Stand: 06.04.2020 10:18 Uhr

Schwalb: "Geisterspiele" keine Lösung im Handball

von Andreas Bellinger, NDR.de
Trainer Martin Schwalb von den Rhein-Neckar Löwen © imago images/foto2press Foto: Oliver Zimmermann
Martin Schwalb, Trainer der Rhein-Neckar Löwen, hat seine Corona-Infektion überstanden.

Leere Hallen, keine Einnahmen - aber einen Haufen Sorgen. Während im professionellen Fußball beharrlich über "Geisterspiele" debattiert wird, ist ein Szenario dieser Art für die Handball-Bundesliga kaum vorstellbar. Die Clubs sind abhängig von den Erlösen durch Eintrittskarten und den Verträgen mit Sponsoren und fürchten deshalb das abrupte Ende der Saison und - schlimmer noch - dass die Liga im Extremfall sogar auseinanderbricht. "Man muss sich schon ein bisschen Sorgen machen", sagt Martin Schwalb, der erst wenige Tage Trainer der Rhein-Neckar Löwen war, als die Corona-Pandemie Deutschland lahmlegte. Solidarität mahnt der 56-Jährige im NDR Sportclub an, damit die Vereine, die nicht den großen finanziellen Spielraum haben, nicht auf der Strecke bleiben. "Die müssen wir unterstützen", so Schwalb. "Das ist wichtig und auch, dass wir zusammenhalten."

Liga-Chef bremst Optimismus

Was Solidarität heißt, haben Holger Glandorf & Co. längst bewiesen. Eindrucksvoll. Auf 40 Prozent ihres Gehaltes haben die Spieler, Trainer und Mitarbeiter der SG Flensburg-Handewitt verzichtet - wie das Gros der (vorerst) pausierenden Bundesliga mehr oder weniger übrigens auch. "In einer Videoschalte sind wir relativ schnell auf einen Nenner gekommen und haben beschlossen, wie wir dem Verein helfen können", sagt Weltmeister Glandorf im Sportclub. Nach der Saison will der altgediente Rückraumspieler seine 19-jährige Profikarriere beenden - womöglich gezwungenermaßen auf dem Sofa. "Grundsätzlich wollen alle die Saison zu Ende spielen, am liebsten natürlich unter regulären Bedingungen", sagt Frank Bohmann. Doch der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga bremst jeglichen Optimismus und betont: "Das ist aber illusorisch."

Schwalb gehört zur Risikogruppe

Wo immer man hinhört: Spiele ohne Zuschauer hält so recht keiner für ein probates Mittel.

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Die finanzielle Situation würde sich nicht verbessern und zudem fehlte jegliche Atmosphäre. "Die Fans können schon mal für 15 Prozent sorgen, dass man ein Spiel gewinnt", sagt Glandorf. Und Schwalb ergänzt: "Handball ist ein so ungeheuer emotionaler Sport, in leeren Hallen macht das vergleichbar keinen Spaß."

Der Trainer der Rhein-Neckar Löwen, der mit dem HSV Hamburg alle wichtigen Titel gewonnen hat, ist seit zwei Wochen raus aus der Corona-Quarantäne. Wie einige seiner Spieler hatte er sich mit Sars-CoV-2 infiziert. Schwalb gehört nach seinem Herzinfarkt 2014 zur Risikogruppe und machte sich große Sorgen, wie er nur zaghaft andeuten mochte. Eigentlich habe er geglaubt, nur eine Grippe auszubrüten. Doch die Symptome waren eindeutig, die Folgen zum Glück glimpflich. "Ich fühle mich fit, aber die Situation war schon nicht einfach."

Glandorf auf dem Sofa in die Handball-Rente?

Auch Glandorf war in Quarantäne, weil einer seiner zwei Söhne Kontakt mit einem Corona-Infizierten hatte. Reichlich Zeit mit der Familie und viel Gartenarbeit ließen keine Langeweile aufkommen, erzählt der 37-Jährige. Dass er auf ein stimmungsvolles Abschiedsspiel unter Umständen verzichten muss, ficht den 170-maligen Nationalspieler nur bedingt an. "Das ist im Moment doch uninteressant. Viel wichtiger ist doch, dass alle diese Krise gut überstehen."

Schmäschke: "Was wird in der neuen Saison?"

Das sieht Dierk Schmäschke nicht anders. Als Geschäftsführer der SG sorgt er sich allerdings auch um das Wohl und Wehe des Vereins, der vorerst keine Liquiditätsprobleme habe. "Aber was wird in der neuen Saison?" Auf die Fans des Vereins scheint jedenfalls Verlass zu sein. "Wir wollen kein Geld zurückhaben für Dauerkarten oder so", sagt beispielsweise Sven Anker vom Fanclub "Alte Garde".

Ohne Verzicht geht es nicht

Eine faire Geste. Aber was ist, wenn Sponsoren ihre Unterstützung einstellen oder vielleicht selbst in die Insolvenz rutschen? "Im Moment haben wir diesbezüglich noch keine Rückmeldungen", sagt Jan Fegter, der einst Handballprofi war und nun in Flensburg ehrenamtlich als Geschäftsführer des Sponsorenclubs 100 wirkt.

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Eine Garantie sei das freilich nicht. "Die Lage genau beurteilen, können wir sicherlich erst im Sommer." Dass es in der kommenden Saison nicht ohne Verzicht gehen wird, steht für Viktor Szilágyi fest. "Stand heute", sagt der Geschäftsführer von Rekordmeister THW Kiel.

Schwalb: Wichtig, dass Handball verankert bleibt

Ob Tabellenführer Kiel die SG Flensburg-Handewitt als Meister ablösen kann, steht derweil ebenso in den Sternen wie die Zukunft der vermeintlich stärksten Handball-Liga der Welt. Schwalb: "Vielleicht wird es unseren Sport finanziell nicht mehr auf dem ganz hohen Niveau geben wie heute. Aber es ist wichtig, dass Handball weiter in der Gesellschaft verankert bleibt und dafür sollten wir schon ein bisschen zusammenhalten."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 05.04.2020 | 22:30 Uhr

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