen der Jugendlichen in räumlicher Nähe der Wohnungen sichergestellt wird."

Akademie hatte keine Betriebserlaubnis für ein Jugendheim

Ob das auf die Flensburg Akademie zutrifft, lässt sich noch nicht sagen. Denn ihr Konzept muss die Einrichtung erst noch vorlegen. Wie eine Prüfung des Landesjugendamtes jüngst ergeben hat, hätte die Flensburg Akademie eigentlich eine Betriebserlaubnis gebraucht - wie sie andere, klassische Jugendhilfeeinrichtungen haben, etwa Heime oder Wohngruppen. Um sie zu bekommen, muss die Flensburg Akademie unter anderem ein entsprechendes Betreuungskonzept vorlegen.

"Es geht hier um Sicherstellung des Wohls der in den Einrichtungen betreuten Minderjährigen. Darüber sollte jeder Träger informiert sein und dementsprechend handeln", sagt Irene Johns, die Vorsitzende des Kinderschutzbundes.

Verschiedene Maßnahmen angestoßen

Die Frage, wer die Flensburg Akademie zum Zeitpunkt der Vorfälle kontrollierte, lässt sich also so beantworten: Niemand. Denn das Landesjugendamt erfuhr überhaupt erst im März dieses Jahres von der Existenz der Flensburg Akademie und steht seitdem mit den Verantwortlichen in Kontakt. Der Betrieb läuft derzeit weiter.

Die Akademie selbst beantwortet keine Detailfragen zu diesem Thema - verweist aber auf eine gute Zusammenarbeit mit den Behörden. Zur Aufarbeitung der Vorfälle 2016 hatte der Träger verschiedene Maßnahmen angestoßen, etwa das Personal aufgestockt und auch externe Berater eingebunden. Die Akademie betont, dass nach 2016 keine weiteren Vorfälle bekannt geworden seien.

Ex-Bewohner: "Du musst der Typ dafür sein"

Der ehemalige Bewohner, der als Teenager in der Flensburg Akademie untergebracht war, hat seine Zeit dort gut verkraftet. Dass es anderen nicht so ging, ist ihm bewusst. "Wenn das einer nicht will, das ist klar, das geht gar nicht. Das kann ja auch psychische Folgen haben." Man müsse wissen, wann die Grenze erreicht sei, sagt er.

Seine Erlebnisse in der Flensburg Akademie will er trotzdem nicht missen: "Du musst der Typ dafür sein. Du musst Bock haben, in deinem Alter, was zu erleben, viel Sport zu machen. Und wenn du ehrgeizig bist und hoch auf den Balkon willst, dann kann ich das nur empfehlen." Er würde es genau so wieder machen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 20.06.2019 | 08:00 Uhr